Fast Lane Schmähreden und Stadtgespräche

Mit dem Juni beginnt immer eine ganz besondere Zeit im Londoner Redaktionssitz von Monocle. Nicht nur, dass es ungewöhnlich still ist, da viele Redakteure, Autoren, Rechercheure und Grafiker Urlaub genommen haben (der Juni ist für unsere Magazin-Redakteure wie andernorts der August), es liegt auch eine aufgeregte Vorfreude rund um die Verkündung unserer alljährlichen Auszeichnungen für die lebenswertesten Städte in der Luft. Während viele Mitarbeiter ihre freie Zeit genießen, hat eine Kernmannschaft den Stützpunkt nicht verlassen und bereitet sich auf die Rolle des Gastgebers von Bürgermeistern, Botschaftern, Kunden und Abonnenten für die offiziellen Nominierungen am Mittwoch vor.

Vor einigen Wochen veröffentlichte die Financial Times einen Überblick über die lebenswertesten Städte und lud Leser dazu ein, an einer Umfrage teilzunehmen, um die Stadt mit der höchsten Lebensqualität zu wählen. Auch wenn der Artikel es sehr geschickt vermied, einen Hauptpreis auszuloben, schienen viele Leser doch von den Attraktionen und Verheißungen Istanbuls so überzeugt zu sein, dass sie die Stadt zur Nummer eins machten.

So sehr solche Rankings auch mit unseren Gewissheiten und Zweifeln spielen, ob die Orte, die wir als "Zuhause" bezeichnen, unser Leben nun eher bereichern oder behindern, so regen sie doch eine gesunde und meist konstruktive Diskussion darüber an, worin der Reiz des urbanen Lebens eigentlich liegt. Gleichzeitig sorgen sie dafür, dass selbst die freundlichsten und politisch korrektesten Leute plötzlich unangemessene, verfängliche und allgemein grobe Bemerkungen über andere Städte machen.

Nichts lieben die Engländer beispielsweise mehr, als sich über deutsche Städte auszulassen und sie als langweilig zu beschimpfen - die Tatsache, dass es in Berlin bei weitem einfacher und billiger als in London ist, um 2 Uhr morgens noch ein gutes Glas Wein zu bekommen, sich eine prunkvolle Wohnung zu organisieren und per Rad zu bewegen, findet hierbei keine Erwähnung. (Hier kommt eine Denkaufgabe für die nächsten Tage: Warum ist es immer noch okay, über Deutschland und Deutsche herzuziehen, während andere Länder geschont werden?)

Sydney und Melbourne schlagen sich auf der Lebenswert-Liste meist recht gut, nichtsdestotrotz bekommen sie auch Kritik ab. "Sydney ist herrlich, wenn man gerne am Arsch der Welt lebt", hört man häufig um diese Zeit des Jahres. "Melbourne hat vielleicht großartige Restaurants und hübsche Häuser, aber das reicht nicht wirklich aus, um es mit Paris oder New York zu vergleichen", ist ein weiterer Kommentar, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, bis er in meinem E-Mail-Account aufläuft.

Ich mache dieses Ranking bereits zum fünften Mal und doch ist es immer wieder bemerkenswert, wie wenig die Städte voneinander lernen. Funktionieren Fahrrad-Verleih-Systeme für jeden? Ist ein Recycling-Konzept wirklich erfolgreich, wenn die Leute fünf Kilometer weit fahren müssen, um ihr Plastik und ihre Flaschen zu entsorgen? Warum führen nicht mehr Städte Steuern für Müllsäcke ein, so wie die Schweizer? Und wenn mal Ideen übernommen werden, sind es oft die falschen. Trotz all der Veranstaltungen für Bürgermeister, städtischen Foren für Führungskräfte und Lebensqualitäts- und Nachhaltigkeitskonferenzen, die den Terminkalender vollstopfen, werden in der Stadtplanung und -entwicklung weiterhin dieselben grundsätzlichen Fehler begangen.

Hamburg vor Lissabon

Während Länder sich damit auseinander setzen, wie man lebendigere Gemeinden schaffen und kleinere Geschäftszweige unterstützen kann, machen viele Städte immer noch vieles völlig falsch, zum Beispiel wenn es um so wichtige Dinge wie Straßenbreite, Gebäudefassaden und Straßenbeleuchtungen geht. Straßen, die zu breit sind, vernichten jedes Gefühl von Intimität. Egal, wie sehr man versucht, sie mit cleveren Einzelhandel-Outlets oder hübscher Architektur aufzumotzen: sie werden nie richtig mit der anderen Straßenseite verbunden sein (ein Beweis dafür ist das Brachland gegenüber von Harrods in London). Stadtplaner suchen immer noch nach ausgetüftelten Strategien, um Straßen zu verengen, den Verkehr zu verlangsamen oder Fußgängerzonen einzurichten, dabei wollen die Menschen eigentlich nur ein gemütliches Ambiente statt windiger Straßenschluchten.

Außerdem schätzen Einwohner durchaus überraschende und vielseitige Architekturideen, wenn sie ihrem Alltag nachgehen. Aber aus irgendeinem Grund fällt es Stadtplanern und -entwicklern leichter, einfach Wände aus getöntem Glas hochzuziehen, die kalt und abweisend auf den Käufer wirken. Für den Mieter stellt es eine echte Herausforderung dar, sich dort einen Namen zu machen und Handel zu treiben.

Es ist kein Wunder, dass Apartments in Vancouver, schillernde neue Wohntürme in Manhattan und Bürogebäude in Toronto Schwierigkeiten haben, Mieter fürs Erdgeschoss zu finden. Schließlich hat die Stadt es den Planern erlaubt, einen Fremdkörper mitten in die gewachsenen Strukturen zu pflanzen. Man kann natürlich nicht einfach nur dem Rathaus die Schuld geben, da es auch die Stadtentwickler besser wissen müssten. Sie sollten mehr Geld dafür ausgeben, schattige Enklaven zu schaffen, die Grünflächen ordentlich zu gestalten und für ein anspruchsvolleres Design zur Straße hin zu sorgen, das die Neugierde der Konsumenten erregt und ein Ambiente schafft, das auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten ist.

Für unsere diesjährige Rangliste der Städte mit der höchsten Lebensqualität haben wir versucht, mehr solcher Elemente der städtischen Einbettung und des Gemeinschaftsdenkens in unser gesamtes Ranking einzubeziehen - neben den üblichen Kategorien wie Kriminalität, Verkehr, Business, globale Vernetzung und anderem. Unten finden Sie einen kleinen Vorschau der Städte auf den Plätzen 25 bis 11. Den Trommelwirbel für die Top 10 halte ich für die nächste Kolumne zurück: 25. Seattle, 24. Montreal, 23. Lissabon, 22. Hamburg, 21. Kyoto, 20. Vancouver, 19. Honolulu, 18. Portland, Oregon, 17. Hongkong, 16. Fukuoka, 15. Singapur, 14. Barcelona, 13. Auckland, 12. Paris, 11. Stockholm.

Autor:
Tyler Brûlé