Fast Lane Wenn das iPad längst Geschichte ist

Es ist ein bisschen her, seit wir uns in dieser Kolumne zuletzt einen kleinen Ausflug in die Welt der Fantasie gegönnt haben (mal abgesehen von meinen Strategien zur Rettung von JAL vor zwei Wochen). Tauchen wir also wieder mal ein in die Welt der Märchen.

Stellen Sie sich einfach vor, wie wir zwei mit unserem Grapefruit-Saft eine Zeitreisepille zu uns nehmen und nun gemeinsam ins Jahr 2020 rasen.

Da wir ein sehr hoch entwickeltes Zeitreise-Produkt geschluckt haben, werden wir unter Garantie in der Zukunft ankommen, ohne an den Folgen peinlicher Reiseplanung leiden zu müssen wie weiland die "Time Bandits". Das heißt, unsere Kleidung und unsere Frisuren werden sich wie durch Zauberei den Gepflogenheiten unserer Mitmenschen in der Zukunft anpassen, was uns auch davor bewahrt, wie deutsche Touristen aus Leipzig auszusehen.

Das Jahr 2020 werden wir in einteiligen Strampelanzügen betreten, die aus eingestampften Hardcovern und synthetischen Slippern bestehen, letztere wurden aus weggeworfenen Kindle-E-Book-Readern gefertigt.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir gerade in weniger als einer Sekunde zehn Jahre in die Zukunft gereist sind, wäre es nun natürlich sinnvoll herauszufinden, was gerade so los ist. Es scheint sich jedoch keine einzige Zeitung in Griffweite zu befinden. Heiß auf Nachrichten gehen wir auf einen Passanten zu und fragen ihn, wo wir aktuelle Informationen erstehen oder herunterladen könnten. Aber der zuckt nur mit den Schultern und hält verzweifelt seine Flossen hoch. Flossen?

Ein kurzer Blick über die Straße zeigt, dass es sich nicht etwa um einen Geburtsfehler handelt, sondern ein Zeichen dafür, was aus der Welt geworden ist: Eine vierköpfige Familie watschelt die Straße entlang, anstelle von Händen haben sie Flossen an den Armen.

Da wir unsere Neugier nun nicht mehr zügeln können, offenbaren wir uns als Zeitreisende und fragen den Mann, was es mit den Flossen auf sich habe. Erst ist er milde erstaunt über die Frage, dann aber erklärt er, dass die große Welle im Jahr 2010 alles verändert habe.

Große Welle? Ob ein Tsunami die Welt geflutet habe, fragen wir. Sind den Menschen deswegen Flossen gewachsen? Haben wir eine Zeitlang im Wasser gelebt?

"Unsere Finger wurden überflüssig"

"Oh nein, nicht so eine Art von Welle, ihr dämlichen Zeitreisenden", kichert er. "Es war die große Touchpad-Welle in den Jahren 2010 und 2011. Die Einführung der Touchpads hatte zur Folge, dass wir nur noch über einen Bildschirm wischen oder ihn berühren mussten, um mit der Welt in Verbindung zu treten. Unsere Finger wurden dabei einfach irgendwie überflüssig.

Ah, nicken wir unisono. Und was geschah dann?

"Dann ging alles schief", erklärt er. "Die Welt war so geblendet von der Technologie und den Geräten, die Inhalte übermittelten, dass die Information selbst schließlich verschwand. Die Firmenbosse hielten sich für Medienmogule. Da sie aber weder in Informationen investieren noch vor den Folgen der Technologie warnen wollten, wendeten sie sich einfach ab und ihre Unternehmen gingen ein.

Aber wie halten Sie sich über aktuelle Ereignisse auf dem Laufenden?

"Gar nicht", sagt der Mann. "Da kein Unternehmen Informationen lieferte, brauchte man auch die entsprechenden Geräte nicht mehr. Die Nachwehen waren bitter und die Leute rebellierten. Deswegen sind diese Slipper, die ihr tragt, auch aus Amazon Kindles und meine Unterwäsche aus recycelten Apple iPods. 2015 war uns klar, dass wir den falschen Weg genommen hatten, aber es war zu spät, um unsere Fehler zu korrigieren.

Aber haben denn die Micropayments in der Medienbranche nicht alle reich gemacht?

"Die haben nie funktioniert", seufzte er. "Spätestens als die Musikbranche zusammengebrochen war, hätten wir erkennen müssen, dass niemand bereit sein würde, für einzelne Artikel aus Zeitungen oder Zeitschriften Geld zu bezahlen. Aber wir waren so damit beschäftigt, uns dem Zugriff der Social Media zu entziehen, dass es niemand rechtzeitig gemerkt hat.

Das ist alles so wahnsinnig deprimierend, schluchzten wir einstimmig. Was wurde denn aus all den Unternehmers, die für diese Entwicklung verantwortlich waren? Wurden sie vor Gericht gestellt und wegen schwerer Beschädigung unserer Kultur angeklagt?

"Ja, aber die meisten sind davongekommen, da es zu dem Zeitpunkt, als das Verfahren eröffnet wurde, schon keine unabhängigen Nachrichten mehr gab. Es war also niemand mehr übrig, den man zur Rechenschaft hätte ziehen können.

Und was machen Sie jetzt? Offensichtlich sind diese Flossen doch eher nutzlos, oder nicht?

"Ja, die sind nicht toll", sagt der Mann resigniert. "Wir überlegen alle, wie wir das Ganze rückgängig machen und eine neue Kultur errichten können. Aber wenn man nur zwei große flache Scheiben Fleisch zur Verfügung hat, ist es schwer, überhaupt irgendetwas umzusetzen. Auch unsere Musik ist ziemlich langweilig, sie besteht hauptsächlich aus Klatschen … Und es ist wirklich schwer, mit diesen Dingern zu schreiben!

Wir waren inzwischen noch deprimierter und hatten mehr als genug von dem Blick in die Zukunft. Also verabschiedeten wir uns von dem unglücklichen Mann, katapultierten uns zurück in den Februar 2010 und standen wieder da, wo unsere Reise begonnen hatte.

Und die Moral von der Geschicht'?

Genießen Sie die Freuden langsamer, dafür aber nachhaltiger die Medien, solange dies noch möglich ist. Und zögern Sie nicht, einen Eimer kaltes Wasser über Freunde, Kollegen und Marken-Unternehmen zu gießen, die im Schein ihrer Touchpads gefangen sind.

Autor:
Tyler Brûlé