RMS Titanic Reisen auf den Spuren der Titanic

Die Hilfe kam zu spät. Umgerechnet 22.000 Euro hatten die Schauspieler Kate Winslet, Leonardo DiCaprio und der Regisseur James Cameron im Mai 2009 gesammelt, um einer alten Dame in Not zu helfen. Die gebürtige Londonerin Millvina Dean lebte in einem privaten Altersheim des 2000-Seelen-Dorfes Ashurst im Süden Englands. Frau Dean, 97, konnte die Kosten für ihre Pflege nicht mehr aufbringen.

Wenige Tage, nachdem ihr die Stars aus dem Hollywoodstreifen "Titanic", des mit 1,8 Milliarden eingespielten US-Dollar größten Erfolgs der Kinogeschichte, geholfen hatten, verstarb Millvina Dean - die letzte Überlebende einer der größten Tragödien der Seefahrtsgeschichte; auf den Tag genau 98 Jahre zuvor war die RMS Titanic in einer Belfaster Werft vom Stapel gelaufen und sollte gerade mal zwei Wochen die Bezeichnung "größtes Schiff der Welt" tragen.

Es war der 14. April 1912 gegen 23:40 Uhr, als der Ozeanriese - unterwegs auf der Transatlantik-Route vom englischen Southampton nach New York - mit einem Eisberg kollidierte. Wenig später war der 269 Meter lange, 28 Meter breite und 53 Meter hohe Koloss mit Heimathafen Liverpool gesunken. Millvina Dean war damals gerade neun Wochen alt, ein Baby. Sie überlebte das Drama wie ihr Bruder und ihre Mutter in einem Rettungsboot - der Vater schaffte es nicht, er ertrank, weil er sich möglicherweise der alten Ehrenregel erinnerte, der zur Folge bei einem Schiffsunglück Frauen und Kinder zuerst gerettet gehören.

1517 der 2207 Menschen auf der Titanic ließen ihr Leben im zwei Grad Celsius kalten, dunklen Nordatlantik. In erster Linie, weil zu wenig Rettungsboote an Bord des riesigen Schiffes vorhanden waren. Wobei die ursprünglichen Baupläne ausreichend Rettungsboote vorgesehen hatten. Doch weil durch die Holzboote der Blick auf das als Promenade dienende Deck der Titanic eingeschränkt worden wäre und man durch die Präsenz vieler Rettungsboote die Angst der Passagiere vor einer Katastrophe unnötig zu schüren glaubte, kam es am Ende - und nach einer weiteren Designänderung - zu einer Reduktion auf 20 Rettungsboote; mindestens 63 hätte man zur Rettung aller Menschen an Bord benötigt.

Der Mythos Titanic lebt weiter - sei es aufgrund des gleichnamigen Blockbusters aus dem Jahr 1997 oder aufgrund minutiöser Aufarbeitung des Unglücks durch die Regierungen der USA und Großbritanniens oder dank der Forschungen australischer Wissenschaftler. Letztere fanden heraus, dass Passagiere der ersten Klasse sich - statistisch besehen - damals eher retten konnten als die aus der dritten Klasse. Und dass amerikanische Passagier häufiger überlebten als britische - die Gründe für die "nationale Überlegenheit": reine Spekulation und, natürlich, Stoff für anrührende Geschichten, wie die im Film von Regisseur Cameron erzählte Romanze zwischen Jack Dawson (DiCaprio) und Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet).

Das Wrack, die Aufdeckung und die Titanic-Gedächtnis-Fahrt

Als der amerikanische Unterwasserarchäologe Robert Ballard und sein Kollege Jean-Louis Michel im Jahr 1985 schließlich das Wrack der Titanic aufspürten, schien den munter und bisweilen arg wild rankenden Theorien um das Schiff ein Ende gesetzt. Was ein Irrtum. Denn obwohl das Unglück in Tausenden Büchern beschrieben, nacherzählt und ausgelegt worden war, gelang es dem US-amerikanischen Autor Brad Matsen im Jahr 2008 mit seinem Buch "Titanic's Last Secrets" dann doch noch eins drauf zu setzen.

Im Zuge der Bergungsarbeiten hatten Taucher in der Nähe des Wracks Stahlteile aus der Deckstruktur des Schiffes entdeckt. Diese Funde kombinierte der Autor mit Inhalten eines explosiven Berichts, den die Titanic-Reederei aus Angst vor Schadensersatzklagen verschwinden hatte lassen - bis Matsen ihn auftat.

Daraus ergab sich, dass die Reederei White Star Line in der Titanic zu kleine Stahlnieten und zu dünne Stahlplatten hatte verbauen lassen; die nach den Einsparungen bei den Rettungsbooten zweite, tödliche Sparmaßnahme seitens der Verantwortlichen. Dies wiederum hatte zur Folge, dass das Schiff nicht, wie bislang angenommen, langsam gesunken, sondern urplötzlich auseinander geborsten und dann sehr schnell gesunken war. "Nach dem raschen Auseinanderbrechen war jede Hoffnung dahin, auf dem Schiff überleben zu können", schreibt Matsen.

Am 15. April 2012 - exakt 100 Jahre nach dem Desaster - will der britische Veranstalter Miles Morgan Travel die Titanic-Route noch einmal nachfahren. Mit der "Balmoral", einem Schiff von ähnlichen Ausmaßen wie dem untergegangenen Original. "Titanic Memorial Cruise" heißt die Tour. Und das Geschäft mit dem Katastrophentourismus scheint zu laufen. Zahlreiche Kabinenkategorien sind mehr als zwei Jahre vor Abfahrt bereits ausverkauft. Vielleicht ist der Grund für die Begeisterung ja der gewisse historische Schauer, gepaart mit dem felsenfesten Vertrauen in die überlegene, moderne Technik und eine bessere Konstruktion des Schiffes. Nach Stand heute ist jedenfalls nicht davon auszugehen, dass die Reisenden jenen Kapitäns-Ausspruch zu hören bekommen werden, mit dem ihre Vor-Fahrer am Morgen des 15. April 1912 beim Untergang zur Contenance gebracht werden sollten: "Be British, boys, be British!"

Autor:
Thomas Lötz