Afghanistan

Wissenswertes über Afghanistan

Natur und Klima:

Afghanistan ist ein zum größten Teil trockenes, von Steppen und Wüsten eingenommenes Gebirgsland. Ausgehend von den teils stark zerklüfteten und vergletscherten Bergketten (bis über 7000 Meter) im Nordosten durchzieht der Hindukusch das Land bis nahe der westlichen Grenze. Dabei löst er sich fächerartig in mehrere niedrigere Kämme auf. Nördlich des Hindukusch erstrecken sich die Ebenen und lößbedeckten Hügelländer Westturkestans. Der Süden und Südwesten besteht aus Wüste und Halbwüste; in der Ebene von Sistan liegen zahlreiche Salzsümpfe und Salzseen.

Längster Fluss des Landes ist der im Süden verlaufende Helmand Rod. Der Kabul-Fluss im Osten mündet in Pakistan in den Indus. Der Norden wird von dem nach Turkmenistan fließenden Amudarja entwässert. Die Lage an der Nahtstelle der eurasischen und der indisch-australischen Kontinentplatte bedingt die relativ häufigen Erdbeben.

Im überwiegenden Teil des Landes herrscht kontinentales Klima. In den Wüstenregionen steigen die Temperaturen im Sommer bis auf 50 Grad, im Gebirge sinken die Werte im Winter bis minus 25 Grad. Die winterlichen Westwinde bringen mäßige Niederschlagsmengen; im Hochgebirge erreichen sie 1200 mm, in den Wüstengebieten teilweise nur 50 mm. Lediglich der Südosten wird von sommerlichen Monsunregen erreicht.

Bevölkerung:

In Afghanistan lebt eine Vielzahl verschiedener Volksgruppen. Als "Afghanen" bezeichnen sich die Paschtunen, deren Hauptsiedlungsgebiete im Süden des Hindukusch und entlang der pakistanischen Grenze liegen. Die Tadschiken als zweitgrößte Volksgruppe sind wie die Paschtunen Sunniten, bewohnen aber vor allem den Nordosten des Landes. Unter der Bezeichnung Hazara oder Hesoreh wird ein Mischvolk zusammengefasst, das sich seit dem 14. Jahrhundert aus Völkern mongolischer Herkunft und alteingesessenen Völkern herausgebildet hat; sie bekennen sich mehrheitlich zur schiitischen Richtung des Islam.

Von 1979 bis 2001 kam es immer wieder zu großen Flüchtlingsbewegungen. Schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung floh ins Ausland; ein Großteil von ihnen ist mittlerweile wieder in die Heimat zurückgekehrt.

Bildung:

Das traditionelle afghanische Bildungssystem basiert auf den Religionsschulen (Madrassas). Seit den sechziger Jahren wurden große Anstrengungen zum Ausbau und zur Modernisierung des Schulwesens unternommen, die jedoch durch den Bürgerkrieg ein Ende fanden. Dieser hinterließ nach 25 Jahren ein zerstörtes Bildungssystem, dazu unterbanden die Taliban ab 1996 den Unterricht für Mädchen. Nach ihrem Sturz wurden im ganzen Land wieder beide Geschlechter unterrichtet, jedoch fehlen in weiten Teilen des Landes - besonders in ländlichen Regionen - Lehrer, Lehrmittel und Schulgebäude. Zwar gibt es eine offizielle und kostenlose Schulpflicht vom 7. bis zum 13. Lebensjahr, aufgrund der fehlenden Bildungsmöglichkeiten ist für einen Großteil der Schulpflichtigen ein geregelter Schulbesuch jedoch nicht möglich.

Die Verfassung von 2004 unterstellt das Bildungssystem einer staatlichen Aufsicht, betont aber die islamische Erziehung. Unterrichtssprachen sind Dari und Parsi; mit jeweils einer deutschen, französischen, englischen und amerikanischen Schule gibt es mehrere internationale Bildungseinrichtungen. Die Universität Kabul ist die älteste im Land (1932 gegründet), sie wurde 2002 wiedereröffnet.

Staat und Politik:

Nach der Verfassung von 2004 ist Afghanistan eine präsidiale Republik mit dem Islam als Staatsreligion. Der Präsident wird für eine Amtszeit von fünf Jahren direkt von der Bevölkerung gewählt. Maximal sind zwei Amtszeiten möglich. Der Präsident ist zugleich Staats- und Regierungschef und hat weitreichende Vollmachten. Ihm zur Seite stehen zwei Vizepräsidenten. Das Zweikammerparlament besteht aus dem Haus des Volkes (Wolesi Jirga) mit 249 Abgeordneten und dem Haus der Ältesten (Mishrano Jirga) mit 102 Abgeordneten.

Die Abgeordneten der Volksversammlung werden direkt von der Bevölkerung für fünf Jahre gewählt, die Mitglieder der Ältestenversammlung werden von Provinz- und Bezirksräten gewählt bzw. vom Präsidenten ernannt. Bei den Parlamentswahlen 2005 bewarben sich nicht Parteien, sondern ausschließlich Einzelkandidaten mit verschiedenem ethnischen, religiösen oder regionalen Hintergrund. An der Spitze der Judikative steht der Oberste Gerichtshof.

Wirtschaft und Verkehr:

Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Schon vor dem Bürgerkrieg war das Land nur wenig entwickelt. Die Kriegszerstörungen und die Flucht von Millionen Menschen haben die Situation noch verschlechtert. Ohne internationale Hilfe sind eine Sicherung der Grundversorgung und ein Wiederaufbau nicht möglich.

Ackerbau und die überwiegend nomadisch betriebene Viehzucht sind die wichtigsten Erwerbsgrundlagen der Menschen. Die Haltung von Ziegen und Schafen spielt eine wichtige Rolle für die Produktion von Fleisch, Wolle und Häuten. Vor allem das Fell der Karakulschafe wird für seine hohe Qualität geschätzt. Der Ackerbau beschränkt sich auf die Täler der ganzjährig oder zumindest zeitweise Wasser führenden Flüsse und Oasen sowie einige Hochländer. Wegen der geringen Jahresniederschläge erfolgt der Anbau in vielen Regionen durch Bewässerung. Doch zahlreiche Bewässerungssysteme sind durch die Kriegsschäden unbrauchbar; viele Anbauflächen liegen brach.

Teile des Landes leiden unter fortschreitender Bodenerosion und Verwüstung. Hauptanbauprodukte sind Weizen, Wein, Obst und Baumwolle. Von großer Bedeutung ist der Anbau von Schlafmohn. Der illegale Handel mit Opium ist in einigen Regionen die wichtigste Einnahmequelle. Inoffiziellen Schätzungen zufolge erwirtschaftet Afghanistan etwa 15 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts durch Drogenhandel.

Die Industrie beschränkt sich im Wesentlichen auf die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. Das Karakulschaf liefert Wolle für Teppichknüpfereien und die Textilindustrie. Bodenschätze wie Steinkohle, Erdgas, Kupfer und Lapislazuli werden erst wenig genutzt.

Die gebirgige Landesnatur erschwert den Ausbau des äußerst lückenhaften Verkehrsnetzes. Einige Passstraßen, die jedoch meist oberhalb von 3000 Meter verlaufen, erleichtern das Überqueren der weitgehend unzugänglichen Gebirgslandschaften. Eisenbahnen fehlen völlig. Von dem weitmaschigen Straßennetz sind nur rund 13 Prozent befestigt.

Geschichte:

Antike und Mittelalter:

Die Lage Afghanistans zwischen den mächtigen Reichen Persien und Indien machte die Region über Jahrhunderte zum Auf- und Durchmarschgebiet für fremde Heere. Seleukiden, Sassaniden unter anderem herrschten über das Gebiet, das Ende des 10. Jahrhunderts unter den islamisierten Ghaznaviden geeint wurde. Im 13./14. Jahrhundert wurde die Region von Dschingis Chan und Timur verheert. Herat wurde Hauptstadt des Timuridenreiches und Zentrum einer persisch-osmanischen Mischkultur.

Unabhängiges Königreich:

Nach dem Erstarken paschtunischer Stämme seit dem 16. Jahrhundert begründete 1747 Ahmed Schah Durrani ein eigenständiges Königreich, aus dem sich der heutige Staat entwickelte. Ahmed Schah Durrani konnte die im Innern häufig rivalisierenden Stämme einigen. Seinen Nachfolgern gelang es jedoch nicht, diese Einheit zu bewahren. Lokale Machtzentren entwickelten sich im zentralen Hochland, im Hindukusch und in der Grenzregion zu Indien.

Im 19. Jahrhundert wurde Afghanistan zum Pufferstaat zwischen Britisch-Indien und Russland. In zwei Kriegen (1839 bis 1842, 1878 bis 1880) mussten sich die Afghanen mit britischen Expansionsbestrebungen auseinandersetzen. 1905/1907 einigten sich Russland und Großbritannien auf die Unverletzlichkeit des afghanischen Staatsgebietes. Der Versuch Afghanistans, sich dem britischen Einfluss völlig zu entziehen, führte 1919 zum dritten britisch-afghanischen Krieg, mit dem Emir Aman Ullah im Frieden von Rawalpindi die volle Eigenständigkeit durchsetzen konnte.

Die Entwicklung bis zur sowjetischen Besetzung:

Aman Ullah versuchte mit der Verfassung von 1923 die Modernisierung des Landes zu erreichen. Der Widerstand der islamischen Geistlichkeit zwang ihn 1929 zur Abdankung. Ein Bürgerkrieg endete 1931 mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung durch Nadir Schah. 1933 bestieg König Zahir Schah den Thron. Er wurde 1973 nach einer Hungerkatastrophe gestürzt. 1978 putschten sich die Kommunisten an die Macht. Gegen sie erhob sich der islamische Widerstand. Nach blutigen Machtkämpfen rückten 1979 sowjetische Truppen ein. Sie konnten sich aber nicht dauerhaft gegen die von den USA und dem islamischen Ausland unterstützten Widerstandskämpfer ("Mudschahidin") durchsetzen. Mehr als fünf Millionen Afghanen flohen nach Pakistan und Iran. 1986 übernahm Mohammed Najibullah die politische Führung. 1989 verließen die Sowjettruppen das Land.

Bürgerkrieg, Talibanregime und Neuordnung:

Die Mudschahidin stürzten 1992 das moskautreue Najibullah-Regime. Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppierungen verhinderten eine politische Stabilisierung. Unübersichtliche Machtkonstellationen und Zweckbündnisse gegnerischer Kräfte ließen das Land im Chaos versinken. Kabul wurde völlig zerstört.

1996 eroberten die fundamentalistischen Taliban, die 1994 in das Bürgerkriegsgeschehen eingegriffen hatten, Kabul und proklamierten einen islamischen Gottesstaat. Der Taliban-Führer Mohammed Omar ließ sich zum Beherrscher der Gläubigen ausrufen. Bis 1998 kontrollierten die Taliban fast das ganze Land, das außenpolitisch isoliert blieb. Die fortdauernde Duldung des islamischen Extremisten Osama Bin Laden im Herrschaftsbereich der Taliban führte zum Konflikt mit den USA. Dieser eskalierte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als sich Afghanistan weigerte, Bin Laden auszuliefern. Das Taliban-Regime wurde durch eine Militäroffensive unter Führung der USA gestürzt. Die internationale Sicherheitsunterstützungstruppe Isaf unter Beteiligung von Bundeswehrsoldaten sollte innenpolitische Stabilität garantieren.

2004 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Im gleichen Jahr wählte die Bevölkerung Hamid Karzai zum Präsidenten. 2005 konnten auch Parlamentswahlen stattfinden. Trotzdem blieb die Sicherheitslage instabil, da die Taliban insbesondere im Südosten des Landes an neuer Stärke gewannen. Seit 2006 nahmen Terroranschläge und militärische Auseinandersetzungen deutlich zu. Zur Verstärkung der Isaf entsandte Deutschland 2007 "Tornado"-Aufklärungsflugzeuge nach Afghanistan.