Fast Lane Schuld ist das Smartphone

Von Zeit zu Zeit entwickelt Fast Lane gern kleine Theorien und Lösungsansätze für moderne Dilemmas. Um zu einem Ergebnis zu gelangen, braucht man dafür natürlich gelegentlich den Rat von Fachleuten. Da ich weder Soziologie noch Anthropologie oder Psychologie studiert habe, bin ich nun auf der Suche nach Expertenmeinungen, um ein Problem zu lösen, unter dem der weite öffentliche Raum zunehmend leidet.

Hier ein paar Beispielszenarios: Es ist 6.30 Uhr an einem Samstagmorgen und du bist der erste Besucher des Fitness-Studios. Du machst ein paar Dehnübungen und möchtest dann aufs Laufband wechseln. Das Fitness-Studio ist sehr großzügig gestaltet, deshalb entscheidest du dich für ein Gerät, das nicht zentral in der Mitte liegt sondern am hinteren Ende der Reihe, von dem aus man aber den ganzen Raum gut im Blick hat.

Um 6.40 Uhr bist du im Erfolgsrausch und legst 10,5 km pro Stunde zurück. Um 6.41 siehst du, wie eine junge Frau den Raum betritt - sie ist die zweite Besucherin an diesem Morgen. Sie schaut sich um, zieht die Cross Trainer in Betracht, entscheidet sich dann aber ebenfalls fürs Laufband. Sie kann aus 20 Geräten eins auswählen, aus irgendeinem Grund wendet sie sich jedoch nicht denen in der Mitte zu, auch nicht denen auf der gegenüberliegenden Seite oder einem wenigstens leicht entfernten. Nein, sie geht zum Gerät direkt neben dir. Warum?

Du bist ungewöhnlich früh am Incheon Flughafen in Seoul angekommen. Du gehst zur Cathay Pacific Lounge, die menschenleer ist. Lassen Sie sich nun in einer stillen Ecke nieder oder wegen der anstehenden Arbeitsbesprechung mit Ihrem Kollegen an dem großen Tisch im Zentrum der Lounge? Sie entscheiden sich schließlich für Letzteres und genießen die Ruhe, bevor die anderen Reisenden ankommen.

Fünfzehn Minuten später fährt ein erschöpfter Rollstuhlfahrer herein. Er scannt den Raum und beschließt, dass ihm der Anblick genau dieses Tisches ebenfalls gefällt. Nun handelt es sich um keinen gewöhnlichen Tisch - er ist so lang wie der Flügel eines Airbus A330 -, der Gentleman hat also jede Menge Möglichkeiten, um sich auszubreiten. Es sieht zunächst so aus, als würde er sich dem weiter entfernten Ende mit den Knabbereien und Getränken zuwenden, aber dann macht er im letzten Moment einen Abstecher, landet praktisch auf dir und fängt an, sich dort gemütlich einzurichten. Warum?

Es gibt viele weitere Beispiele in leeren Flugzeugen, ruhigen Bars und rund um Hotelschwimmbäder, wo Leute - obwohl Plätze mit Privatsphäre zur Verfügung stünden - sich auf eine äußerst bizarre und bedürftige Weise zu anderen warmen Körpern hingezogen fühlen.

Es mag sein, dass dies schon immer zutraf, aber mir ist aufgefallen, dass Menschen entweder nicht allein sein wollen oder einfach nicht merken, dass sie die Privatsphäre anderer verletzen.

Schuld daran ist meiner Theorie nach die Technologie. Das größere Maß an digitaler Kommunikation hat zur Folge, dass wir nach tatsächlichem persönlichem Kontakt gieren - also fühlen wir uns unfreiwillig zu anderen Menschen hingezogen. Gleichzeitig sorgt das ganze Arsenal an Kommunikationsgerätschaften dafür, dass wir die Mitmenschen um uns herum schlicht vergessen, wenn wir mitten in Telefongesprächen oder E-Mail-Verkehr stecken.

Vielleicht sollte man iPhones, HTC Phones und BlackBerrys mit einer neuen Gesundheitswarnung versehen: Achtung: Zu häufiger Gebrauch dieses Geräts kann dazu führen, dass Sie sich magnetisch zu anderen Personen hingezogen fühlen oder Anstoß erregen, in dem Sie deren Privatsphäre stören.

Neun brennende Fragen zum Weltenlauf

Mir sind noch andere Probleme eingefallen, die auf Lösungen warten. Dieses Frage-Antwort-Konzept haben wir bereits an Weihnachten ausprobiert und da es sich angesichts der witzigen, gut recherchierten, ernsten wie absurden Antworten als erfolgversprechend erwies, denke ich, dass es ein vierteljährliches Feature werden sollte.

Hier gibt es neun fürs erste Viertel:

1. Was wird in der Zukunft unserem Gedächtnis auf die Sprünge helfen? Was wird warme Erinnerungen an zurückliegende Erfahrungen und Reisen auslösen? Ich frage dies, da richtige Boardingpässe gerade verschwinden und durch Quittungen auf Thermopapier ersetzt werden. Und noch schlimmer: Wer druckt ernsthaft all die Fotos aus, die im Speicher von Digitalkameras lagern, welche wiederum fürchterliche Bilder produzieren, die alles Blut aus den Objekte auszusaugen scheinen, die sie einfangen?

2. Warum haben wir "lg" erlaubt, ein allgemein akzeptierter Ersatz für "liebe Grüße" zu werden? So wie in "lg und bis zum WE".

3. Wie viele "apps" braucht der Markt wirklich?

4. Warum wurde meiner Kollegin, der Kolumnistin Lucy Kellaway, noch kein Regierungsposten als Ministerin für Vernunft und Fleiß angeboten? Oder ein Platz bei der UN als Spezialbeauftragte zur Vermeidung von komplettem Schwachsinn?

5. Wo sind die ganzen alten Leute in London hin? Auf einer Reise nach Wien bemerkte ich kürzlich, dass 70- und 80-Jährige sich in Cafés versammeln, Zeitung lesen, sich unterhalten, Schnitzel essen und stundenlang an einer Mélange nippen. Wo treffen sich die ganzen alten Leute in London? Sind die alle in Spanien?

6. Wer ist eigentlich für diese hässliche Jeanskleidung in der ganzen Welt verantwortlich? Das ist wirklich eine Pest und wird immer schlimmer. Gibt es einen Konzern in Kowloon, der die am Fließband produziert? Oder mehrere?

7. Warum sieht man jedes Mal, wenn die Hauptverwaltung eines angesagten Technologieunternehmens in Print oder Fernsehen gezeigt wird, Bilder von jemandem auf einem Skateboard oder auch viele Tischtennisplatten? Steht "Ausgeflipptheit" automatisch für eine Steigerung des Shareholder Values?

8. Warum hat sich die Pflege der Augenbrauen bei Männern im Westen noch nicht durchgesetzt?

9. Warum konzentriert sich das britische und amerikanische Fernsehen in einer zunehmend globalisierten Welt immer mehr aufs eigene Land? Sollte ABC nicht eher mehr dafür ausgeben, über die Welt zu berichten - statt weniger?

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé