Fast Lane Tod einer Waschmaschine

array of radio telescopes

Anfang vergangener Woche landeten Außenminister aus der ganzen Welt in London, um gemeinsam nach einer Lösung für das Problem Gaddafi zu suchen. Dank diverser elektronischer Gerätschaften in meinem Londoner Zuhause war ich bereits lang vor der offiziellen Ankündigung über diesen Mini-Gipfel informiert - ich wusste sogar schon Bescheid, als die Minister noch nicht mal ahnten, dass sie ihre Koffer für einen Trip nach Großbritannien packen würden.

Sie glauben jetzt vielleicht, dass sich in meiner Wohnung Abhöreinrichtungen, Satellitenschüsseln und Antennen stapeln. Die Wirklichkeit ist sehr viel prosaischer. Meine Haushaltsgeräte trumpfen mit einer Präzision und Fehlerfreiheit auf, die sogar den CIA oder Mossad dazu bringen könnte, ihre eigenen nachrichtendienstlichen Ausrüstungsarsenale infrage zu stellen und lieber mal der Elektrogeräte-Abteilung des John-Lewis-Kaufhauses einen Besuch abzustatten. Denn meine Zanussi-Waschmaschine, der Panasonic-Fernseher oder das Bose-Sound-System beginnen zuverlässig immer dann rumzuspinnen, wenn ein bedeutsames Ereignis mit Folgen für die Geschäftswelt in China und der Türkei ansteht.

Hätte ich nun tatsächlich eine Handvoll supersmarter, skrupelloser Apparate, die das Weltgeschehen voraussagen könnten, würde das ein gutes Drehbuch für einen Film abgeben. Die ernüchternde Wahrheit lautet leider, dass diese Ansammlung weißer Konsumgüter sich gar nicht durch besondere Schlauheit auszeichnet. Stattdessen wird die ausgetüftelte Elektronik gelegentlich ein Opfer der benachbarten türkischen und chinesischen Auslandsvertretungen.

Ich verdächtige die Türken oder Chinesen ja gar nicht, irgendetwas gegen mich persönlich zu haben (auch wenn meine E-Mail-Adresse häufig von anti-japanischen Fanatikern attackiert wird, die, wie ich vermute, in den Vororten Pekings zu Hause sind). Es ist nur so, dass ihre Anti-Abhöreinrichtungen offenbar hochsensibel sind und deshalb glauben, dass meine Waschmaschine möglicherweise die nationale Sicherheit Ankaras bedrohen oder dass mein Hewlett-Packard-Drucker ganz eigenständig eine Cyberattacke gegen Chinas U-Boot-Stationierung auf der Insel Hainan lostreten könnte.

All diese verdächtigen Störmanöver haben ihren Tribut von meiner armen Waschmaschine gefordert: Sie befand sich in der Blütezeit ihres Lebens, strotzte förmlich vor Funktionen und funktionierte einwandfrei, doch dann fing das Getriebe plötzlich an zu stöhnen und sie gab unangenehm gurgelnde Laute von sich. Zunächst dachten wir, diese Irritationen seien vorübergehender Natur, aber bald kamen weitere seltsame Geräusche dazu, die schließlich in gewaltigen Vibrationen gipfelten. Das Wasser blieb in der Maschine stehen und die Kleidung war am Ende von einem leicht seifigen Film umgeben. Etwa um dieselbe Zeit ließ sich im Wohnzimmer mein recht neuer Panasonic nicht mehr anschalten - egal, wie energisch ich die Fernbedienung drückte. Ich vermutete das Problem in der Fernbedienung selbst und versuchte, den Fernseher direkt am Gerät anzumachen - nichts. Ein grünes Licht leuchtete auf, dann ein rotes. Nach ein paar Streicheleinheiten begriff der Fernseher dann offenbar, dass er nichts zu befürchten haben, denn er senkte die Sicherheitsstufe und ging an.

Poltergeist, Junkie oder Geheimagenten?

Die verschiedenen Haushalts- und elektronischen Geräte rebellieren nicht zum ersten Mal. Vor einigen Jahren, als ich noch näher an der Chinesischen Botschaft und dem Wohnsitz des türkischen Botschafters wohnte, passierten ähnliche Aussetzer - mit beunruhigenderen Folgen. Als ich von einer Reise nach New York in meine Wohnung zurückkehrte, musste ich feststellen, dass der Gemeinderat sie versiegelt und auch gleich die Schlösser ausgetauscht hatte. Ich erkundige mich kurz bei meinen aufmerksamen Nachbarn und erfuhr so, dass meine Stereo-Anlage von selbst angegangen war, um die gesamte Nachbarschaft mit der brasilianischen Sängerin Astrud Gilberto zu beschallen. Beim nächsten Vorkommnis schaltete sich der Fernseher in meinem Schlafzimmer eigenständig an. Und dann gab es noch diesen mysteriösen Einbruch, der meine Wohnung zwar in ein völliges Chaos verwandelte, bei dem aber nichts Wertvolles gestohlen wurde - abgesehen von einem Satz winziger Bose-Lautsprecher.

Die Polizei sagte, meine Wohnung sei von einem "bekannten Junkie" ausgeraubt worden, der schnelles Geld machen wollte. Warum, fragte ich sie, hatte dieser bekannte Junkie dann einen Satz Mini-Lautsprecher mitgenommen und den Stapel von 20-Pfund-Noten ignoriert, den ich für die Putzfrau hinterlegt hatte? Die lieben Polizisten zuckten nur mit den Schultern. Dab hatte mich schon der Verdacht beschlichen, dass die ganze Sache weniger mit irgendeinem Junkie als mit den "israelischen Austauschstudenten" zu tun hatte, die zwei Etagen weiter oben wohnten. Falls das alles etwas Jason-Bourne-artig rüberkommen sollte, das war es auch! Mit meinen Umzug in die Schweiz vor einiger Zeit hatte ich eigentlich die Hoffnung verbunden, von solchen Geschichten in Zukunft verschont zu bleiben. Aber es sieht so aus, als sei die Spionageszene in meinem Teil Londons quicklebendig und gut aufgestellt.

Ich habe nun ein wenig Angst, dass die Konflikte mit meinen Nachbarn wieder aufflammen könnten - so à la Golfkrieg 1990 mit mir in der Rolle von Saddam Hussein. In den vergangenen fünf Jahren waren die Leute im Gesundheitsamt Kuwaits einwandfreie, brave Bürger, aber seit kurzem spinnt ihr Wecker immer am Wochenende und geht dann gerne um 4 Uhr morgens los.

Ich gehöre nun wahrlich nicht zu den Leuten, die sofort die Polizei rufen, wenn es in der Nachbarschaft mal etwas lauter zugeht. Ich bin ganz im Gegenteil sogar eher der Meinung, dass diejenigen, die nicht gelegentlich mal laute Musik oder den ein oder anderen Autoalarm ertragen können, besser gar nicht erst in eine Großstadt ziehen sollten. Aber eine sonntagmorgens von 4 bis 10 Uhr heulende Sirene ist in der Tat ein wenig grenzwertig. Als ich versuchte, die Gemeinde dazu zu bewegen, sie abzustellen, wurde mir beschieden, dass sie nichts tun könnten, da die Sirene auf diplomatischem Boden heulen würde. Ich hatte mich bereits dazu entschlossen, meine fehlerhaften Geräte auf der Türschwelle der chinesischen Botschaft zu legen und die Türken meinen Drucker reparieren zu lassen - aber ich muss noch überlegen, was die Kuwaiter als Kompensation anbieten könnten. Wenn ich nur ein Auto besäße.

Autor:
Tyler Brûlé