Mit Stil "Salutis del Südtirol!"

Berlin, Germany --- Tourist Looking at Postcard Rack --- Image by © Roy Botterell/Corbis

Neulich bekamen wir eine Urlaubs-MMS von Freunden geschickt. Es schreibt ja kaum noch jemand Postkarten, was ich jetzt nicht auch noch beklagen werde. Das haben Elke Heidenreich und sämtliche "Lebensart"-Autoren bereits ausgiebig getan, und ein paar Leute schreiben ja doch noch und wir deshalb auch manchmal, dann sogar mit richtig viel Aufwand, aber dazu vielleicht ein andermal.

Jedenfalls waren auf dieser Urlaubs-MMS (die ich natürlich erst einmal im Internet runterladen musste, weil ich wieder irgendwelche Einstellungen beim iPhone nicht "optimiert" hatte) unsere Freunde zu sehen. Vielmehr sah man ihre Sonnenbrillen, seine nur im Anschnitt, es war ein Handy-Weghalte-Selbstporträt, dahinter irgendwie Wasser und Abendlicht. Für mehr war in dem winzigen Ausschnitt kein Platz, aber es ging ja auch mehr um den Gedanken als das Motiv und um einen lieben Gruß. "Salutis del Südtirol!" hatten die beiden dazu getextet. "Denken gerade an Euch. Nächste Woche zurück, dann mehr. Ciao, bacios, A+S!" Selbst ich, die ich kein Italienisch sprechen und schon gar nicht schreiben kann, erkannte, dass das orthographisch wohl nicht ganz astrein war, aber der rührende Wille, die Nachricht mit ein bisschen Urlaubsflair zu versehen, war am Ende eben stärker als irgendwelche nicht vorhandenen Sprachkenntnisse.

Urlaubskarten in Vier-Viertel-Split-Screen-Aufteilung mit geschwungener Schrift in Sonnenuntergangsrot sind also heute zu kitschig, aber ein Touch Exotik muss schon noch sein. Deshalb werden auch SMS, die geschrieben werden, um jemanden mitzuteilen, dass man gerade eigentlich nicht erreichbar ist, gern mit "Salut", "Grüezi wohl" oder "Cheers!" versehen, als könne man damit belegen, dass man wirklich im Ausland ist. Tendenziell meine ich zu beobachten, dass die Anzahl zweisprachig gefärbter Mails, SMS oder Postkarten im Zuge der ganzen "Globalisierung = Gleichmacherei"-Debatte noch steigt. Bedauerlicherweise fahren die Leute zu wenig in den Kaukasus, und Asiatisch ist für die Spracherkennung des Handys offensichtlich zu mühsam, sonst könnte man da wirklich noch etwas lernen. Ein schwedisches "Hej do!" beherrscht ja mittlerweile jeder.

Ich gehöre natürlich auch zu den Menschen, die die rudimentär aufgeschnappten Brocken irgendeiner fremden Sprache sofort anwenden müssen. Allerdings mache ich das eher "live", die Opfer sind meistens Strandkioskbesitzer, Kellner, Taxifahrer, die tapfer jede Form von Ortsbestimmungen und Befindlichkeitsbekundungen über sich ergehen lassen. Zumindest bei Begrüßung und Verabschiedung gehört es dazu, sich der Landessprache anzupassen, finde ich. Man kann einfach nicht - wenn man nicht gerade Engländer und über 60 ist - eine italienische Dorfbar betreten und dann "Good Afternoon" rufen. Nur Amerikaner sagen einfach immer "Hi", Franzosen reden lieber gar nicht, Asiaten nicken und lächeln eifrig im Wechsel.

Nachdem ich das Prozedere zigmal bei Italienern meines Alters beobachtet hatte, versuchte ich kürzlich in Italien zur Begrüßung ein lässiges "Salve", wofür ich von meinem Mann und meiner Freundin Alex schallend ausgelacht wurde. Das sei in etwa so "authentisch" wie eine Horde Spanier, die in Berlin beim Verlassen eines Geschäfts laut "Tschüssi!" ruft. Vielleicht bleibe ich demnächst doch wieder beim üblichen "Buon giorno". Nur der Wille zählt, im Zweifel auch nach Einbruch der Dunkelheit.

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Silke Wichert