Fast Lane Wo in aller Welt steckt Tyler?

Seit unserem letzten Quiz an dieser Stelle ist einige Zeit vergangen. Lassen Sie uns also eine Runde "Rate, wo ich mich gerade befinde" spielen - ganz im Sinne von "Back to school" und um geistig fit zu bleiben. Ich gebe auch einen kleinen Tipp:

Ich habe gerade ein Flugzeug verlassen und bin in einer Art Hölle gelandet: Abfertigungsagenten rufen Transfer-Passagiere aus, man sieht Drogenspürhunde, jede Menge Grenzbeamte und allgemein herrscht ein Zustand völliger Desorganisation vor. Meine Mitreisenden sehen nach ihrem 8,45-stündigen Flug aus Frankfurt verwirrt und nervös aus. Man hört lautes Schnaufen und Keuchen, als wir in Gruppen aus ankommenden und weiterfliegenden Passagieren aufgeteilt werden.

Der Pferch, in dem wir warten sollen, ist zu klein, um eine volle Jumbo-Ladung an Passagieren aufzunehmen. Wer zu weit vorne steht, wird von den Sicherheitsleuten angefahren, man solle zurücktreten, bis der Bus eintreffe, der alle zum Hauptterminal bringt. Da fährt auch schon ein spezieller Bus vor, aber als wir gerade einsteigen wollen, wird die Delegation irgendeines deutschen Bundeslandes an uns vorbeigescheucht und darf ihn vor uns betreten. Zunächst sieht es so aus, als würden wir uns den Junior-Ministern in ihren Socken, Sandalen und an herabhängende Pommes erinnernden Schnäuzern anschließen können, aber die Türen schließen abrupt und dann rollt die Delegation über den Asphalt zum fernen Hauptgebäude. Schon eine Ahnung, wo ich bin? Okay, hier kommt noch ein Hinweis.

Als unser Shuttle endlich ankommt, steigen wir alle in ein Fahrzeug mit Bänken an den Längsseiten ein - aber niemand möchte sich hinsetzen. Offensichtlich kennen viele Passagiere den Ablauf gut und bleiben deshalb gleich vorn am Eingang stehen, behindern so den Prozess des Einsteigens und ignorieren alle Aufforderungen, doch bitte durchzugehen und irgendwo Platz zu nehmen. Ein genervtes Grummeln hebt an, dann stolpert eine reizende deutsche Oma über einen Rollkoffer und provoziert so einen Vortrag über rücksichtslose Geschäftsleute unter den im Gang Stehenden. Als wir das Terminal endlich verlassen, kommen wir an Flugzeugen von South African Airways, Scandinavian, Quatar Airways und Air France vorbei. Wollen Sie raten, wo das ist? Nein? Okay, hier ist der letzte Tipp.

Im Ankunftsraum ist ein Bereich für Leute aus dem Land, in dem ich gerade gelandet bin, abgetrennt, alle anderen finden sich in einem großen Labyrinth wieder. In der Schlange der einheimischen Bürger warten etwa 200 Leute auf ihre Abfertigung, in der anderen stehen mehr als 1000, die alle befragt werden sollen. Ich stelle mich zögerlich in letzterer an und versuche abzuschätzen, wie lang es wohl dauern wird, bis ich an die Reihe komme. Nachdem ich mir die Sache etwa 5 Minuten lang betrachtet habe, rechne ich mit etwa einer Stunde. Als mit einem Mal die Passagiere eines Jeddah-Fluges an die Spitze der Wartenden eskortiert werden, korrigiere ich meine Einschätzung in Richtung 90 Minuten.

Jetzt nur nicht frech werden

Während die Schlange vorwärtskriecht, komme ich an einem Bildschirm vorbei, der anzeigt, dass gerade Flugzeuge aus Kopenhagen, Doha, Paris, London und Genf gelandet sind. An der Wand hängt eine blödes Poster mit lauter lächelnden Gesichtern und einer typografischen Kakophonie, die uns in diversen Sprachen begrüßt. Da die meisten von uns zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast anderthalb Stunden in der Schlange stehen, fühlt sich allerdings niemand besonders willkommen.

Als ich endlich die Spitze erreicht habe und mir ein Schalter zugewiesen wird, vor den ich mich stellen soll, versuche ich mich krampfhaft daran zu erinnern, mir gleich jegliche freche Bemerkung zu verkneifen, da ich sonst wahrscheinlich ins Gefängnis geworfen und dann zurück zu meinem Lufthansa-Flugzeug eskortiert werde. Okay, es ist an der Zeit für einen weiteren Versuch. Wo um alles in der Welt bin ich?

Sie mögen denken, ich sei in irgendeiner chaotischen Bananenrepublik gelandet oder in einem schlecht organisierten Polizeistaat, aber ich befinde mich tatsächlich am Washingtoner Dulles Flughafen an einem späten Sonntagnachmittag. Gerade als ich endlich zum Schalter gehen will, um inspiziert zu werden, wird mit donnernder Stimme eine wichtige Nachricht über das öffentliche Lautsprechersystem verbreitet: "Achtung, an alle Beamten, Achtung, an alle Beamten: Jeder, der sich heute noch nicht für Überstunden eingetragen hat, ich wiederhole, jeder, der sich noch nicht für Überstunden eingetragen hat, kann nun seinen Posten verlassen." Blitzartig packen eine ganze Reihe von Kontrolleuren ihre Stempel zusammen, nehmen ihre Nuckel-Tassen im Supersize-Format in die Hand und watscheln ihrem Feierabend entgegen. Die tausend Leute in der Schlange starren ihnen verblüfft hinterher.

Als ich mich dem Schalter nähere, bin ich kurz davor, dem jungen Gentleman einen Vortrag darüber zu halten, wie sehr so eine Darbietung der Marke USA schadet - noch dazu in einer ganzen Woche voller Fernsehreportagen über die neuen Gebühren, die Besucher zahlen werden müssen, um ein Visum zu bekommen, und wie diese Gelder benutzt werden, um eine Kampagne zu kreieren, die mehr Touristen in die USA zieht. Ich möchte ihn fragen, ob er (und seine Bosse im nahen District of Columbia) glauben, dass eine 90-minütige Wartezeit in einem heruntergekommenen Flughafen die richtige Art ist, die Welt willkommen zu heißen, und ob sein Büro wirklich daran interessiert ist, dass Menschen die USA besuchen.

Ich bin kurz davor, all das endlich loszuwerden - aber ich beiße mir auf die Zunge, weil ich nicht in den Raum für ungezogene Besucher (ein Ort, den ich gut kenne) verfrachtet und ins Kreuzverhör genommen werden möchte, nur weil ich ein Journalist bin, der ohne besonderes Visum reist (eine Auflage für alle meiner Art, die die USA bereisen). Ich lächele den Beamten an. Er nickt und fragt nach dem Grund meiner Reise. Ich erzähle ihm, dass ich wegen einer Party in der Stadt bin. "Nun, da sind Sie hier genau richtig", sagt er. Ja, offensichtlich.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé