Fast Lane Vier Rollen gut, zwei eher peinlich

"Fast Lane"-Leser sind ein ungeduldiges Völkchen. Auch wenn es zugegebenermaßen vielleicht ein bisschen provozierend war, einen Cliffhanger an das zu setzen, hatte ich nicht wirklich erwartet, noch am Freitagabend mitteleuropäischer Zeit mit Anfragen aus Asien überflutet zu werden, in denen um eine sneak preview der nächsten Kolumne gebeten wurde. Als ich dann am Samstag aufwachte, drohten einige bereits damit, ihr Abo zu kündigen, wenn die Kolumne eine falsche Wendung nehmen würde.

Am Sonntag, auf dem Weg nach New York, erreichten mich mitfühlende Kommentare von Lesern, die sich mit meiner Geschichte vollkommen identifizieren konnten. Ab Montag versuchten einige mich dazu zu kriegen, ihnen schon mal erste Entwürfe der folgenden Kolumne zu schicken. Ein paar Angebote klangen durchaus verlockend - aber die reizenden Damen und Herren, die diese Seite verantworten, hätten geschmunzelt: Sie wissen nur zu gut, dass diese Worte meist genau dann eintrudeln, wenn die Zeitung bereits auf halbem Weg in die Druckerei ist.

Dabei war es gar nicht meine Absicht, so eine Kontroverse loszutreten. Ich wollte einfach nur von meinem neuen Fitness-Reich erzählen, von meiner Trainerin Vivi und am Rande von dem Arzt, der mir riet, mich zukünftig lieber in Richtung rollbarem Gepäck zu orientieren, um meinen Rücken zu schonen. Offenbar habe ich die allgemeine Stimmung bezüglich des hochbrisanten Themas "Gepäck, das rollen kann, im Vergleich zu Gepäck, das mit der Hand getragen oder über die Schulter gehängt wird" völlig unterschätzt.

Fürs Protokoll: Ich bin kein Freund von Koffern oder Taschen auf Rollen - am schlimmsten ist die Handgepäck-Variante, die auch im Flugzeuggang gern hinter sich hergezogen wird und dabei Zehen abschneidet, sich an den Sitzgestellen verhakt und dann selten in die oberen Ablagefächer passt. Wie oft konnten Sie schon die größten Rollen-Sünder dabei beobachten, wie sie entgeistert feststellen, dass der Koffer, den sie kaum allein hochbekommen, nicht in das Fach einer Boeing 737 passt? "Seltsam - normalerweise passt er in die Ablage", sagt der umherjettende Unternehmensberater dann in den Raum hinein (als ob dieses spezielle Flugzeug dieses überfüllten Montagmorgenflugs sich in irgendeiner Form von den 1200 anderen im Betrieb befindlichen unterscheiden würde). "Kann ich ihn irgendwo anders abstellen?"

Peinlicher als das für die Ablage zu große Rollköfferchen ist nur noch der leider allzu häufige Anblick einer winzigen Aktentasche auf Rollen, die von einem riesigen Geschäftsmann gezogen wird. Das ist sogar eins der fürchterlichsten Bilder auf internationalen Flughäfen überhaupt. Anfangs scheint noch alles ganz normal. Am Zielort kommt die Maschine zum Stehen und der Geschäftsmann (fast immer etwa 2 Meter groß) steht auf, um seine Aktentasche aus der oberen Ablage zu holen. Er zieht seinen Mantel an und gerade wenn du denkst, er würde mit seiner Tasche an seiner Seite den Gang hinunterspazieren, zieht er den Teleskop-Griff raus, stellt die Tasche auf den Boden und dann marschiert er los.

Ernsthafte Image-Probleme für Rollkoffer-Nutzer

Mal ganz abgesehen davon, dass diese Kombination aus massivem Körperbau und klitzekleinem Aktenköfferchen allen Regeln der Verhältnismäßigkeit trotzt, ist sie auch die Ursache ernster persönlicher Image-Probleme. Was vermittelt es Ihrem Kunden wohl, wenn Sie sein oder ihr Büro mit einem spielzeuggroßen Rollköfferchen im Schlepptau betreten? Was sagt es der Gegenseite, wenn Sie mit quietschenden Rollen und etwas gebückt - da der Ausziehgriff zu kurz ist - einen Sitzungssaal betreten, und Eindruck schinden wollen, indem Sie den Griff einfahren und den Aktenkoffer auf dem Tisch platzieren? Wie auch immer - Sie verstehen schon, was ich meine.

Bei zierlichen Damen, bei Omas und Opas, den Schwachen und Versehrten habe ich überhaupt nichts gegen Handgepäck auf Rollen. Auch nicht bei der erlesenen Minderheit, die das Problem der passenden Proportionen beachtet (passt die Tasche größenmäßig zum Besitzer?) und ihre Rollkoffer überdies aus eigener Kraft manövrieren kann.

Der überwiegenden Mehrheit wäre hingegen besser mit einer vernünftigen Umhängetasche, einer mittleren Reisetasche oder einer großen Tasche und einem faltbaren Kleidersack gedient.

Nicht nur würde jede Menge Zeit beim Ein- und Aussteigen wegfallen, es würden außerdem Millionen Liter Kerosin eingespart, da die meisten Koffer dank der psychologischen Aversion des Menschen gegen Reisen mit halbleeren Koffern eh mit viel zu viel Kleidung vollgestopft sind.

Spulen Sie zurück zur Kolumne von vergangener Woche, bei der ich Sie am Haken zappeln ließ, als ich Rimowas glänzendes Aufgebot an Aluminium-Koffern in ihrem Laden in Tokios Marunouchi-Viertel unter die Lupe nahm. Mit der Gleichung meines Arztes im Ohr ("Rollen = eine bessere Haltung = ein schmerzfreier Rücken") nahm ich einen kabinentauglichen Koffer in die Hand, um ihn einmal durch den Laden schicken. Ich ging den einen Gang hoch und den nächsten wieder runter - und plötzlich sah ich mich selbst im Spiegel. Es ging einfach nicht. Ich wiederholte den ganzen Prozess, war aber immer noch nicht überzeugt.

Gerade als ich die Idee endgültig aufgeben wollte, zog ich noch mal einen Koffer mit vier Rollen (die aufrecht stehende Version, nicht diese hinter einem herwackelnden Anhängsel) aus dem Regal: zu groß für die Kabine, aber nicht so groß, dass der Eindruck entstehen würde, ich könnte einfach nicht richtig packen. Für zwei- bis dreiwöchige Reisen schien er genau das Richtige zu sein. Ich gab dem Vier-Roller einen kleinen Schubs, ließ ihn neben mir entlangfahren, und begab mich auf den Weg zur Kasse. In einer Welt, in der es am Gepäckförderband keine Gepäckträger mehr gibt, Gepäckwagen grundsätzlich ein eierndes Rad haben und ich nicht jünger werde, reise ich auf großen Touren jetzt mit vier Rädern, die meiste Zeit jedoch unverändert rollenfrei.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé