Fast Lane Übler Geruch im Anflug auf Tokio

Es wird Sie freuen zu hören, dass ich ein paar Gänge zugelegt, wohlbehalten die gefahrlose Umgebung von St. Moritz verlassen habe und gen Tokio gereist bin. Nach zwölf aufeinanderfolgenden Nächten im selben Bett (ein persönlicher Rekord außerhalb der Urlaubszeit) hatte ich mich aus der Klinik Gut (Schauplatz meiner Knieoperation vor zwei Wochen) gewagt, hatte mir die Fäden ziehen lassen, erhielt ein Care-Reisepaket samt mit einem Blut verdünnenden Mittel aufgezogener Spritzen sowie einen Brief, der mich als flugtüchtig auswies und auch erklärte, dass die Spritzen medizinische Gründen hatten - statt der Entspannung (oder gar dem Terrorismus) zu dienen.

Zurück in meiner Wohnung war ich abreisebereit, konnte mich aber nicht vom Sofa erheben und den Weg Richtung Tür zurücklegen. Was das genaue Gegenteil meines üblichen Verhaltens ist, denn normalerweise stürze ich jedem Ausgang zu. Aber ich war in Sorge, dass ich - nach zwei Wochen mit mir allein in einem wohl situierten Dorf - vielleicht doch ein wenig zum Eremiten geworden war.

In der Nacht zuvor hatte ich beschlossen, mit meinen Kräfte lieber Haus zu halten, als mein Knie durch das Hasten hinter diversen Zügen und Flugzeugen zu belasten. Und so traf ich die Maßnahme, in der Nacht vor meinen Abflug bereits den Zug runter nach Zürich zu nehmen. Normalerweise hätte ich um 16:45 Uhr ein Taxi bestiegen, um den 17:04-Uhr-Zug nach Chur noch zu erwischen. Diesmal aber entschied ich mich für den 18:04er, der dann zum 19:04er wurde, nachdem ich eine Panikattacke bekommen hatte, weil ich wieder in die wirkliche Welt hinabzusteigen hatte. Und dann wurde aus dem 19:04er der 20:04er, nachdem ich entschieden hatte, dass es in einem späteren Zug sicher ruhiger sein und ich einen freien Sitz finden würde, auf dem ich mein Bein ausstrecken könnte. Am Ende hatte ich einen Wagen ganz für mich allein.

Als ich kurz vor Mitternacht in den Züricher Bahnhof einfuhr, wimmelte es dort nur so vor Teenagern, die augenscheinlich überlegten, wie sie den Rest ihrer Wochenenden rumbringen sollten. Die meisten hätten das am besten mit einer soliden Reinigung des Bahnhofs tun können, weil der in den späten Stunden des Freitagabends nicht unbedingt im besten Zustand war. Draußen standen unzählige Taxis und die Straßen rundherum waren mindestens genauso "gefüllt" wie die Bahnsteige und Gleise im Inneren. In meinem Hotel im Niederdorf lag der Zimmerschlüssel beim Barmann (die Rezeption war seit 22 Uhr geschlossen) und ich war, dachte ich, bereit, mich nach draußen zu wagen, um einen Happen zu essen. Aber dann wurde ich vom Bett in einen Hinterhalt gelockt, aus dem ich - in voller Montur - erst vier Stunden später wieder aufwachte. Nachdem ich den Pullover, das Hemd und die Jeans abgelegt hatte, legte ich mich selbst für einige weitere Stunden ab und startete in den Samstag bestens ausgeruht für den Elf-Stunden-Flug nach Tokio. Ein paar Stunden vor meiner Abfahrt nach Kloten ging ich los, um dem Einzelhandelsunternehmen Townhouse einen Besuch abzustatten und mir einen Vorrat an Geschenken für meine Japan-Reise zuzulegen.

Im Townhouse, geführt von einem ehemaligen Mc-Kinsey-Consultant und einer ehemaligen Marketingexpertin von L'Oréal, wurde ich mit einem dringend benötigten Espresso und einem Armvoll an Geschenken begrüßt, die goldrichtig waren sowohl für meine Kunden als auch Freunde. Ich unterhielt mich mit den Eigentümern Mia und Sebastiaan ein gute halbe Stunde lang und alle paar Minuten fügte ich meinem Stapel an Geschenken ein weiteres Teil hinzu, die besten Präsente im Angebot waren übrigens eine Reihe ausgestopfter Elefanten, die von den Patienten eines Hospizes in der Schweiz genäht worden waren. Zurück auf meinem Zimmer musste ich dann mit meiner kleinen Boston-Tasche kurzerhand in einen Wrestling-Wettkampf übergehen, um all meine neuen Errungenschaften in ihr unterbringen zu können.

An Bord der Swiss-Maschine nach Narita gab es auf der gesamten Länge des A340 keinen einzigen freien Sitz, und nachdem ich meine Mitreisenden gründlich betrachtet hatte, ließ ich mich neben meiner Kollegin Ariel nieder. Während wir uns auf den neuesten Stand in Sachen Büroklatsch brachten, erging der Kapitän sich im üblichen Geplänkel vor dem Abflug. Dann allerdings rückte er vom Skript ab (oder vielleicht ist das auch ein neues Konzept, um die Aufmerksamkeit der Passagiere wieder zu erlangen), indem er sich ausgewählten Details des Fluges widmete.

Als das Flugzeug sich anstellte loszurollen, erklärte der Kapitän, dass unser A340 ein Abfluggewicht in der Größenordnung von 300 Mittelklasseautos habe. In diesem Moment versuchte ich mir unsere Maschine als hundert A3-Audis vorzustellen, zusammengeschmolzen und bei dem Versuch durch die Luft zu fliegen.

Schlussendlich tat unser Flugzeug genau dies: Wir stiegen in die Dunkelheit über Zürich hinauf und entfernten uns Richtung russischer Luftraum. Ariel war äußerst interessiert, eine Ausgabe jenes Magazins zu sehen, über das ich an dieser Stelle in der Vorwoche schon geschrieben hatte. Und so zog ich aus den Untiefen meines Magazinstapels "Hanako Men" hervor und besprach mit ihr die journalistischen und gestalterischen Höhepunkte des Heftes.

Während wir danach Wochenendzeitungen, ausgewählte Bücher und verlässliche Magazine durchgingen, nahm die Kabinenbesatzung unsere Bestellungen fürs Dinner entgegen und bereitete die Kabine für die Ausgabe des Essens vor. Als der Wein eingeschenkt wurde und die Vorspeisen angeboten wurden, kamen wir darin überein, dass Sauerkrautsuppe vielleicht nicht die beste Sache ist, die man Passagieren servieren kann, die mehr als zehn Stunden in einer langen Röhre eingesperrt sind.

Vier Stunden, nachdem die Teller abgeräumt worden waren und unsere Mitreisenden in den Schlaf entschlummert waren, behielten wir recht: Um den übel riechenden Ausdünstungen eines in der Nähe befindlichen Passagiers zu entgehen, mussten wir Schutz unter unseren Decken suchen. So nett Swiss Langstreckenflüge auch sind, der Vorstand für den Service an Bord sollte das Menü aus Gründen des Komfort seiner Passagiere vielleicht noch einmal überdenken.

Übersetzung: MERIAN.de

Autor:
Tyler Brûlé