Matterhorn Tragödie des Schweizer Gipfels

Ein geflochtenes Hanfseil, nicht dicker als das Kabel eines Toasters. Das eine Ende ist ausgefranst. Wie eine Reliquie wird es auf rotem Samt unter einer gläsernen Haube im Museum neben der Kirche von Zermatt präsentiert. Die bleichen Hanffasern lassen die Katastrophe noch erahnen: An dieser Stelle riss am 14. Juli 1865 das Seil. Die drei britischen Bergsteiger Francis Douglas, Robert Hadow und Charles Hudson stürzten mit dem französischen Führer Michel Croz beim Abstieg vom Matterhorn in den Tod.

Das obere Ende des dünnen Seils hielt der Zermatter Bergführer Peter Taugwalder in den Händen. Er stand mit seinem Sohn und dem Engländer Edward Whymper auf schneefreier Stelle unter einem Überhang des 4478 Meter hohen Berges, den sie an diesem historischen Tag als Erste bestiegen hatten. Aber jetzt, beim Abstieg vom Gipfel, überschattete der Tod ihren Triumph.

Die Tragödie am Matterhorn markiert einen Einschnitt in der Geschichte des Alpinismus. Im 18. Jahrhundert wich die archaische Angst der Menschen vor dem Hochgebirge dem Drang, die Natur zu erobern. 1786 bestiegen der Kristallsucher Jacques Balmat und der Arzt Michel-Gabriel Paccard den höchsten Berg der Alpen, den 4808 Meter hohen Mont Blanc. In Tirol wünscht Erzherzog Johann, dass auch der höchste Berg Österreichs bezwungen werde. 1804 erledigte Gamsjäger Josef Pichler den Auftrag der Habsburger und kletterte auf den 3905 Meter hohen Ortler im südlichen Tirol. 1857 gründeten englische Pioniere den "Alpine Club", den ersten Bergsteigerverein der Welt. Seine Mitglieder unternahmen zahlreiche Erstbesteigungen, doch alle scheiterten am Matterhorn. Als Edward Whymper am 14. Juli 1865 um 13.40 Uhr auf dem Gipfel stand, war der letzte Viertausender der Alpen bezwungen. Die Pionierzeit des Alpinismus war zu Ende.

Ganz Europa sprach über die Katastrophe vom Matterhorn. Drei Wochen später beschuldigte eine Wiener Zeitung Whymper, er habe das Seil durchgeschnitten, um die eigene Haut zu retten. Die beiden Taugwalders verhielten sich wie echte Bergler: Sie redeten nicht viel. Eine amtliche Untersuchung wurde ohne Ergebnis eingestellt. Bis heute ist nicht klar, warum Peter Taugwalder beim Abstieg das dünne Seil zum Sichern benutzt hat.

Der Hotelier Alexander Seiler sammelte die Überreste der Tragödie und stellte sie aus: einen Schuh von Douglas, das Gebetbuch von Hudson, den Rosenkranz von Croz. Seilers Hotel "Monte Rosa" wurde zum Basislager gut betuchter Bergsteiger.

Zermatt hat das Glück der perfekten Lage. Das Bergbauerndorf, das seinen Aufstieg zum Weltkurort dem Matterhorn verdankt, bietet den besten Blick auf einen der schönsten Berge der Welt. Er erhebt sich als Solitär über dem Hochtal, und er verkörpert den Archetyp: eine steile Pyramide. So würde sicherlich ein Kind einen Berg malen. Scharfe Felsgrate rahmen die Wände, am Gipfelaufbau wird die Ostwand noch wesentlich steiler, das gibt dem Bild eine unübertreffliche Dramatik.

Protest gegen die italienische Seilbahn

Das Matterhorn entwickelte eine magische Anziehungskraft. 1880 baute der Schweizer Alpenclub (SAC) an der klassischen Aufstiegsroute in 3260 Metern Höhe die Hörnli-Hütte, 1911 direkt daneben das Berghotel "Belvédère".Von hier brechen Alpinisten zum Gipfel auf. Die Whymper-Route über den Nordostgrat wurde so häufig begangen, dass der SAC an der schwierigsten Stelle auf 4003 Metern eine Notunterkunft mit zehn Plätzen errichtete, das Solvay-Biwak. 1950 plante Graf Dino Lora Totino eine Seilbahn vom italienischen Cervinia auf den Gipfel des Matterhorns. Das Alpine Museum Zermatt richtete ein Protestschreiben mit 90 000 Unterschriften an die italienische Regierung. Diese erklärte darauf hin das Matterhorn zum schützenswerten Naturwunder und verweigerte dem Grafen Totino die Baukonzession.

Auch ohne Seilbahn ist der Ansturm gewaltig. An Sommertagen mit gutem Wetter brechen morgens kurz nach vier in der Hörnli-Hütte 140 Bergsteiger zum Matterhorn auf. Wer zuerst am Fels ist, muss an den Schlüsselstellen nicht warten, darf mit weniger Steinschlag rechnen.

Der Aufstieg dauert normalerweise vier bis sechs Stunden, der Abstieg drei Stunden. Ein Zermatter Bergführer nimmt nur einen Gast ans Seil und verlangt ein Honorar ab 1177 Schweizer Franken. Viele Alpinisten glauben, sich von der Masse abheben zu müssen, indem sie das Matterhorn despektierlich einen "Modeberg" nennen. Sie tun die Whymper-Route als einfachen Weg ab, der nicht viel anspruchsvoller sei als eine Bergwanderung.

Kurt Lauber, der langjährige Wirt der Hörnli-Hütte, widerspricht entschieden. Er hat die paradoxe Erfahrung gemacht: "Diejenigen, die am meisten Mühe hatten, tun das Matterhorn hinterher als einfachen Berg ab." Gegen Mittag kommen die ersten erfolgreichen Gipfelstürmer in die Hütte zurück und machen Rast. "Da feiert keiner", sagt Lauber, "die sind alle müde und müssen die Anstrengung erst mal verdauen. Die Freude kommt erst am nächsten Tag."

Die Nordwand des Matterhorns ist freilich über alle Zweifel erhaben. Sie gehört mit dem Eiger zu den schwierigsten Nordwänden der Alpen. Die Brüder Franz und Toni Schmid bezwangen sie 1931 als Erste. Ein Jahr später verlieh das Internationale Olympische Komitee ihnen für diese Leistung den "Prix olympique d'alpinisme". Toni Schmid erlebte die Auszeichnung nicht mehr - er stürzte vorher an der Nordwand des Wiesbachhorns ab.

Der Berg der Berge ist nicht nur zum Wahrzeichen der Schweiz geworden. Die halbe Welt benutzt ihn als Projektionsfläche. Die Marienschwestern und der Guru Sri Chinmoy haben Tafeln mit ihren Botschaften an den mythischen Berg geschraubt, die Toblerone-Schokolade hat ihre Form vom Matterhorn. Im Disneyland in Kalifornien steht ein Nachbau im Maßstab 1:100. Und Luis Trenker hat 1938 das Drama der Erstbesteigung zu seinem bekanntesten Film "Der Berg ruft!" verarbeitet. Ein historischer Zweikampf gibt ihm zusätzliche Spannung: Whymper wollte unbedingt dem Bergführer Jean-Antoine Carrel zuvorkommen, der am selben Tag den Gipfelsturm von der italienischen Seite versuchte.

Trenker drehte nicht am Matterhorn, sondern am Riffelhorn. Dieser steile Zahn aus nacktem Fels ist nur 2928 Meter hoch und von Zermatt bequem mit der Zahnradbahn zu erreichen. Es bietet anspruchsvolle Kletterrouten, an denen sich viele Alpinisten auf den begehrtesten Gipfel der Alpen vorbereiten.

Seit 1865 starben am Matterhorn über 450 Bergsteiger, mehr als an jedem anderen Berg der Welt. Neben der Kirche studieren Touristen die Grabsteine aus der Pionierzeit. Eine Tafel erinnert an Charles Hudson: "Sein Körper ruht unter dem Altar in der Englischen Kirche." Der Leichnam seines Seilgefährten Francis Douglas wurde nie gefunden.

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Autor:
Johannes Schweikle