Tibet Interview mit dem Dalai Lama

MERIAN: Eure Heiligkeit, man hört wenig aus Tibet, was wissen Sie selbst über die aktuelle Situation?

Dalai Lama: Es ist schlimm! Wissen Sie: In manchen Gebieten kommt auf fünf Tibeter ein chinesischer Soldat. In Lhasa sind Tibeter schon lange in der Minderheit. Das ist doch Besatzung! Mein uraltes Land, so formuliere ich hier ganz bewusst, meine Nation hat das Todesurteil erhalten! Es durchwandert den Tod! Es ist sehr ernst.

MERIAN: Es gibt selten unabhängige Berichte aus Tibet. Und Sie selbst haben die chinesische Führung oft mit starken Worten wie "kultureller Völkermord" kritisiert. Warum?

Dalai Lama: Früher hieß es von chinesischer Seite immer, neben der Angst vor Abspaltung sei vor allem der starke buddhistische Glaube eine Gefahr. Daher auch die Kontrollen der Klöster und die Umerziehungsversuche usw. Jetzt aber versuchen sie zum Beispiel ganz bewusst die Sprache abzuschaffen. Tibetisch ist in Tibet nicht mehr notwendig, haben die ganz offen gesagt! In manchen Gebieten wollen chinesische Behörden das Tibetische auch ganz aus der Schule verbannen. Auch deshalb spreche ich - ob es absichtlich passiert oder nicht - von "kulturellem Völkermord".

MERIAN: Nun gibt es immer wieder Proteste in Tibet. Wie sehen Sie in der Rückschau die Vorfälle von 2008? War es ein Aufstand, eine Revolution?

Dalai Lama: Es war ein Aufstand! Eine Rebellion, von Frust getrieben. Und vor allem: Es waren zunächst friedliche Demonstrationen. Das ist mir sehr wichtig zu sagen! Drei Tage lang haben die chinesischen Soldaten den friedlichen Protesten einfach nur zugeguckt, sie haben sich quasi vorbereitet. Ich habe auch gehört, dass parallel zu den Demonstrationen dann Gruppen von unbekannten Tibetern mit Trucks in die Stadt gebracht wurden. Und die waren es vor allem, so hörte ich, die später dann zündelten und Gewalt ausübten. Und erst als das passiert war, als es einen Anlass gab, schlugen urplötzlich jene Soldaten, die tagelang nichts unternommen hatten, alles brutal nieder.

MERIAN: Gibt es denn irgendwo Ansätze der Hoffnung?

Dalai Lama: Ja. Auch die sehe ich. Ich habe in den vergangenen Monaten Hunderte chinesische Intellektuelle in aller Welt empfangen, manche waren sogar aus China selbst. Und die erklären neuerdings: Wir kannten Tibet vorher nicht oder dachten immer, Tibeter seien antichinesisch. Aber jetzt wissen diese Intellektuellen mehr, sie informieren sich. Manche unterstützen uns sogar und sagen "Tibet hat auch Rechte" usw. Und es gibt noch andere Entwicklungen, die gut sind: Tibeter sagten mir natürlich, die Situation im Land ist durch die Aufstände furchtbar bedrückend geworden. Aber der tibetische Geist, der ist erstarkt, er ist hellwach. Er ist in allen Teilen Tibets viel stärker geworden. Also ich glaube bei allem Gram, es gibt insgesamt mehr positive Einflüsse für eine Lösung.

MERIAN: Man hört immer mal wieder, Sie dächten an Rücktritt. Und nach den Aufständen hörte man auch: "Der Dalai Lama hat aufgegeben". Was sollen wir davon halten?

Dalai Lama: Also ich bin ja noch da! Aber seit 2001 haben wir Tibeter eine gewählte Führung hier im Exil. Und seitdem habe ich immer wieder klargestellt: "Ich bin semi-retired". Als 2008 dann die Krise kam in Tibet, haben wir versucht, uns so bald wie möglich mit Chinas Führung zusammenzusetzen. Wir Tibeter waren damals voller Hoffnung, eine Lösung zu erreichen. Dann aber hat mir unsere Verhandlungsdelegation erzählt, wie abweisend und negativ die Gespräche in China verliefen. Eines unserer Ziele war ja immer, positive Veränderungen für die Menschen in Tibet zu erreichen. Und das ist nun erst mal vollständig gescheitert. Das muss ich einsehen. Und da ist es meine moralische Verantwortung, auch ein Versagen einzugestehen und zu akzeptieren. Nach der endgültigen Absage der Chinesen habe ich dann ein Sondertreffen aller tibetischen Gruppen einberufen, an dem ich selbst nicht teilgenommen habe, damit nicht alle - wie so oft - einfach meiner Meinung folgen. Ich wollte freie Meinungen der tibetischen Gesellschaft zum Tibet-Konflikt ermöglichen, wollte die wahren Gefühle hören. Wir wollten dann schauen, wo uns das tibetische Volk überhaupt noch unterstützt und welchen Weg es gehen will. Was auch immer da rauskommt - dem müssen wir folgen. Dann kam aber raus, dass die Mehrheit weiter meinen Mittleren Weg (einer Autonomie innerhalb Chinas - d. Red.) gehen wollte. Und ich solle sie weiterführen. Bei der chinesischen Regierung war mein Weg gescheitert. Und nun sollte das Volk entscheiden, wie es weitergeht. Das war mit "Aufgabe" und mit "Rücktritt" gemeint.

MERIAN: Die frühere Forderung nach Unabhängigkeit sei viel zu früh aufgegeben worden, sagen inzwischen immer mehr junge Tibeter im Exil. Sie selbst bestehen aber weiter auf Autonomie - aber im Staatsverbund mit China ...

Dalai Lama: Mein realistischer Ansatz ist: Wenn wir Tibeter China weiter an die in seiner eigenen Verfassung niedergeschriebenen Rechte für Minderheiten erinnern, dann hat Chinas Führung eigentlich weniger Möglichkeiten, das von ihr selbst so bestimmte Recht langfristig zu untersagen. Und deshalb fordern wir auch in unseren letzten Papieren nicht mehr als genau dies.

MERIAN: Aber man unterstellt Ihnen doch immer wieder eine "geheime Agenda" hinter Ihrer Kompromissbereitschaft.

Dalai Lama: Chinas Führung weiß schon lange sehr genau, dass wir keine Unabhängigkeit mehr wollen. Es gab sogar vor Jahren mal ein Einverständnis, wo es von denen wörtlich hieß: "Die Seite des Dalai Lama will keine Unabhängigkeit mehr!" Doch kurz danach haben sie wieder angefangen, uns Separatismus und Abspaltungsbestrebungen zu unterstellen. Es ist für Chinas Regierung besser, den Dalai Lama vor dem Volk als bösen Separatisten und Spalter des Landes hinzustellen. Intern haben sie mich längst verstanden. Sie wissen, dass ich kein Separatist bin. Aber nach außen hilft es ihnen einfach besser, mich weiter als Gefahr darzustellen. Deshalb habe ich auch vergangenes Jahr noch mal deutlich gesagt: Mein Glaube an die chinesische Regierung wird dünner und dünner! Mein großes Vertrauen in das chinesische Volk aber hat sich nicht verändert.

"Lasst mich doch langsam aus dem Dienst scheiden"

MERIAN: Was wäre dann ein zukünftiger Weg für Tibet?

Dalai Lama: Es geht sehr um die Meinung der Öffentlichkeit, des chinesischen Volkes! Genau deshalb müssen wir Tibeter und auch unsere Unterstützer weltweit uns mehr an das chinesische Volk wenden. Wenn wir keine Unabhängigkeit fordern, sondern nur auf unsere in Chinas Verfassung verbrieften Rechte bestehen, dann werden uns langfristig auch immer mehr Chinesen verstehen und unterstützen. Wenn wir aber - wie viele junge emotionale Tibeter - offen und lautstark die volle Unabhängigkeit fordern, dann ist es doch für China leichter, uns zu diffamieren. Und dann gehen auch die Intellektuellen, die wir so dringend brauchen, wieder auf Distanz.

MERIAN: In China geht es wirtschaftlich voran, den Menschen geht es besser - und auch in Tibet wird doch investiert.

Dalai Lama: Sicher. Aber auch die Tibeter wollen besser leben. Und wenn uns China mehr Autonomie lässt, dann können wir zum einen unsere Kultur besser erhalten, die Natur und die Religion schützen, und damit geht's auch den Tibetern gleich besser. Und zum anderen: Dann bleiben die Tibeter auch ruhig! Darüber sollten die Chinesen auch mal nachdenken. Was ein solches Entgegenkommen für Vorteile auch für sie brächte. Eventuell ist es auch für uns Tibeter gut, in Chinas Staatenverbund zu leben. Es kann auch unseren Interessen helfen.

MERIAN: Woher kommt dieses ewige Misstrauen der chinesischen Seite Ihnen gegenüber?

Dalai Lama: Ich glaube nicht, dass es wirklich Misstrauen auf Seiten Chinas ist, nein, nein! Die greifen mich absichtlich immer an, und sie unterstellen mir immer neue Dinge. Denn nur das unterstützt doch ihre Politik in Tibet.

MERIAN: Soll mit den Chinesen denn weiter verhandelt werden?

Dalai Lama: Na ja, die haben ja alle unsere Papiere, das große Memorandum, komplett abgelehnt. Aber ich hab zu den Chinesen und vor allem zur Weltgemeinschaft gesagt: Bitte fahrt nach Tibet und untersucht doch bitte dort. Schaut euch um. Hört euch um. Ich bin dankbar, dass eine Gruppe Politiker vom deutschen Menschenrechtsausschuss für ein paar Tage dort war. Und die haben dann alle gesagt: Wir durften uns leider nicht frei umschauen! Was ist denn dort in Tibet, was China der Welt nicht zeigen will? China hat also viele Probleme, sein totalitäres System funktioniert nicht mehr richtig. Allein schon aus eigenem Interesse sollte es dringend was ändern. Die sozialistische Wirtschaft ist vorbei, nun folgt man dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell - alles aus Eigeninteresse. Und das ist doch grundsätzlich auch gut so! Dennoch bleiben viele Chinesen im Dunkeln. Ausgeblendet. Das ist doch moralisch falsch. Und ganz praktisch gesehen auch ein Fehler. In ein paar Jahren müssen die sich einfach öffnen.

MERIAN: Wie ist es umgekehrt, ist Tibets Exilgesellschaft schon wirklich demokratisch?

Dalai Lama: Wir geben uns Mühe! Was unsere Bemühungen angeht, die tibetische Gesellschaft demokratischer zu machen, das ist alles sogar auch für chinesische Intellektuelle sehr attraktiv. Die kommen inzwischen hierher und studieren, wie wir das mit der Demokratie machen, und da wollen sie von uns sogar lernen. Komischerweise wendet sich die chinesische Führung aber noch immer meist an mich als Person, anstatt mal mit unserer Exilführung zu sprechen. Inzwischen sehen das auch westliche Regierungen und sagen den Chinesen immer: Also los, redet doch mal mit den gewählten Vertretern Tibets und habt nicht immer Angst vor denen. Unsere gewählten Führer sind wahrscheinlich sogar radikaler als ich, deshalb haben die Chinesen wohl auch so große Angst. Tja. Und solange da nichts passiert, muss immer wieder ich in den Ring ...

MERIAN: Als die jungen Tibeter vergangenes Jahr offen reden und beschließen sollten, zeigten auch da alle wieder auf Sie.

Dalai Lama: Ja, die Tibeter sagen immer, ich solle mich noch mehr einbringen - und das bitte bis zu meinem Tod! Das heißt aber, dass ich dann einfach schneller sterbe! (Er lacht.) Wenn die Tibeter wirklich Mitgefühl mit mir hätten - dann lasst mich doch langsam aus dem Dienst scheiden, und dann würde ich auch länger leben! (Langes lautes Lachen.)

MERIAN: Hatten Sie je Zweifel, dass Ihr Weg für Tibet der richtige ist? Haben Sie mal gehadert?

Dalai Lama: Nie. Nie hatte ich Zweifel. Höchstens aus egoistischen Gründen hab ich mal gedacht, anders wäre es einfacher gewesen. Aber das war dann nur Egoismus! Alle meine großen Entscheidungen seit meinem 16. Lebensjahr, als ich Verantwortung übernahm, waren richtig. Die Flucht. Die Demokratisierung. Der Weg zur Uno. Die Aufgabe der Unabhängigkeit. Die Gespräche mit China. Das waren alles bis heute richtige Wege. Ich verrate Ihnen jetzt mal das Geheimnis der richtigen Entscheidungsfindung: Zunächst benutze ich immer meine eigene Intelligenz. Dann frage ich enge Freunde. Auch das Orakel befrage ich immer. Auch dann folge ich nicht unbedingt dem, was da rauskommt. Ich geh noch tiefer und überlege alle Wege. Ich bete. Und ich frage auch den Buddha. Dann fälle ich meine Entscheidung. Und wenn die dann falsch ist - tja, dann ist vielleicht auch der Buddha mitschuld!!! (Er klopft sich auf die Schenkel und lacht lange.) Also: Meine großen Entscheidungen waren alle richtig. Warten sie noch fünf oder zehn Jahre. Wenn es dann noch keine Lösung mit China gibt, dann können Sie sagen: Der Dalai Lama hat einen Riesenfehler gemacht. Er ist schuld. (Er lacht lange.)

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Autor:
Andreas Hilmer