Nachgeschenkt Weinrevolte in Südtirol

In manchen Branchen sind Visionen unerwünscht. In Südtirols Weinbau, besonders traditionell und konservativ ausgerichtet, ist es besonders beschwerlich, neue Ideen anzubringen. Dass Alois Lageder, der große Visionär unter Südtirols Winzern, trotzdem allgemein geschätzt wird, sagt viel über die Qualität seiner Vorschläge und Gedanken aus. Seit 20 Jahren ist Lageder der Motor des Qualitätsweinbaus in Südtirol. Vor allem er hat bewirkt, dass Südtirol nicht mehr als Synonym gilt für mickrige Weine, abgefüllt in viel zu großen Flaschen. "Wir gelten als der Weißweinspezialist Italiens. Kaum ein anderes Anbaugebiet hat so viele unterschiedliche Böden, Klimazonen und Rebsorten wie wir", sagt Lageder über die Vielfalt seiner Weinregion.

Südtirol ist bekannt für großartigen Grau-, Blau- und Weißburgunder, Sauvignon Blanc und Chardonnay. Aber auch Sorten wie Sylvaner und Müller-Thurgau werden hier eindrucksvoll interpretiert. Und der Gewürztraminer hat als Spezialität weltweit seine Liebhaber gefunden. Warum das so ist, zeigen Erzeuger wie das Weingut Hofstätter in Tramin jedes Jahr. Alois Lageder hat für diese unterschiedlichen Rebsorten als Erster ein umfassendes Lagenprofil erarbeitet: Sie sollten nur am jeweils optimalen Ort stehen. Die Basis für den jetzigen Erfolg, an dem auch Genossenschaften wie in Girlan und Terlan ihren Anteil haben.

Lageders aktuelles Projekt ist sein wichtigstes: Am liebsten würde er Südtirol zur biodynamischen Zone ausrufen: Die biodynamische Bearbeitung der Weinberge ist für ihn der einzige Weg, noch bessere Qualitäten zu erreichen und dabei die Ressourcen der Umwelt zu schützen. "Ich bin mehr als überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist", sagt Lageder. Lange galten biologisch-dynamische Winzer als Sonderlinge, die hässliche Wollsocken tragen, Pferdegespanne lenken und sich in esoterischen und okkultischen Handlungen verlieren. Lageder hat nichts von einem dogmatischen Eiferer, er ist entspannt, frisch rasiert und trägt ein weißes Hemd zur Jeans.

Das Gros der weltweit besten Winzer arbeitet inzwischen wie Lageder. Der Charakter des Bodens, des Terroirs kann sich dadurch viel stärker im Wein ausprägen. In Südtirol findet Lageders Initiative nur allmählich Zustimmung, obwohl sein Portfolio an Weinen Überzeugungsarbeit leisten müsste: Es setzt Maßstäbe im Weinbau Südtirols. Lageder könnte zufrieden sein, aber er ist ruhelos am Vorwärtsdenken. Der Klimawandel macht sich auch in Südtirol bemerkbar, die Durchschnittstemperaturen steigen, er testet Rebsorten, die in 20 Jahren besser in die Südtiroler Landschaft passen könnten als die aktuellen. Die französische Weißweinrebe Viognier macht sich gut, er hat sogar die spät reifende Assyrtiko aus Griechenland im Testanbau. "Wenn sich die Welt ändert, müssen wir was machen", sagt Lageder, der inzwischen bei der jungen Generation Unterstützung findet.

Winzer wie Thomas Pichler, Florian Gojer vom Glögglhof und Christian Plattner kümmern sich um lange Zeit verkannte Rebsorten wie den Vernatsch und den Lagrein. Der zählt zu den autochthonen Rebsorten, die nur in einem bestimmten Gebiet und auf einer kleinen Fläche angebaut werden. Der Lagrein war mal ein ungeliebtes Stiefkind, heute zählt er in Italien zu den begehrtesten Rotweinen.

Der ehrgeizige Christian Plattner vom Ansitz Waldgries in Bozen passt gar nicht in das Bild der traditionellen Winzer, die an der blauen Schürze zu erkennen sind. Plattner könnte als DJ durchgehen, mit seinem kahl rasierten Schädel und dem Plattenaufleger-Bärtchen. Plattner steht beim Vernatsch-Cup regelmäßig ganz oben auf dem Siegertreppchen. Sein Lagrein "Mirell" zählt zu den besten Südtirols. Ganz dem Lagrein verschrieben hat sich Josephus Mayr in Kardaun, am nördlichen Stadtrand von Bozen. Fünf verschiedene Lagrein-Varianten erzeugt Mayr, vom Rosé über die beeindruckende Riserva bis zum Lamarein, seinem immer viel zu schnell ausverkauften Meisterstück. Dafür trocknet er Lagrein-Trauben an und verarbeitet sie im Stil eines Amarone.

"Kalter Krieg" im Eisacktal

Im Eisacktal stehen die nördlichsten Weinberge Italiens. Hier hat in den letzten Jahren eine kleine Weinrevolte stattgefunden. Winzer wie Peter Pliger, Christian Kerschbaumer und Manni Nössing brachen mit den Traditionen der Altvorderen und begannen Weißweine zu erzeugen, die in Italien erst ungläubig bestaunt, dann zum Verkaufsschlager wurden. Dabei mussten viele Widerstände gebrochen werden, Nössing beispielsweise lieferte sich mit seinem Vater fünf Jahre lang einen "kalten Krieg", bis er ihn von seinen Veränderungen überzeugen konnte.

Christian Kerschbaumer vom Weingut Garlider in Felthurns gilt als Aufsteiger des Eisacktals. Ursprünglich arbeitete der Motorradfan in einer Harley-Davidson-Werkstatt, erst seit 2003 füllt er eigene Weine ab, immer später als die Kollegen. Er baut seine Weißweine, den Sylvaner, Grauburgunder, Müller-Thurgau und Gewürztraminer im Eichen- und Akazienholz aus, nur der Grüne Veltliner kommt in den Stahltank. Es sind Weine mit einer tiefen inneren Ruhe, die Zeit brauchen, um ihre Facetten auszubilden.

Die ganze ungezähmte Kraft der Eisacktaler Bergwelt hat sich auf dem Röckhof bei Villanders erhalten. Konrad Augschöll keltert frische Weißweine und beachtliche Rotweine. Der Röckhof liegt etwas abgeschieden auf 650 Metern Höhe zwischen Weinbergen und Kastanienwäldern. Nur hier oben konnte eine Rebsorte wie der Furner Hottler überleben, eine Urrebe mit anarchischer Kraft. Der Rotwein hat so viel Säure, dass er im Frühjahr noch ein zweites Mal vergären muss, bis er trinkbar ist. Er ist wie ein wildes Tier, das man aus einer Höhle befreit hat.

Den rustikalen Hottler schenkt Augschöll nur in seinem Buschenschank aus, direkt aus dem Fass, zum Speck. Wenn er ihn in Flaschen abfüllt, sagt Augschöll, verliert er seine Kraft. Nur der Winzer hat noch 450 Rebstöcke im Anbau, sonst ist der Furner Hottler ausgestorben. Manchmal überlegt Augschöll, ob er die Anarchorebe roden soll, die in seiner besten Lage steht. Mit einer anderen Rebe könnte er viel mehr Umsatz machen. Bislang hat Konrad Augschöll diesem frevelhaften Gedanken widerstanden. Südtirol ist ein Paradies für autochthone Rebsorten, darin muss auch Platz sein für den Furner Hottler.

Adressen und Kontakt

Alois Lageder, Tor Löwengang, 39040 Margreid, Telefon +39-0471-80 95 00,

Weingut Hofstätter, Rathausplatz 7, 39040 Tramin, Telefon +39-0471-86 01 61,

Kellerei Girlan, St. Martinstrasse 24, 39057 Girlan, Telefon +39-0471-66 24 03,

Kellerei Terlan, Silberleitenweg 7, 39018 Terlan, Telefon +39-0471-25 71 35,

Weingut Thomas Pichler, Weinbergweg, 4, 39052 Kaltern, Telefon +39-0471-96 30 94,

Glögglhof, Franz & Florian Gojer, Rivelaunweg 1, 39100 Bozen, Telefon +39-0471-97 87 75,

Weingut Ansitz Waldgries, Christian Plattner, St. Justina 2, 39100 Bozen, Telefon +39-0471-32 36 03,

Erbhof Unterganzner, Josephus Mayr, Kampillerweg 15, 39053 Kardaun/Bozen, Telefon +39-0471-36 55 82,

Kuenhof, Peter Pliger, Mahr 110, 3904 Brixen, Telefon +39-0472-85 05 46,

Hoandlhof, Manni Nössing, Weinbergstraße 66, 39042 Brixen, Telefon +39-0472-83 59 93,

Weingut Garlider, Christian Kerschbaumer, Untrum 20, 39040 Feldthurns, +39-0472-84 72 96,

Röckhof, Konrad Augschöll, St. Valentin 22, 39040 Villanders, Telefon +39-0472-84 71 30,

Autor:
Rainer Schäfer