Thüringen Schlösser, wohin man blickt

Dreißig Residenzen und bis zu zwanzig Fürstentümer gab es im Laufe der Geschichte in Thüringen, alle in voller Pracht erhalten. Denn das einheitliche Thüringen von heute ist noch nicht einmal 100 Jahre alt. Lange prägten Grenzen und Winzlingsterritorien die Landkarte. Wo aber ein Herrscher ist, da braucht er auch ein Schloss! Über Jahrhunderte gaben sich darum die Baumeister die Kelle in die Hand, wie man in Altenburg sieht: Auf dem Burgberg stand Mitte des 15. Jahrhunderts nach einem Brand nur noch eine Kirche. Dann kam ein neues Schloss hinzu. Auf das Schloss folgte der Garten. Obelisken in der Einfahrt und ein Triumphbogen rundeten die Bauerei 1744 vorerst ab.

In Nebenresidenzen und kleinen Burgen, die als Jagdschlösser oder Witwensitze fungierten, ist aber auch viel charmantes Fachwerk zu sehen. Ideen holten sich die Thüringer aus Italien und Frankreich - Zölle, Grundzinsen, Abgaben auf Salz und im Bergbau sicherten ihnen die üppige Selbstdarstellung in Stein.

In Gotha errichtete Ernst I. Schloss Friedenstein (1643-54) in beinah absolutistischen Dimensionen: Drei und vier Stockwerke hoch, drei Flügel, jeder hundert Meter lang. Der Riesenbau war funktional. Denn in ihm hatte die Verwaltung Platz, in der sich dank Buchdruck immer mehr Papier ansammelte und die mit der Ausbildung des Kanzleiwesens unaufhörlich wuchs - so sehr, dass sogar Bürgerliche in Dienst gestellt werden mussten.

Zwar wirkt die schnörkellose Fassade von Schloss Friedenstein leicht, aber von oben drücken wuchtige Kuppeln, und alles Gewicht liegt auf den dunklen Torbögen, die das Schloss wie eine Fußleiste umfriesen. Mit ihren ummauerten Fenstern wirkt Schloss Elisabethenburg (1682-92) wesentlich freundlicher. Als Vorbild mag entfernt das Schloss Wilhelmsburg im damals hessischen Schmalkalden gedient haben, wo 1586-90 eine der ersten protestantischen Predigtkirchen Deutschlands errichtet wurde. Nur noch einmal, in Weimar, gönnte man sich Ende des 18. Jahrhunderts ein derart Raum greifendes Residenzschloss (1789). In der Kommission, die den Wiederaufbau des abgebrannten Stadtschlosses auf den Weg brachte, saß damals der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe. 1775 war er nach Weimar übergesiedelt, wo die Herzogin Anna Amalia eine Art Künstlerkolonie gegründet hatte.

Die geistige Blüte hatte lange vorher begonnen. Bereits 1558 war in Jena die erste Universität gegründet worden. In Arnstadt setzte Johann Sebastian Bach erstmals den Federkiel zum Komponieren an. Deutschlands erster Kindergarten entstand in Bad Blankenburg. In Gotha etablierte sich eine Verlagslandschaft, die sich auf Kartographie spezialisierte und die 1763 ein Werk hervorbrachte, wie es nur im Lande der Duodezfürsten entstehen konnte: den "Gothaischen Genealogischen Hofkalender" - kurz "Der Gotha" genannt. Ein Handbuch des Adels, das die Europäischen Fürsten- und Grafenhäuser bis in die feinsten Verzweigungen auflistet.

Diese keimfreudigen Stammbäume hatten nämlich unter anderem dazu geführt, dass Thüringen politisch wie hast keine Rolle mehr spielte. Im Schmalkaldischen Krieg von 1547 büßten die Ernestiner mit der Kurwürde ihren Einfluss im Kaiserreich ein. Für Militär fehlte diesen Ländern das Geld - einige waren so klein, dass man sie in einem Morgenspaziergang durchqueren konnte. Also musste etwas anderes, Tolles, Beeindruckendes her: Der Weg für das Schöngeistige war frei. Literatur und Theater, Musik und Oper, Philosophie und die aufkommenden Naturwissenschaften. Mit Leidenschaft setzten die Herzöge in Weimar, Gotha und Meiningen ihre Akzente. Warben sich gegenseitig Maler, Bildhauer, Baumeister ab. Liehen sich Musiker, Sänger und Tänzer für einen Abend.

Glaubensflüchtlinge, Handwerker und Händler siedelten sich überall in Thüringen an. Die Städte wuchsen. Gut ein Viertel der Stadtbewohner diente in der Residenzverwaltung. In den reußischen Territorien ließen sich Leinenweber, Tuchmacher, Färber nieder, das Geraer Tuch war berühmt. In Greiz waren die Landesherren gezwungen, in Sichtweite zu bauen: Oberes und Unteres

Schloss, dazu noch das Sommerpalais im Grünen. An der Saale begegnet man dem Lust- und Jagdschloss Burgk - von Norden ähnelt es einer Trutzburg, aus den umliegenden Waldhängen einem schlichten Märchenschloss; seine Kapelle rühmt sich einer Silbermann-Orgel.

Am 11. August 1919 unterzeichnete Reichspräsident Ebert in Schwarzburg die "Weimarer" Verfassung. Sie besiegelte unter anderem das Ende der Duodezfürsten Thüringens. Was von deren Wirken bleibt, ist mehr als nur Stein: ein lebendiges Kulturgut. Welcher Fürst hätte sich mehr wünschen können? Fast alle Schlösser überstanden das, was anschließend kam: Republik, Krieg, Sozialismus. Heute sind sie frisch renoviert und warten auf ihre Wiederentdeckung. Abseits der Wege, die nach Weimar führen.

Die Thüringer Residenzen sind am besten auf einer thematischen Rundroute zu erleben.

Schlagworte: