Europop Ufo-Landung in der Tristesse

Ein Raumschiff ist gelandet. 40 Meter hoch, 75 Meter breit und in seinen transparenten Ausläufern gut 200 Meter lang. Doch statt kleiner grüner Männchen strömen Pendler aus dem biomorphen Riesengebilde, das die Maßstäbe im backsteinernen Bahnhofsviertel von Liège-Guillemins sprengt. Um den neuen Vorplatz ducken sich wallonische Zweistockhäuschen und schlichte Neon-Kneipen mit "Jupiler"-Bierwerbung. Im Hintergrund wird die Hightech-Zukunft sanft von einer Hügellandschaft eingerahmt.

Wie farbige Lichtspuren scheinen gelb-blaue Nahverkehrzüge, weiße ICEs und weinrote Thalys-Garnituren durch die 312 Millionen Euro teure Verkehrsskulptur des spanischen Architekten Santiago Calatrava zu schweben. Ein radikalmodernes Gebrauchskunstwerk, das großen Wert darauf legt, auch in den Alltagsdetails perfekt zu funktionieren. Selbst die Shops und Cafés unter den Gleisen fügen sich dem eckenlosen Blubberdesign.

"Schon einmal wurden europäische Stadt durch große Bahnhöfe komplett umgekrempelt" sagt Liège-Experte Jacques Gilson und erinnert an die Vergangenheit seiner Ex-Stahl- und Kohle-Stadt. "Das war vor rund 150 Jahren. Nun müssen wir dieses Experiment noch einmal wagen." Denn auch wenn das Calatrava-Ufo seit seiner Inbetriebnahme im September bereits zum Wallfahrtsort für Architektur-Fans geworden ist, kennen Tagesgäste vor allem den vier Kilometer langen Sonntagsmarkt "La Batte" mit allerlei Spezialitäten und wallonischer Wurstigkeit. Ringsumher säumen hier grau-in-graue Hochhaus-Klötze die Uferzeilen der Maas, die hier Meuse heißt.

Fixpunkte einer neuen Moderne

So markiert der neue Superbahnhof nur einen spektakulären Eckpunkt in der charmanten Tristesse, die einst vom Kommissar-Maigret-Erfinder George Simeon so treffend beschrieben wurde. Stadt-Scout Gilson schlägt derweilen imaginäre Breschen durch das Viertel. Er präsentiert eine großzügige Esplanade, die über zwei Passerellen vorbei am Palais des Congrés auf der Meuse-Insel in den Stadtteil Longdoz führen soll. Vorher muss allerdings noch die massive Trutzburg des Wallonischen Finanzamtes abgerissen und die tosende Uferstraße eingetunnelt werden. Und so was kann dauern in Belgien. "Wir sollten uns in vier Jahren noch mal treffen", lautet die vorsichtige Prognose des Scouts.

Dennoch ist die Aufbruchsstimmung nach Phasen des Niedergangs deutlich spürbar. Über verschlungene Fußwege links und rechts der künftigen Esplanade führt Monsieur Gilson zum anderen Fixpunkt des neuen Liège, der "Mediacité" gegenüber der historischen Altstadt. Der israelische Design-Guru Ron Arad hat hier eine rot-weiß-überdachte Shoppingschlage erschaffen, die sich im Takt des nahen Flusses durch einen multifunktionalen Gebäudekomplex swingt. "Damit ist die riesige Industriebrache, die hier jahrelang vor sich hin gammelte, endgültig Geschichte", sagt Gilson. Die angrenzenden TV-Studios des Senders RTBF künden von der Regionalisierung der staatlichen Medien. Ein Multiplex-Kino und ein Eisstadion in olympischen Dimensionen sollen die Designer-Welt bis 2011 komplettieren. Gleich nebenan erinnert das neugestaltete Industriemuseum "Maison de le Metalurgie" an die stählerne Ära.

Der Rückmarsch aus der Zukunft zum zentralen Place Saint-Lambert führt durch das kleinteilige Uferviertel Outremeuse mit seinem Simeon-Denkmal, dem blauberockten Marionetten-Original Tchantchés und dem Mundart-Theater "Trianon". Die buckligen Gassen rings um die Rue Routure wirken wie ein Kontrapunkt zum High-Speed-Medien-Design. Eine perfekte Gegend jedenfalls, um deftige Fleischklopse mit Sauce Lapin zu probieren. So gestärkt erreicht man über die in Simeons Romanen verewigte Meuse-Fußgängerbrücke das historische Epizentrum von Liége: Die nach der Französischen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte Kathedrale Saint-Lambert, die nun im Zuge der Altstadt-Neugestaltung durch metallene Stelen zumindest in ihren einstigen Umrissen wieder erstanden ist.

Darüber wacht streng der wuchtige Justizpalast, der an seinen Seitenflügeln auf den Place du Marché geleitet, der - neben einer Reihe von Traditionsrestaurants - gleich ums Eck auch das beherbergt, wo die regionale Schnapssorte Peket gleich in einem guten Dutzend Frucht-Variationen serviert wird. "Liége wird sich seine neue Rolle als europäisches Mittelzentrum erkämpfen müssen" sagt Jacques Gilson zum Abschied. "Wir versuchen das mit radikalen Brüchen und einer Stärkung des historischen Herzens der Stadt." Darauf einen Peket!

Autor:
Ralf Niemczyk