Mit Stil Wo finde ich den richtigen Skilehrer?

Nach meiner letzten Kolumne bekam ich einen erbosten Leserbrief. Gut, ich bekam mehrere erboste Leserbriefe. Wahrscheinlich sollte ich mit einer Stilkritik über die Freizeitkleidung deutscher Urlauber beim Besichtigen spätgotischer Hallenkirchen jetzt erst mal warten. Jedenfalls schrieb mir ein Leser, hier tippe wohl eine "offensichtlich mittel- bis unterdurchschnittliche Skifahrerin" vor sich hin. Das traf mich natürlich hart.

Unterdurchschnittlich! Davon kann überhaupt keine Rede sein. Mehrmals bin ich aus Versehen schon eine schwarze Piste hinunter gefahren und ohne Knochenbrüche angekommen. Mitteldurchschnittlich? Damit kann ich leben. Das bin ich. Auf Skiern.

Wobei ich mit unermüdlichem Ehrgeiz versuche, etwas an meinen Fähigkeiten zu ändern. Regelmäßig mache ich, mehr oder weniger erfolgreich, einen Skikurs, beschließe im darauf folgenden Jahr, voll motiviert, keinen mehr zu brauchen, um am Ende des Ski-Urlaubs, zutiefst resigniert, mich für nächstes Mal doch wieder anzumelden. So geht das jetzt schon eine ganze Weile, ein für alle Beteiligten anstrengendes Prozedere, und noch immer frage ich mich: Welcher Skilehrer passt zu mir?

Dem ersten begegnete ich mit 15 auf einer Skifreizeit in den französischen Alpen. Er hieß Serge und sah in seinem grünen wattierten Anorak unglaublich gut aus. Mehr kann ich über ihn auch gar nicht sagen, Serge sprach ausschließlich französisch, ich nicht. Über einen Schneepflug kam ich in diesem Urlaub nicht hinaus.

Einige autodidaktische Skiferien später besuchte ich vor ein paar Jahren in noch einmal einen Kurs. Bei Gigi, 22, verhinderte österreichische Superski-Hoffnung, im Sommer jetzt Golf-Caddie. Das lief schon deutlich besser, jedenfalls bekam ich von Gigi wahnsinnig viel Lob für meine "feinen Bögelchen" und gehörte endlich nicht mehr zu den Schlechtesten; dass die anderen Kursteilnehmer zwei Münchnerinnen um die 60 und ein holländisches Pärchen waren, das außer Gigis ständigem "... und los geht's!" nicht viel verstand, musste ja sonst niemand wissen. Ich selbst hatte es auch schnell verdrängt.

Zwei Jahre später war ich dann bereit für den großen Leistungsschub: Ich buchte einen Privatlehrer. In der musterten sie mich kurz, ließen sich mein "Fahr-Lävel" erklären und entschieden dann: "Klarer Fall für den Angerer Peter." Eine Stunde arbeiteten wir am Hang erfolgreich an meinem Kurzschwung, dann fuhr der Angerer Peter nur noch vor, sagte am Lift strahlend "läuft doch" und widmete sich seiner anderen Hauptbeschäftigung: dem Wiedererkennen diverser Après-Ski-Bekanntschaften, was ihm nicht immer gelang.

Der darauffolgende Winter muss das Jahr gewesen sein, in dem ich die Schutzbefohlene des achtjährigen Neffen meines Freundes wurde. Der Kleine kümmerte sich wirklich rührend um mich, an jeder Abzweigung schrie er den anderen so laut er konnte hinterher: "Wir müssen noch auf Silke warten!" Rückblickend war wohl nur das von meiner Schwägerin für mich ausgesuchte Brautjungfernkleid noch demütigender, ein rosafarbenes Tüllkleid mit roten Punkten, das ich als 26-Jährige neben einer 16- und einer 20-Jährigen tragen durfte. An Geschwindigkeit legte ich in diesen Ferien allerdings ordentlich zu.

Jetzt an Weihnachten wäre ich perfekt in Form gewesen - wenn nicht völlig vereister Kunstschnee und eine Rückenverspannung dazwischen gekommen wären. Im nächsten Winter ist es also wieder an der Zeit, und ich habe den perfekten Plan: Ich werde in die Wiege des Skilaufs, an den Arlberg, fahren und nach einem passionierten Skilehrer für besonders hartnäckige Fälle suchen. Das muss es ja geben, Trainer, die noch echte Herausforderungen suchen. So wie pensionierte Gauner auch nur für die besonders kniffligen Dinger zurückkommen. Danach können wir dann gern noch mal über "mittel- bis unterdurchschnittlich" reden.

Autor:
Silke Wichert