Gardasee Villen und Palazzi

Es war nur ein leiser Lockruf in einem unscheinbaren Fachblatt, aber das Echo darauf war gewaltig. Am 8. Oktober 1885 veröffentlichte der Arzt Ludwig Rohden in der "Deutschen Medizinischen Wochenzeitschrift" einen Artikel, in dem er das wohltuende Heilklima rund um die Gardaseegemeinde Gardone Riviera pries - und traf mitten in einen kränkelnden Nerv. Scharenweise lungen-, bronchial- oder einfach nur fernwehkranke Deutsche suchten bald in Gardone Heilung.

Einer, der sich dort regelmäßig erging, war der Bauunternehmer Richard Langensiepen. Viel weiß man nicht über ihn, aber ganz offensichtlich spielte der Magdeburger Mäzen im Gardone der Jahrhundertwende eine ähnliche Rolle wie heutzutage das saudische Königshaus in Marbella. Langensiepen klotzte nicht nur die Villa Alba an die Uferstraße des Gardasees - einen mächtigen, der Athener Akropolis nachempfundenen Pseudotempel -, sondern gleich auch noch einen Minihafen für sein dampfgetriebenes Motorboot, das erste auf dem Gardasee überhaupt.

Es war die Stein gewordene Phantasie eines Großbürgers, dem Geld wenig, Prestige alles bedeutete und der sich damit in bester Gesellschaft befand: Repräsentative Villen rund um Norditaliens Seen gehörten bereits zu Zeiten des Römischen Reiches zum Besitz betuchter Großbürger. In der Renaissance erlebte die Villengegend ein rauschendes Revival durch solvente Kaufleute, die sich unweit ihrer Handelshäuser standesgemäße Anwesen errichten ließen.

Als Richard Langensiepen an den Gardasee kam, ließ er sich als Krönung seines Landsitzes ein ganz spezielles Wahrzeichen einfallen: die Torre Ruhland, einen mächtigen steinernen Aussichtsturm direkt am Seeufer. Wenn der Hausherr dort oben Ausguck bezog, konnte er in der Ferne ein nicht minder imposantes Bauwerk ausmachen: die Villa Koseritz, 1890 bis 1899 von dem preußischen Baron Karl von Koseritz auf der gegenüberliegenden Halbinsel Sirmione errichtet. Koseritz hatte dort den gesamten sogenannten Cortine-Hügel erworben und an seine höchste Stelle einen Palast gesetzt. Sein Veroneser Marmor war mit eigens konstruierten Fähren vom Ostufer des Sees herangeschafft worden, Dekors im Stil Pompejis schmückten die Salons. Auf welch unsicherem Grund seine Pracht indes ruhte, musste der Baron im Ersten Weltkrieg erkennen: Als feindlicher Deutscher wurde er heim ins Reich geschickt und enteignet, die Villa Cortine - wie sie auch genannt wurde - sozialisiert und nach dem Zweiten Weltkrieg in ein mondänes Palasthotel umgewandelt. Heute nächtigen in Koseritz' Salons die betuchteren Sirmione-Fans.

Damit teilt das einstige noble Anwesen das Schicksal vieler Villen in der Seenregion, die ihre Dynastien entweder überlebt haben oder den Erben schlicht zu teuer geworden sind. Die alten Besitzerfamilien haben ihre prachtvollen Liegenschaften umgewidmet, verkauft oder dem Staat übergeben. Der Erhalt der riesigen Palazzi ist oft nicht mehr anders zu finanzieren, als darin ein Hotel, ein Museum, eine Tagungsstätte oder ein Restaurant zu betreiben oder wenigstens den Park für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So kehrt neues Leben in die alten Gemäuer ein. Oberitalien-Reisende, die staunend die prunkvollen bis protzigen Villen passieren, haben öfter, als sie denken, die Möglichkeit, in eines der Traumhäuser zu kommen und sich so selbst eine Vorstellung vom feudalen Leben in vergangenen Zeiten zu machen.

Nicht viel besser als dem vertriebenen Baron Karl von Koseritz erging es seinem Landsmann Richard Langensiepen am westlichen Ufer des Gardasees. Dessen Akropolis-Kopie wurde ebenfalls okkupiert, später als Nachrichtenzentrum der Republik von Salò genutzt und schließlich zum Hauptquartier eines Berlusconi-Unternehmens umfunktioniert. Heute dämmert sie einer besseren Zukunft entgegen.

Die Torre Ruhland hingegen machte Furore. Bis 1938 zählte sie zu den Liegenschaften des skurrilen Star-Literaten Gabriele D'Annunzio, der sie in Torre di San Marco umbenannte und im Langensiepenschen Hafen sein legendäres Torpedoboot parkte.

Heute leuchtet das Innere des Turmes in hellstem Gelb und Orange, unter der Decke klebt ein gläsernes DJ-Pult, und in der Mini-Marina legen nächtens die Speedboote von Discobesuchern an. Langensiepens Ausguck beherbergt den wohl spektakulärsten Nachtclub am Gardasee mit einer großzügigen Freiluftlounge und der Jeunesse dorée unserer Tage als Gästen: In warmen Sommernächten feiern hier Hunderte Clubber dem Morgen entgegen.

Auch andernorts genießen heute Normalsterbliche Zugang. Die Villa da Persico in Affi beispielsweise, von ihrer frommen Besitzerin einer Stiftung vermacht, dient jetzt christlichen Seminargruppen als Einkehrstätte. Und die Villa Erba am Comer See, einst Domizil des Regisseurs Luchino Visconti, kann heute von Jedermann für Hochzeiten oder Empfänge gemietet werden, hat aber auch schon einen Weltcup im Florettfechten erlebt.

Sehr viel profaner ist das Schicksal der Isola Bella: Als eine Art Neuschwanstein des Lago Maggiore verdaut sie Tag für Tag ganze Schiffsladungen von zahlenden Touristen, die staunend die kitschigen Grotten, terrassenförmigen Gärten und goldschimmernden Salons durchwandern, nachdem sich die adelige Eignerfamilie Borromeo ins erste Stockwerk zurückgezogen hat. Grandiose Adelshäuser wie die Villa Melzi in Bellagio sind heute Allgemeingut: Die Touristen strömen nur so durch das Idyll, das einst dem italienischen Vizepräsidenten von Napoleons Gnaden, Francesco Melzi d'Eril, gehörte.

Der Park am Ufer des Comer Sees ist im englischen Stil gehalten. Wiesen erstrecken sich über künstliche Hügel und Terrassen, ergänzt durch einen Skulpturenpark.

Gegenüber von Bellagio, am Westufer des Comer Sees, ist auch die romantische Villa del Balbianello zugänglich. Sie wurde von dem Kardinal Angelo Maria Durini im 18. Jahrhundert erbaut. Spitze Zypressen prägen das Bild dieses auf einem Felsvorsprung am See gelegenen Anwesens mit seinem Terrassenpark, zu dem auch ein kleines Franziskanerkloster gehört.

Eine Serpentine führt auf ein Plateau mit Laubengang, Musikpavillon und Aussicht auf den See. In der Villa sind Erinnerungsstücke von Guido Monzino, ihrem letzten Besitzer, ausgestellt, der Expeditionen zum Nordpol (1971) und auf den Mount Everest (1973) unternahm. Heute gehört die Villa wie viele ihresgleichen der Umweltschutzorganisation FAI (Fondo per l'ambiente italiano). Wechselvoll ist auch die Geschichte der Villa Feltrinelli in Gargnano. Die Villa am Gardasee, mit 300 Metern privatem Ufer eine exklusive Rarität, gehörte lange der Mailänder Papierfabrikantenfamilie Feltrinelli, die sie 1892 im neogotischen Stil hatte erbauen lassen. In der Zeit der Republik von Salò wohnte Mussolini von 1943 bis 1945 in der Villa. Die Nazis ließen sogar die markante Turmspitze abtragen, um den alliierten Bombern kein allzu offensichtliches Ziel zu bieten.

Ein preußischer Baron baute pompejanisch-pompös

Später nahmen die Feltrinelli die Villa wieder in Besitz, verloren aber spätestens nach dem mysteriösen Tod des Verlagschefs Giangiacomo Feltrinelli das Interesse daran. Ein Mailänder Bauunternehmer nahm sich des Hauses an, nutzte es aber, wie alte Fotos zeigen, nur als eine Art Luxus-Ferienhaus: Eine simple Ausstattung in edlen Gemächern zeugte vom geringen Verständnis des Hausherrn für seine ungewöhnliche Immobilie, die so allmählichem Vergessen entgegendämmerte, bis sich 1997 Robert H. Burns ihrer annahm. Der amerikanische Milliardär, mit der Kette der Regent-Luxushotels zu Reichtum gekommen, erwarb die Villa Feltrinelli und ließ sie für weit mehr als 30 Millionen Euro renovieren und zum kleinsten Grandhotel der Welt mit nur 21 Zimmern und Suiten umbauen.

"Diese Villa, ihr friedvoller Park und der Blick auf den großartigen See faszinierten mich vom ersten Moment an", sagt Robert H. Burns, der auch ein großer Jazzfan ist und im ganzen Haus immer wieder Jazzkompositionen leise erklingen lässt. Wer es sich leisten kann (ab 700 Euro pro Nacht), schläft im achteckigen Turmzimmer mit seinen fünf runden Bullaugen und Blick auf den Monte Baldo oder in der opulent ausgestatteten Al-Lago-Suite.

Für Perfektion bis ins letzte Detail - dazu gehört unter anderem auch die hauseigene Yacht "La Contessa" aus den zwanziger Jahren, das größte private Schiff auf dem Gardasee - sorgt der Schweizer Hoteldirektor Markus Odermatt. Alle noch so perfekten Renovierungsarbeiten haben aber nicht verhindern können, dass die Villa immer noch als "Mussolini-Villa" im Bewusstsein der Menschen am Gardasee ist. Eine Historie, mit der Odermatt so unbefangen wie möglich umzugehen versucht. Immer wieder kommt ein Gast aus früherer Zeit in der Villa vorbei, plaudert mit dem Direktor, setzt sich ans Klavier und unterhält die Gäste: Romano Mussolini, der heute 75-jährige jüngste Sohn des Duce, ein bekannter Jazzpianist.

Ernsthaft gearbeitet wird heute in der Villa Vigoni in Menaggio, ehedem Landsitz des aus Frankfurt stammenden Unternehmers und Bankiers Heinrich Mylius. Dort plaudern deutsche und italienische Juristen über den rechtlichen Schutz erfolgreicher Fernsehshow-Formate oder das Zivilprozessrecht im Ländervergleich. Ihr weitläufiger Park, von dessen höchstem Punkt sich der ganze See überblicken lässt, ist sommers Schauplatz grandioser Freiluftkonzerte. Und im Salon steht Christiane Liermann vor einem Mylius-Porträt und schwärmt. Villa Vigoni sei "einer jener selten gewordenen Orte, an dem das Schöne um des Schönen willen gepflegt wird", lobt die Historikerin, die seit acht Jahren beim Deutsch-Italienischen Zentrum Villa Vigoni arbeitet, das Anwesen.

Jahr für Jahr organisieren Frau Liermann und ihre Kollegen etwa 40 kleine, feine Symposien, Business Schools, Konzerte und Workshops in der Villa - finanziert von der italienischen und der deutschen Regierung sowie diversen Forschungseinrichtungen. Sie selbst, erzählt Liermann, habe ursprünglich nur drei Jahre hier bleiben wollen, "aber die Villa übt wirklich einen magischen Zauberberg-Effekt aus. Wer einmal hier landet, kommt so schnell nicht wieder von ihr los".

Diesen Zauberberg, den man über eine Viertelstunde Serpentinenschnauferei vom See herauf erreicht, erwarb Heinrich Mylius im Jahre 1829. Mylius war nicht nur ein erfolgreicher Mann der Wirtschaft, sondern auch ein überaus kunstsinniger Zeitgenosse, der sich von Herder hatte trauen lassen und mit Goethe, Schiller und Wieland korrespondierte.

Dass heute an dieser Stelle Anwälte und Historiker diskutieren dürfen, verdanken sie dem letzten Nachkommen Mylius'. Don Ignazio Vigoni Medici di Marignano (1905 bis 1983) war "eine echte Hanno-Buddenbrook- Figur", wie Christiane Liermann sagt, "irgendwie ins falsche Jahrhundert hineingeboren und im Grunde völlig verloren in der Moderne". Bevor der kinderlose Schöngeist starb, erinnerte er sich der Germania-Connection seines Urahns und vermachte Villa samt Park der Bundesrepublik - mit der Auflage, das Haus "für den Aufenthalt von politischen und diplomatischen Persönlichkeiten, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Künstlern, also zum Sitz eines Zentrums für hohe deutschitalienische Kunst" zu machen.

Klassische Kulissen inszenieren moderne Kunst

Sonderlinge wie Vigoni gelten unter den Villenbesitzern Norditaliens keineswegs als Seltenheit; im Gegenteil: Irgendwie scheint die Abgeschiedenheit des adeligen Ambientes unkonventionelles Denken und Leben zu befördern. Ein paar Dutzend Kilometer weiter beispielsweise, im Städtchen Varese, machte sich in den fünfziger Jahren ein gewisser Giuseppe Panza di Biumo mit einem spleenigen Hobby einen Namen.

Panza, Sohn eines Weinhändlers und Erbe der Villa Menafoglio, brachte aus Amerika Werke zeitgenössischer Maler wie Roy Lichtenstein, Franz Kline, Mark Rothko und Robert Rauschenberg mit - Künstler, die in Varese niemand kannte, niemand wollte und vor allem niemand verstand. "Meine Schwester war entsetzt, sie glaubte, ich würde das Familienvermögen verschleudern", lächelt Panza, ein zarter, mittlerweile 80-Jähriger mit wachsweißen Händen und brüchiger Stimme, "die Schwarzweißmalereien Franz Klines hielten die Leute für die Malversuche eines Kindes; von Mark Rothkos Werken sagten Besucher, sie erinnerten sie an Fingerübungen eines gelangweilten Fassadenmalers. Und als Robert Rauschenbergs Arbeiten anlangten, meinten Gäste, sie stünden vor den Überresten einer Sperrmüllsammlung."

Giuseppe Panza und seine Frau Giovanna aber ließen sich nicht beirren und sammelten 40 Jahre lang weiter. Bald füllten Artefakte die Salons, Flügel und Gänge, schließlich sogar die umgebauten Ställe und Remisen; mehrfach zog die siebenköpfige Familie innerhalb der Villa um, um Raum für Kunst zu schaffen. Und das Erstaunliche: Ihr 230 Jahre altes, stuckverziertes Haus vertrug sich mit den abstrakten, wilden Neumietern ganz ausgezeichnet.

Im Panzaschen Panoptikum war selbst Platz für Werke des Neonkünstlers Dan Flavin und für Lichtinstallationen James Turrells. Die beiden Amerikaner arbeiteten auf Einladung des Hausherrn mehrere Monate in Varese, wobei der eine einen kompletten Trakt der Villa in einen halluzinogenen Rausch aus Neon und Kunstlicht verwandelte, der andere kurzerhand das Dach eines Zimmers abhob und den Himmel über Varese in die Villa holte. Titel des grandiosen Licht-Blicks: "Sky Space I".

1996 vermachten die Panza ihr kunstvolles Haus samt Kollektion der Allgemeinheit. "Wir haben fünf Kinder und wollten verhindern, dass die Kollektion eines Tages auseinander gerissen wird", meint der Mäzen. "Außerdem: Können Sie sich etwas Schöneres vorstellen, als zu beobachten, wie Ihre Arbeit andere glücklich macht?"

Rund 60.000 Besucher durchstreifen heute jedes Jahr die Villa Panza, während das Sammlerpaar ein weitläufiges Apartment im zweiten Stock bewohnt. Jeden Morgen und jeden Nachmittag absolviert Signor di Panza seinen rituellen Rundgang durch Villa und Park. Kaum einer der Besucher erkennt ihn als jenen Gönner, dem dieses großzügige Geschenk zu verdanken ist - die meisten sehen in ihm einfach einen perfekt gekleideten, älteren Herrn, der lächelnd durch die Gänge streift und auf wundersame Weise überaus glücklich scheint.

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Autor:
Harald Willenbrock