Fast Lane Sonnenschirm ja, Bildschirm nein

Ist Ihnen in diesem Sommer ein eigenartiges Verhalten am Strand oder rund um den Pool aufgefallen? Und ich meine dabei nicht das für Mitte Juli übliche Tableau des 70-jährigen Mannes, der mit einem Thai-Mädchen unterwegs ist, die seine Tochter sein könnte, oder beispielsweise die gut 50-jährige Lady, der Sie seit Jahren in diesem Resort begegnen und die plötzlich mit den Brüsten einer sportlichen 21-jährigen Bayerin herumläuft. Nein, ich spreche von etwas nicht ganz so Augenfälligem. Wenn Sie zufällig gerade diese Zeitung ("Fast Lane" erscheint auch in der "Financial Times", die Red.) an einem öffentlichen Schwimmbad oder am Strand lesen (oder in den kommenden Wochen in so einer Umgebung Urlaub machen), senken Sie die Seite und gucken Sie sich Ihre Sonnenanbeterkollegen mal ganz genau an.

Fällt Ihnen irgendetwas Merkwürdiges auf? Sie werden es vielleicht nicht gleich entdecken, aber geben Sie nicht auf. Immer noch nichts? Es könnte helfen, wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Medien lenken, die die Leute benutzen - ist da irgendetwas anders als sonst bei der Frau, die die "Bunte" liest, und dem Mann, der sich in das "Svenska Dagbladet" vertieft hat?

Was ist mit dem jungen Pärchen, das sich an der Ecke des Pools niedergelassen hat? Ja, genau die beiden, die sich in so bizarrer Form verknotet haben, dass es aussieht, als wollten sie sich beim Cirque du Soleil bewerben. Was geht da vor sich? Dehnübungen im Liegestuhl? Oder haben die ein spezielles Wochenend-Yoga-Paket erstanden, das noch nicht angeboten wurde, als Sie selbst buchten? Vielleicht sollten Sie aufstehen und rübergehen, um das mal aus der Nähe zu inspizieren.

Als Sie den Abstand zwischen Ihrem und deren Fleckchen Sonne verringern, wird die Szene sogar noch befremdlicher, da Sie nun sehen, dass Requisiten involviert sind und die beiden ihre Position in den letzten zwei Minuten zwei Mal verändert haben. Die Dame trägt eine Schirmmütze mit breitem Rand und hat mit Hilfe eines Handtuchs über ihrem Kopf eine Art Schutzraum kreiert. Außerdem hat sie ihre Knie hochgezogen, diese sind ebenfalls mit einem Handtuch bedeckt. Das Einzige, was Sie von ihr überhaupt sehen können, sind ihre gespreizten Finger, die oberhalb der Knie herausgucken. Was zum Teufel tut die da?

Ihr Freund/Verlobter/Ehemann liegt neben ihr auf der Seite und hält irgendetwas im Arm (ebenfalls in einem Handtuch). Auch er trägt einen breitkrempigen Hut und scheint sich nach Kräften zu bemühen, die Sonne zu meiden. Kümmert er sich um ein Baby? Wenn ja, dann ist es so klein (und flach), dass es in den Inkubator eines namhaften Kinderkrankenhauses gehört.

Erst als Sie die beiden im Vorbeigehen fast berühren, klärt sich alles auf - auch die menschlichen Bretzel-Formen: Es ist eigentlich gar nichts sonderlich seltsam an dem Pärchen, sie haben nur das falsche Medien-Format für den Strand gewählt - sie versuchen, auf iPads zu lesen.

"Das verdammte Zeug ist überall!"

In den vergangenen Wochen konnte ich solche Szenen in mehreren Hotels und Beachclubs verfolgen und es war jedes Mal das Gleiche. Während die vernünftige Mehrheit weiterhin durch ihre Magazine blättert, Zeitschriften studiert, Taschenbücher überfliegt und Zeitungen säuberlich auseinanderfaltet, gibt es gewöhnlich vier oder fünf Menschen am Pool, die fest entschlossen sind, allen anderen zu beweisen, dass sie sich a) an vorderster Front moderner Technologie befinden; b) sie super-duper connected und alle anderen primitive Höhlenmenschen sind und c) dass sie wie die letzten Deppen aussehen.

Ich habe auch schon ein Paar gesehen, das sich fast umgebracht hat, da die Sonnencreme sich in ihrer Plastiktube aufgeheizt hatte und explodierte, als die Dame sie gerade erneut auftragen wollte. Sie verteilte sich über den ganzen Touchscreen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand schnell genug reagiert und das Ganze gefilmt hat, aber wäre die Szene auf YouTube zu sehen, hätte sie inzwischen locker den Bereich der Tausender-Views erreicht.

"Schau, was du gemacht hast! Das verdammte Zeug ist überall! Wie kriegen wir das wieder weg", schrie das Opfer der Attacke.

"Es ist nur ein bisschen Clinique-Sonnencrème, Schatz. Alles wird gut. Reib's einfach ein", sagte sie und versuchte so wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie möglich.

Genau da brach die Hölle aber erst richtig los, da das iPad mit dem Touchscreen nach vorne in eine Pfütze rutschte, voraufhin mit Handtüchern und Fensterreinigern bewaffnete Bademeister zum Schauplatz des Geschehens stürzten.

Wäre er schlau gewesen und hätte einfach einen Stapel Magazine und sein Smartphone mitgenommen, wäre alles okay gewesen. Aber der Tumult bewies vielen Männern und Frauen, dass der Gebrauch eines iPads am Pool oder am Strand Aufmerksamkeit aus ganz falschen Gründen hervorrufen kann. (Fürs Protokoll: Niemand der Leute, die ich in sonniger Umgebung ein iPad habe benutzen sehen, sah attraktiv aus. Ich habe allerdings schon oft beobachtet, wie sich Leute verbrannten, da sie das iPad erst mit der Vorderseite nach unten in der Sonne liegen ließen und dann auf ihrem nackten Schenkel ablegten.)

Die gute Nachricht für Hoteliers, Ärzte und diverse alternative Heiler lautet: All die Verrenkungen und Verdrehungen, die die Leute auf sich nehmen, um auch in sonnengetränkter Umgebung Tablet-Devices benutzen zu können, führen zu einem sprunghaften Anstieg von 90-minütigen Massage-Buchungen im Spa. Darauf folgt dann noch ein ganzer Herbst voller Termine mit Physiotherapeuten, Osteopathen und anderen Spezialisten. Auf der anderen Seite könnten sich all diese Menschen einfach mit praktischem, tragbarem und risikolosem Papier zufrieden geben - auch wenn dies bedeuten würde, dass ihr Leben am Pool dann weniger dramatisch ausfiele.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé