Bonn Das bisschen Frieden

Außenminister Westerwelle ist leider verhindert. Kabinetts-Pflichten. Dafür spricht Staatsministerin Pieper über Afghanistan. Eigentlich soll es diesmal nicht um Autobomben, Burkas oder Truppenkontingente gehen, sondern um ein Stück Welterbe: Eine Ausstellung mit Gold, Silber, Elfenbein aus dem Königreich Baktrien. Eine Aphrodite-Figur mit Engelsflügeln und einem indischen Bindi-Stirnpunkt, die zur Ikone einer mittelöstlichen Vielvölker-Fusion wird.

Das zentrale Thema in der Bonner Bundeskunsthalle, in der die Ausstellung "Afghanistan - Gerettete Schätze" von heute bis Anfang Oktober zu sehen ist, sind Kostbarkeiten, die in vier Ausgrabungsstätten Afghanistans entdeckt worden sind: Kushanische, hephalitische, griechische und indische Stilelemente von der Bronzezeit bis hin zu Grabfunden aus dem 1. Jahrhundert. Figürliche Kunst, die teilweise pure Lebenslust zeigt. Der gerettete Bestand des Nationalmuseums in Kabul.

Und hier beginnt das Drama, bei dem dann doch wieder vom "Rückzugsraum für Terroristen" die Rede ist, von Korruptionsbekämpfung und der "Übergabe in Verantwortung". Cornelia Pieper grüßt einen kämpferisch dreinblickenden Museumsdirektor Omara Khan Massoudi, der gemeinsam mit dem stellvertretenden Kulturminister Omar S. Sultan zu Eröffnung nach Bonn gekommen ist. Man beschwört die immensen Anstrengungen, die gemachten Fortschritte. Jetzt nur nicht nachlassen.

Selbst das ehemalige "Sehnsuchtsland" wird beschworen und manch einer muss an die Hippie-Trails der 1960er- und 1970er-Jahre denken, die zum Ausdruckstanz an die Seenkette von Band-e-Amir führten. Die jüngst vom Gouverneur der Provinz Wardak in einem FAZ-Interview ausgegebene Zukunftsparole vom "Land, in dem der Tourismus und nicht der Terrorismus blüht" schwebt schüchtern durch das Foyer.

Bereits 1988 hatte Museumsmann Massoudi mit mutigen Mitarbeitern die wertvollsten Exponate nach dem Sturz der kommunistischen Regierung in Tresoren verrammelt. Bei Nacht und Nebel wanderten sie in ein staatliches Depot. So entgingen sie den Taliban, die im Jahr 2001 mehr als 2000 Skulpturen aus dem weiteren Bestand des Nationalmuseums enthaupten ließen. Die heimlich geretteten Goldschätze dagegen galten als eingeschmolzen oder längst verhökert. Erst 2004 tauchten sie nach Bürgerkriegswirren und Fundamentalisten-Herrschaft wieder auf. Von der Wiedergeburt des nationalen Gedächtnisses spricht ein sehenswerter 30-Minuten-Film in der Ausstellung, der auch die bewegenden Momente der Bergung zeigt. Seit der Restaurierung in Paris sind Afghanistans Schätze auf musealer Welttournee. Das antike Erbe beschwört die Visionen eines geschundenen Transitraumes.

Derart munitioniert schultert man ein ganzes Bündel Weltpolitik durch den Ausstellungs-Parcour, der die 230 Objekte seinen vier Fundstätten zuordnet. Die Zonen sind poppig koloriert, während innerhalb der Schauräume tiefschwarze Wände eine weihevolle Atmosphäre erzeugen. Bronzezeitliches aus Tepe Fullol, die Hinterlassenschaften Alexanders des Großen aus der Stadt Ai-Khanum sowie kunstvolle Gläser, Bronzen und Stuckelemente aus dem "Alexandria des Kaukasus", der legendären Stadt Begram.

Im Zentrum stehen sechs Fürstengräber, deren Fundort als "Goldhügel" geführt wird. Mit seinen Eros-Darstellungen, auf Delfinen reitende Eroten oder den Musikanten-Figürchen vereinigen die Grabbeigaben so ziemlich alles, was islamistische Eiferer als Teufelswerk verfluchen. Umgeben von diesem edlen Geschmeide, muss man doch an Sprengfallen denken, wenn historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen die Grabungsumgebung in einer unwirtlich-erhabenen Landschaft verorten. Und so bleibt es den Fototafeln in der ergänzenden Medien- und Lesezone vorbehalten - von der Altstadtsanierung in Herat über die Konservierung der gesprengten Buddha-Statuen von Bamijan bis zur Instandsetzung des Schreins von Abdullah Ansari - die positiven Projekte der Jetztzeit zu präsentieren.

Afghanistan - Gerettete Schätze
Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul
Bundeskunsthalle Bonn
11. Juni bis 3. Oktober 2010

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