Fast Lane Vom Terror des Web 2.0

Wann hatten Sie zuletzt eines dieser Gespräche, in denen ein einziger Satz Ihnen den Glauben an die Menschheit wieder gab? War das vor ungefähr 20 Jahren, als Sie jemandem aus Osteuropa begegneten, dessen Worte von Aufopferungsbereitschaft und Beharrlichkeit hinter dem Eisernen Vorhang Ihren westlichen Lebensstil aufgebläht und zugleich leer erschienen ließen? Oder war es erst vor kurzem, als ein ehemalige Banker Ihnen die quälende Geschichte erzählte, wie er alles verlor (das schicke Stadthaus in Brüssel, die zwei Audis, das langbeinige lettische Mädchen) und sein Glück jetzt gefunden hat, weil er ein abgespecktes Leben in einer kleinen Wohnung führt und als Barkeeper in Antwerpen arbeitet? Oder war es mit der Nichte oder dem Neffen, die ihre Playstation zur Seite schoben und Sie, ihre geliebte Tante oder ihren geliebten Onkel danach baten, sie zuzudecken und ihnen eine gute altmodische Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen?

Ich hatte nicht erwartet, dass mich besonders Bewegendes ereilen würde, als ich mich vergangene Woche in Tokio auf zwei Drinks mit Business-Bekanntschaften hinsetzte. Aber inmitten unserer zweiten Runde, während wir darüber sprachen, weshalb junge Japaner nicht mehr so viel reisen ("Die Außenwelt ist viel zu herausfordernd, wo doch das Leben daheim so angenehm ist"), über die Chancen von Yukio Hatoyamas neuer Regierung redeten ("Jeder seiner Schritte wird von der Bürokratie durchkreuzt"), purzelte plötzlich die bei weitem schönste und unschuldigste Frage, die ich jemals gehört hatte, über den Tisch.

Während wir uns über die Rolle unterhielten, die die neuen Medienkanäle bei der jüngsten Wahl gespielt hatten, fragte ich, ob in den nationalen Tageszeitungen oder auf Japans großen Fernsehsendern viel Quatsch über Twitter versendet worden war. Nach einigen Augenblicken des Grunzens, Knarzens, Kinnkraulens, Kopfwackelns, gegenseitigen Beratschlagens und noch mehr Grunzens, stieß einer aus der Gruppe hervor: "Tyrer-san, was ist 'Twitt-ah'?"

Ich kann mich nicht erinnern, was ich zuerst verspürte: einen Schüttelfrost oder tränenreiche Augen, aber dann bekam ich schlagartig Gänsehaut und war von einem außergewöhnlichen Gefühl der Freude erfüllt. Von einem schwachen Lächeln weitete sich mein Mund zu einem breiten Grinsen, dann kicherte ich nur noch ungläubig.

"Was ist so lustig daran, Tyrer-san?"

"Ist das eine ernste Frage?", fragte ich. "Sie wissen wirklich nicht, was Twitter ist?"

"Nein, ich schwöre", antwortete der recht junge Gentleman.

"Sie haben wirklich, wirklich, wirklich keine Idee?", fragte ich noch einmal nach.

"Keine Idee, Tyrer-san."

"Dann können Sie sich zu den glücklichen Menschen zählen und sich selbst als wahrhaft gesegnet betrachten", antwortete ich.

Kurz danach übernahm ich die Rechnung, ließ ein Taxi rufen und fuhr zurück in mein Hotel. Ich hätte diesen epischen Moment mit einer Runde pin dom (japanischer Slang für Dom Perignon) feiern können, aber ich entschied mich dafür, in aller Stille über die größere Bedeutung dieses Moments nachzudenken.

Während ich diese vier Silben ganz ruhig wiederholte ("Was ist 'Twitt-ah'?") packte mich ein Gefühl des Neids. Wie wunderbar muss es sein, in einer hochentwickelten digitalen Gesellschaft zu leben und dabei nicht durch eine weitere Medien-Modeerscheinung verdorben worden zu sein, dachte ich.

Kurz danach schon wechselte das quälende Neidgefühl über in kalte Abneigung. Wie glücklich man sich schätzen darf, wenn der eigene E-Mail-Eingang nicht vollgestopft ist mit willkürlichen Meldungen sinnloser Pressesprecher, Bekannten und auch Freunden, die dich dazu einladen, auf Twitter zu gehen und ihnen dort zu folgen. Es war schon schlimm genug, dass die ganze Welt einen zu "LinkedIn" eingeladen hatte, aber das tägliche Dilemma, wie man mit diesen ganzen ungewollten Einladungen verfahren soll, ist viel zu stressig. Ignoriere ich sie? Gibt es ein Limit bis zu wie vielen Malen sie mich zu erreichen versuchen können? Was, wenn ich diese Person eigentlich sogar mag, ihr aber nicht folgen möchte? Schicke ich eine Entschuldigungs-E-Mail? Oder braucht es einen handgeschriebenen Brief?

Wenig überraschend stimmte mich die Ablehnung meiner glückseligen japanischen Freunde ärgerlich. Wie konnte es kommen, dass Erwachsene in reifem Alter sich selbst dahin bringen können, Sachen zu sagen wie: "Ich habe gerade einen Tweet auf meinem Weg zur Arbeit gemacht"?

Entschuldigung, du hast was auf deinem Weg zur Arbeit gemacht? Hat irgendwer dich dabei beobachtet? Weißt du nicht, dass es Gesetze gegen diese Art Sachen gibt? Du hast Glück gehabt, dass man dich nicht verhaftet hat, was auch immer du in der Öffentlichkeit getan hast, weil es anzüglich ist und die Umwelt verschmutzt. Bei nochmaligem Nachdenken - vielleicht wärst du nicht verhaftet worden, weil du in die Privatsphäre anderer eingedrungen bist, weil du deine "Tweets" überall gemacht hast und weil du die Landschaft der ohnehin schon überlasteten Medien- und sozialen Netzwerke noch mehr zugemüllt hast.

Währende der vergangenen Monate habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, die IT-Abteilung der Muttergesellschaft dieser Zeitung (gemeint ist die "Financial Times", London - d. Red.) dahingehend zu beeinflussen, dass sie hohe Mauern errichtet, tiefe Schützengräben aushebt und eine digitale Entsprechung zu den großen Kesseln mit siedend heißem Öl findet, die man dann auf all jene Nachrichten kippen könnte, die auch nur im Entferntesten so aussehen, als ob sie mich in eine Welt einladen möchten, für die ich weder die Zeit noch das Interesse habe.

Den entsprechenden Schutzanzug übergestreift, eile ich zu den obersten Zinnen empor und trete mit meinem Stiefel gegen den Hebel, woraufhin eine Kaskade aus brühheißem Öl auf den darunter befindlichen Schriftverkehr hinabschießt. "Ha ha", donnert es aus mir. "Seht her, wie gefällt das all euren Links und Tweets!"

Der einzige Grund, weswegen ich das IT-Team bisher nicht kontaktiert und gebeten habe, einen rasiermesserscharfen Stahlring um das Inbox-Netzwerk dieser Tageszeitung zu errichten, ist: Ich bin recht zuversichtlich, dass diese ganze Bewegung sich bald einen Wohnsitz mit dem anderem großen digitalen Projekt teilen wird - und mit Second Life bis ans Ende aller Tage glücklich zusammenleben wird.

Übersetzung: MERIAN.de

Alle Kolumnen von Tyler Brûlé finden Sie in englischer Sprache

Autor:
Tyler Brûlé