Fast Lane Vollgetankt mit Glühwein

Am Freitagmorgen um 11.04 Uhr MEZ habe ich die Ziellinie dieses Jahres offiziell überschritten. Oder doch nicht? In den vergangenen Wochen hatte ich den Zeitpunkt, an dem unser Unternehmen seine geschäftlichen Tätigkeiten für dieses Jahr einstellen würde, immer wieder verschoben - und damit auch den Moment, an dem ich tief durchatmen und das ganze Business hinter mir lassen könnte.

Von einem rein praktischen Gesichtspunkt aus wäre es wohl sinnvoll gewesen, das Geschäftsjahr mit dem Beginn der Weihnachtsfeier am Mittwoch zu beenden. Donnerstag und Freitag waren zwar eigentlich noch normale Arbeitstage, ich ging aber davon aus, dass sich meine Kollegen in dem Moment, in dem sie die Tanzfläche eroberten, bereits mental vom Büro verabschiedeten.

Irgendwann am Dienstag gab es einen halbherzigen Versuch, die Leute daran zu erinnern, dass weder ein Kater und noch die weihnachtliche Torschluss-Panik als Entschuldigung dafür gelten können, die letzten 48 Stunden der Woche zu ignorieren. Da der Löwenanteil des oberen Managements sich aber eh zu einer Sitzung in Zürich aufhielt, war es eigentlich auch völlig egal, was vorher gesagt wurde.

Ich glaube, niemand tut sich so schwer damit, das Jahr zu einem eleganten Ende zu bringen wie die Europäer (oder sind es nur die Briten?). Da die meisten Länder auf dieser Seite des Atlantiks zwei Wochen lang komplett brach liegen, muss in die Zeit davor mehr im Vergleich zu den Amerikanern (die bis Heiligabend arbeiten) oder den Japanern (für die Weihnachten ein ganz normaler Arbeitstag ist) viel mehr hineingezwängt werden. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich mich frage, ob ich überhaupt schon im Urlaub bin.

Eine gewisse Hektik breitet sich zu dieser Jahreszeit in London aus. Auf der einen Seite versuchen die Leute, die Bedürfnisse ihrer Partner auf der anderen Seite des Atlantiks oder in Asiens zu erfüllen, gleichzeitig lassen sie die Uhr nicht aus den Augen, weil gleich der letzte Flug nach Genf startet und sich keiner ein paar frühe Tage im Tiefschnee von Verbier entgehen lassen möchte.

Chihuahuas im Weihnachtsmann-Outfit

Jeder scheint das fieberhafte Tempo zu genießen, das vielen Büros die Aura einer koreanischen Paukschule verleiht - vollgetankt mit Glühwein. Die letzte Woche über habe ich wohl mehr geschrieben als in jedem anderen Monat (die Folgen eines neuen Hauptquartiers) und musste fast ohne Schlaf ausgekommen. Dazu kamen das Medien-Buffet inklusive der Aufnahme von sechs einstündigen Radio-Shows für Weihnachten, vier einstündige Fernsehaufzeichnungen für Bloomberg, das Schreiben von vier dieser Kolumnen im Voraus (sorry, falls das einen Mythos zerstört, aber so wie es in Wirklichkeit keinen Weihnachtsmann gibt, wird auch diese Kolumne nicht immer erst Stunden, bevor sie veröffentlicht wird, geschrieben), die Produktion der Februar-Ausgabe von Monocle sowie weitere Interviews und Auftritte zum Jahresende. Zwischendurch standen diverse Mittagessen, Partys, Drinks und Abendessen rund um London auf dem Plan - und die Stadt war jedes Mal komplett verstopft. Es wird niemanden überraschen, dass ich jede Minute der Fahrt genoss.

Wenn Sie dies lesen, sollte ich mich schon auf halbem Weg nach Tokio befinden - ein bisschen Wochenendshopping und zwei Tage voller Meetings, bevor es zurück nach Zürich geht. Ich freue mich schon sehr darauf, mir was Gemütliches anzuziehen, etwas Wärmendes zu trinken, mir dann die Decke über den Kopf zu ziehen und erst 15 Minuten vor der Landung in Narita, wieder aufzuwachen.

Vor fünf Jahren hatte ich mich mit Mutti und Mats für eine kurze vorweihnachtliche Tour nach Tokio und Kyoto ausgesprochen, bevor wir über die Feiertage weiter nach Palm Beach (nördlich von Sydney) flogen. Nun habe ich den Abstecher nach Japan eingefügt, um in Stimmung zu kommen. Auch wenn die wuselige Stimmung in London gut zum Jahreswechsel passt, ist es mir dort nicht gemütlich und nicht weihnachtlich genug. Stockholm, Kopenhagen und Helsinki eignen sich zwar auch, um sich auf Weihnachten einzustellen, aber wenn es darum geht, Profanes mit Spirituellen zu mischen, geht nichts über Japan.

Die Baumkuchen-Aufsteller in den Kaufhäusern sehen deutscher aus als alles, was man in München oder Berlin findet; es gibt Bossa-nova-Weihnachtslieder, gespielt von Jazz-Trios aus Fukuoka, die in angenehm temperierten Cafés auftreten, die gewürzte, heiße Schokolade servieren; die ansprechende Beleuchtung in den Straßen funkelt in der kühlen Abendluft; zwischen den Füßen laufen Dackel, Whippets und Chihuahuas in Elfen-, Rentier- oder Weihnachtsmann-Outfits rum. Und alles wird den Anschein erwecken, als sei die Welt völlig in Ordnung.

Dieses Jahr treffe ich mich in Tokio mit zwei Freunden aus Melbourne. Da beide der ganzen Nippon-Erfahrung noch jungfräulich gegenüberstehen, freue ich mich darauf, sie zwei volle Tage durch die weihnachtliche Stadt zu führen, bevor ich einen Flug zurück nach Zürich nehme. Und dann wird das Geräusch der sich schließenden Tür des Swiss Airbus am Mittwochmorgen (nach Tokio-Zeit) endlich wirklich den Beginn der Weihnachtsferien markieren. Während die Geschäfte in Europa mehr oder weniger zum vollständigen Erliegen kommen und auch die USA anfangen, einen Gang runterschalten, hoffe ich, dass die meisten Leute schon in den Bergen sind, wenn ich in Zürich lande. Dann kann ich eine ruhige Zugfahrt nach Chur genießen, nach St. Moritz erwische ich ja vielleicht den Speisewagen. Da meine Mutter bereits vorgefahren ist, um die Wohnung vorzubereiten, freue ich mich schon auf den Duft frisch gebackener estnischer Ingwerkekse, Klementinen, eine buschige Tanne und Myrrhe, wenn ich durch die Tür komme.

Autor:
Tyler Brûlé