Fast Lane Übernachten in Wegwerfzimmern

Falls Sie gerade im Bett eines Hotelzimmers liegen, wenn Sie diese Kolumne lesen, dann lassen Sie den Blick doch mal durch den Raum schweifen - ganz egal, ob er gemütlich oder modern eingerichtet ist. Sollten Sie sich gerade nicht in einem Hotel aufhalten, denken Sie einfach an ihren letzten Aufenthalt zurück und versuchen Sie sich an den Stil und die Einzelheiten des Zimmers zu erinnern - den Einrichtungstrend, den Fußboden, die Farben und Stoffe an den Wände sowie den Stil der Möbel. Welches Bild entsteht vor Ihren Augen? Ist es ein Ort, an dem Sie möglichst viel Zeit verbringen möchten und glücklich bis spätabends das "Do not disturb"-Schild an der Tür hängen lassen? Entsteht der Eindruck, dass er sein Geld wert ist? Ist das Design auf Dauer angelegt oder lassen sich Anzeichen dafür finden, dass es zu trendig und damit zeitlich befristet ist?

Ich verbringe fast zwei Drittel meines Jahres in Hotelzimmern und werde mit einer immer wieder erstaunlichen Entwicklung konfrontiert: Sowohl große internationale Konzerne als auch kleinere Boutique-Hotel-Betreiber betonen, dass sie ihren Gästen einen umweltbewussten und harmonischen Aufenthalt garantieren möchten - sie scheinen das aber auf eine völlig verkehrte Art und Weise anzugehen.

Vor ein paar Tagen guckte ich mir eine zufällige Auswahl E-Mails an, die ich von PR-Firmen aus der ganzen Welt zugeschickt bekomme (bitte, bitte, hören Sie damit auf - ich nehme weder Pressereisen wahr, noch bin ich an Safaris interessiert, ich möchte keine Abenteuer auf irgendwelchen Inseln Neuseelands erleben und auch ein herbstlicher Wochenendtrip nach Serbien ist kein Bestandteil meiner "To-do"-Liste für November). Ein Großteil dieser Mails trägt das Wort "Öko" in der Betreffzeile. Auf den Malediven gibt es zum Beispiel ein neues Luxus-Öko-Resort, das nun sein Debüt für Hochzeitsreisende gibt; eine große Hotelgruppe baut günstige "grüne" Hotels in ganz Südostasien; und in den USA kann man ein total "grünes" Wochenende verbringen, wenn man vor dem Columbus Day am 11. Oktober bucht.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie Letzteres in der Praxis aussehen könnte und wie ansprechend das Konzept wohl für eine fünfköpfige Familie aus Chicago wäre. Noch mehr fesselte mich allerdings das Gespräch mit dem Geschäftsführer eines Hotels, der von mir wissen wollte, ob ich der Meinung sei, das Bettzeug müsse täglich gewechselt werden, und ob ich für oder gegen die Wiederbenutzung meiner Handtücher sei. Ich antwortete mit der Gegenfrage, ob er dafür oder dagegen sei, seine Zimmer alle drei Jahre immer wieder völlig neu zu gestalten und ob er oder sein Management jemals eine viel umweltschonendere, da auf Dauer angelegte Renovierung in Betracht gezogen hätten.

Die Übeltäter haben keinen Geschmack

Aufgrund des riesigen Reviers, das ich abdecke, werde ich mich niemals als Öko-Krieger aufspielen und auch nicht versuchen, mich auf irgendein hohes Ross zu schwingen, aber mir sträuben sich die Haare angesichts des ökologischen Alibi-Getues, mit dem die meisten Hotels Gäste anlocken wollen, um sich dann in den Jahresberichten mit ihrer sozialen Verantwortung als Unternehmen zu brüsten. Wenn Hoteliers etwas tatsächlich Wirkungsvolles tun möchten, um ihr Gewissen zu erleichtern, den Gästen ein gutes Gefühl zu geben, Emissionen zu reduzieren und sogar Bilanzen zu verbessern, dann müssen sie den immer gleichen Kreislauf beenden, billig produzierte Hotelzimmer ständig zu erneuern.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Hotelzimmer, für das Sie 500 Euro und mehr pro Nacht bezahlen, eine Lebenserwartung von nicht mehr als vier Jahren hat, ist ziemlich hoch. In extremen Fällen wird das ganze Ding (Garderobe, Schreibtisch, Beistelltische und Club-Sessel) in weniger als zwei Jahren im Müllcontainer landen. Wenn Sie in einem preisgünstigeren Zimmer unterkommen, ist die Zeitspanne sogar noch kürzer (sogar dann, wenn der Geschäftsplan des Hotels aussagt, sie hätten in langlebige Ausstattungen investiert) und das Zimmer ist schon am Ende der Eröffnungswoche angeschlagen, verbeult und runtergekommen. Die PR-Firmen der Hotels und die interne Kommunikation sollten also entweder ganz den Mund halten, nichts über ihre Initiativen verlauten lassen oder ihr Management zwingen, sich eine richtige Geschichte einfallen zu lassen (das bedeutet Investitionen), die überzeugend ist und Verantwortungsbewusstsein beweist.

Anfangen könnte man damit, den gesamten Prozess zu überdenken, der momentan dazu führt, dass die Aufträge an die Anbieter mit den niedrigsten Preisen vergeben werden, was dann häufig zu primitiven Design-Lösungen führt. Die schlimmsten Übeltäter haben oft so wenig Geschmack wie Skrupel und veranstalten raffinierte Pitch-Wettbewerbe, die sich an talentierte Designer richten - nur um dann deren Ideen zu klauen und die Projekte intern zu vergeben.

Dies führt dazu, dass "mood-boards" von Agenturen auseinander gerissen und wieder neu zusammengesetzt werden und die meisten Design-Entscheidungen schließlich von Bauunternehmen und Buchhaltern getroffen werden. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum man keine "Grandhotels" mehr findet, denn es ist schwer in Würde zu altern und eine traditionelle Marke aufzubauen, wenn die meisten neuen Errungenschaften nur Beispiele für hinter schönem Schein versteckten Klump, penetrant riechende Parfüm-Spender und schlechte Stoffqualität sind.

Fügen Sie der Gleichung noch hinzu, dass der Großteil der Einrichtung heutiger Drei- bis Fünf-Sterne-Hotels in Ausbeuterbetrieben irgendwo ein paar Fahrtstunden von der Grenze zu Hongkong entfernt gebaut werden und Sie dürfen auch noch die humanen und Transportkosten miteinbeziehen.

Grandhotels haben Schrammen, Dellen, geplatzte Nähte, kahle Stellen und Kratzer, die ihnen Charakter, Charme und Standfestigkeit verleihen. Grandhotels haben diese Merkmale, da sie gebaut wurden, um auf Dauer zu bestehen und Materialien benutzt wurden, die solide waren und es aushielten, dass auf ihnen rumgetrampelt und rumgekratzt wird. Und vielleicht noch wichtiger: Die Vorhangstoffe und Lobbyteppiche wurden dort nicht von der Einkaufsabteilung ausgewählt.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé