Fast Lane Schluss mit dem blöden Geschwätz!

Der 31. Dezember ist eine hektische Zeit für Politikberater, Redenschreiber, Spin-Doktoren und Leute, die B und W und L studiert haben. Einige haben ihren Chefs schon vor Wochen dabei geholfen, die Rede zum Jahresabschluss oder den Neujahrsgruß zu verfassen. Andere werden an diesem Morgen besonders früh aufstehen, um ihren Vorstandsvorsitzenden in ein Tonstudio zu schleppen (das mit viel Aufwand und Gefeilsche extra von der örtlichen Radiostation in Cancún, wo er oder sie mit der Familie Urlaub macht, gemietet wurde), oder ihr Staatsoberhaupt vor einer Fernsehkamera für die Ansprache aus der Konserve zu installieren.

Mit Sicherheit gibt es auch wieder jede Menge Führungskräfte, die beweisen wollen, wie "up to date" sie sind und deshalb ihre Mitarbeiter oder die Bürger rund um die Uhr mit Botschaften bombardieren und einschüchtern oder "Fragen & Antworten"-Shows über die Herausforderungen veranstalten, die im Bereich der Social-Network-Site Ihrer Wahl vor uns liegen. Herr erbarme dich unser!

Mit Sicherheit wird der größte Teil der Ansprache auch in dem Hype darüber verloren gehen, wie sie vorgetragen wurde. Stichwort CNN oder BBC, wo irgendein armes Schwein von Moderator vor interaktive Bildschirme gestellt wird und darauf rumdrückt, das Bild auseinander oder zusammenzieht und mit den Fingern auf dem Jumbo-"Pad" rumwischt, um den Zuschauer durch die wunderbare Welt der "Social Media" am Vorabend von 2011 zu führen. Genug!

Während ich in Tokio mit meiner Kollegin Gwen einen vorweihnachtlichen Drink und eine Gesangseinlage genoss, sprachen wir über den Verlust des gesunden Menschenverstandes, die Auflösung der Privatsphäre und das Vergnügen, mit einem angehenden japanischen Filmstar auszugehen. Während der Taxifahrt zurück ins Hotel fragte ich mich, wie viele dieser Themen (mal abgesehen von dem japanischen Schauspieler) in dem Schwall von Neujahrsansprachen, der durch die Welt gejagt würde, wohl eine Rolle spielen, und fand: nicht viele.

Noch ganz in Weihnachtsstimmung und um all den Ministern, Geschäftsführern sowie ihren Assistenten ein bisschen Zeit zu sparen, sind mir ein paar essenzielle Themen eingefallen, die sie vielleicht in ihre Reden und Briefe einfügen möchten. Oder sie könnten den Text einfach leicht umwandeln und ansonsten übernehmen.

Tylers Vorschlag für eine sinnvolle Neujahrsansprache ohne BlaBla

Meine lieben Kollegen/Geschäftsfreunde/Landsmänner,

ich könnte damit beginnen, dass 2010 ein Jahr der Verbesserungen und positiven Veränderungen für die Wirtschaft im Großen und Kleinen war, aber ich dachte, ich konzentriere mich auf einige der Themen, die übersehen wurden.

Denn während wir damit beschäftigt waren, unsere Unternehmen ein bisschen aufzuhübschen, ist uns ganz entgangen, wie sehr sich die Gesellschaft in vielen Bereichen bereits vom Angebot entfernt hat. Die großen Nachrichtenorganisationen füllen ihre Bildschirme lieber mit oberflächlichem Blabla, statt eigene Korrespondenten richtige Geschichten erzählen oder die Lage von erfahrenen Redakteuren (die paar, die es überhaupt noch gibt) analysieren zu lassen. So wird uns weisgemacht, dieser weltumspannende Tratsch sei toll fürs Geschäft, für die Regierungen und auch die Familien. Stimmt nicht. Mehr Geschwätz ist einfach - mehr Geschwätz. Bei so viel ungefiltertem Lärm wissen die Manager schließlich nicht mehr, wem sie eigentlich zuhören sollen, die Minister sind überfordert und informierte Konsumenten und Bürger möchten sich meinem Eindruck nach aus dieser verbalen Dauerberieselung am liebsten ganz ausklinken.

Im Moment versuchen wir, die Regeln zu bestimmen und spontan zu regieren. Aber es ist offensichtlich, dass dies nicht funktioniert. Geistige Mobilität ist wichtig, aber eine durchdachtere, sorgfältigere Herangehensweise macht letztlich den Unterschied aus.

Eine blinde Umarmung jeden neuen glänzenden Objekts - sei es ein Stück Technologie oder eine Form der Kommunikation -, ohne einen genauen Blick auf seinen Wirkung zu werfen, ist kein besonders nachhaltiger Schritt in die Zukunft, wie zum Beispiel die aktuellen Modelle der Zeitungsherstellung in den meisten Gegenden der Welt beweisen.

Ein optimistischer Blick auf 2011 ist schon mal ein guter Anfang, aber vielleicht lohnt es sich, das Folgende in Betracht zu ziehen, während sie Ihrem üblichen Alltag nachgehen.

Tylers empfiehlt fünf brauchbare Vorsätze fürs neue Jahr

Hören Sie zu, gucken Sie nicht nur: Beginnen Sie den Tag, indem Sie zuhören, statt auf den Bildschirm zu starren. Egal wie schön der Fernseher flimmert, nichts ist besser als das gesprochene Wort, um Ihrem Gehirn das dringend benötige Training und ihren müden Augen eine Pause zu gönnen.

Bauen oder unterstützen Sie ein Dorf: Das Dorf, egal ob urbaner oder ländlicher Prägung, ist dem Untergang geweiht. Tante-Emma-Läden brauchen Zuwendung und Hilfe, da sie das Herz der Gemeinschaft bilden und die Leute gesund, sicherer und auch wirtschaftlich aktiv halten.

Respektieren Sie die Privatsphäre: Nicht jeder möchte seine persönlichen Gedanken und Bilder in die gesamte Welt hinaustragen. Dass gilt insbesondere für gute Freunde. Fragen Sie vorher um Erlaubnis, bevor Sie kopflos irgendwelche Informationen mit dem Rest der Internetgemeinde teilen.

Fachwissen weitergeben: Eine japanische Initiative bringt aufstrebende Bauern und Handwerker mit älteren kinderlosen Farmern und Holzarbeitern zusammen. Das ist ein Konzept, das von all denjenigen Ökonomien übernommen werden sollte, die Gefahr laufen, zu viele Buchstaben hinter ihren Namen zu versammeln, aber kein richtiges Fachwissen aufweisen.

Eine Charter für die Vernunft: Wenn Regierungsbeamte mit ihren unsinnigen Gesetzesfluten so weitermachen, werden wir in naher Zukunft wohl alle zur eigenen Sicherheit Helme und Eishockey-Schutzkleidung tragen müssen - und die Menschheit wird immer weniger belastbar und wahrscheinlich dümmer.

Keine E-Cards mehr: Ich konnte nicht widerstehen, aber es reicht. Sie sind ein Zeichen für Faulheit und unpersönlich.

Autor:
Tyler Brûlé