Mittellandkanal Reisebericht von der MS "Rodde"

Es gibt nur wenige Menschen, die von sich behaupten können, dass sie Arbeit vor sich her schieben. Bruno Brahms darf das. Wenn er aus seinem Büro nach vorne guckt, türmt sich ein Berg Arbeit vor ihm auf: 850 Tonnen Kohle. Die tiefschwarze Fracht schiebt er über den Mittellandkanal vor sich her. In Essen hat er die Kohle aufgenommen, in Berlin will er sie wieder los werden. Bruno Brahms ist Binnenschiffer von Beruf; schwer liegt dem 80-Meter-Transporter die Kohle im Magen.

MS "Rodde" tuckert über ein riesige Brücke. Das Mindener Wasserstraßenkreuz führt den Mittellandkanal über die Weser. 1914 wurde es fertig, in der Folge legten die Mindener mehrere Kleinhäfen an. Bruno Brahms zeigt auf ein Denkmal des Schiffervereins "Hol fast", das steuerbords vorbeizieht. "Minden ist 'ne Schifferstadt", sagt der Kapitän. Seit dem Ausbau im Jahr 1998 überspannt die zweitgrößte Brücke im europäischen Binnenschifffahrtssystem die Weser. "Volle 370 Meter ist das Ding lang", brummt Brahms.

Das Mindener Kreuz ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Obwohl die ehrwürdigen Schachtschleuse seit einigen Jahren unter Denkmalschutz steht, hievt sie brav tonnenschwere Kähne über 13 Meter in den Mittellandkanal oder senkt sie in umgekehrter Richtung auf die Weser herab. Durch Schleusen,Versickern und Verdunstung geht dem Mittellandkanal Wasser verloren. Ein Pumpwerk transportiert als Ersatz Weserwasser nach oben. Eder- und Diemeltalsperre sind eigens angelegt worden, um die Weser im Fluss zu halten; "Niedrigwassererhöhung" nennen dies die Fachleute. An der Mindener Schachtschleuse gibt es ein Informationszentrum, das mit Zahlen und Zeichnungen belegt, wie wichtig der Mittellandkanal ist. Hier sind auch die Boote der "Weißen Flotte" zu Hause, die Touristen bei Kaffee und Kuchen trocken über die nasse Kreuzung bringen.

Der Mittellandkanal ist einer der wichtigsten Wirtschaftswege, den Binnenschiffer in Deutschland befahren. "So zehn-, zwölfmal im Jahr" käme er durch den Kanal, sagt Bruno Brahms. Vereinfacht dargestellt verbindet er das Ruhrgebiet mit Magdeburg. Im Westen gibt es Anschluss an den Riesenhafen Rotterdam, im Osten geht es weiter nach Berlin und Osteuropa oder an die Ostsee. Das Herzstück des Mittellandkanals liegt in Niedersachsen.

Morgens um 6 Uhr hat uns Bruno Brahms in Minden an Bord genommen. Mit Pressluft startet er sein Schiff, dann bugsiert er erst das Heck vom Kai weg, um schließlich seinen Arbeitsplatz schön mittig in den Kanal zu drehen. Routine ist das, obwohl nur seine Frau Monika hilft; Decksmann Marcel macht Urlaub. Seit 1996 ist Monika Brahms dauerhaft an Bord, nachdem sie vorher als Altenpflegerin gearbeitet hatte. "Nur über das Ijsselmeer fahre ich nicht gern", sagt sie. "Ist mir zu stürmisch." MS "Rodde" tuckert über eine gigantische Brücke, unter der die Weser fließt, und rauscht nach Niedersachsen rein.

Den Namen hat MS "Rodde" von einer Schleuse im Dortmund-Ems-Kanal. Der Kahn ist 80 Meter lang, etwas mehr als acht Meter breit und kann mehr als 1100 Tonnen Fracht schlucken. Während am Bug nur das leise Zischeln zu hören ist, mit der er das Wasser teilt, gibt im Heck der 528-PS-Motor den Ton an. Stumpf stampft er vor sich hin und lässt das Ruderhaus erzittern. Bruno Brahms fährt mit den 850 Tonnen Kohle, die er geladen hat, etwa zehn Stundenkilometer schnell. Monika Brahms stellt eine Schachtel mit dem Aufdruck einer Schnapsfirma auf das Tischchen im Ruderhaus. Ihr Mann sieht unsere skeptischen Blicke und lacht. "Greifen Sie ruhig zu", sagt er und öffnet die Schachtel, die randvoll ist mit leckerster Schokolade.

Der Kanal als scheinbar gerader Weg

Bruno Brahms ist ein freundlicher Fünfziger. Der Kapitän thront im Ruderhaus, seinem "Büro", auf einem fellbezogenen Stuhl, vor sich etwa 75 Meter Schiff. Links und rechts scheint irgendjemand die Kanalufer als Kulisse vorbeizukurbeln, Radwege rahmen den Mittellandkanal. Die Radler kommen nicht ins Schwitzen, wenn sie auf Augenhöhe mit Brahms bleiben wollen. "Im Sommer tut mir manchmal schon mittags der Arm weh vom Winken", erzählt der Kapitän. 14 der 24 Stunden eines Tages darf er am Stück fahren, dann verlangen die Gesetze eine Pause.

Am Steuerrad, rechts von seinem Stuhl, ist das Metall abgewetzt vom vielen Drehen; hier stellt er "Anlassen", "Betrieb" oder "Umsteuern" (vorwärts, rückwärts) ein, und an einem kleineren Handrad reguliert er das Tempo. Als wir eine Anlegestelle passieren, deutet Brahms mit dem Daumen auf eine Anpflanzung von Apfelbäumen, die ziemlich unvermittelt in der Landschaft steht. "Die Äpfel sind für Schiffer gepflanzt worden", sagt er, "es hat schließlich nicht immer Kühlschränke an Bord gegeben."

1938 waren die Teilstücke des Mittellandkanals so weit fertig, dass sie West- und Ostdeutschland miteinander verkoppelten. Die gesamte Länge des Kanals beträgt 320 Kilometer, drei Stich- und fünf Verbindungskanäle nicht eingerechnet. In den vergangenen Jahren wurde der Kanal ausgebaggert und verbreitert. Während man zu Beginn des vorigen Jahrhunderts davon ausging, dass weniger als zehn Millionen Tonnen pro Jahr durchgehen würden, sind es heute 23 Millionen Tonnen. Insgesamt haben die Kanalausbauer bis zum Jahr 2000 etwa 45 Millionen Kubikmeter Boden bewegt; die Durchfahrtshöhe der 385 Brücken musste um mehr als einen Meter angehoben werden.

Bruno Brahms hält sein Schiff in Schuss, weil er es mag - aber lieben tut er nur seine Frau. "Es kann nicht sein, dass man sich zum Sklaven von einem Stück schwimmenden Eisen macht, indem man pausenlos dran rumputzt", sagt der Kapitän. Einem hartnäckigen Vorurteil zufolge reicht der geistige Horizont von Binnenschiffern gerade mal von einem Kanalufer zum anderen. Im Bug des Frachtkahns MS "Rodde" hängt ein großer Kran, darunter parkt das Auto des Ehepaars Brahms. "Der Kran ist ein Stück Lebensqualität", sagt der Kapitän. "Abends setzen wir über und gucken uns Städte oder Landschaften an." Den Urlaub verbringen die zwei bei den Festspielen in Bad Hersfeld - Bruno Brahms fährt seit 1987 als Partikulier, also als Einzelschiffer.

Das bedeutet: MS "Rodde" gehört ihm, als selbstständiger Unternehmer fährt er Fracht für den Spediteur Rhenus. Massengüter wie Kohle, Erz, Getreide und Mineralöl sind das klassische Geschäft. Die Holländer mit ihren supermodernen Schiffen und Anlagen sitzen den Deutschen mächtig im Nacken. "Was glauben Sie, wie lange man in Rotterdam braucht, um 1100 Tonnen Eisenerz zu laden?", fragt Bruno Brahms und schiebt die Pointe nach: "Sie-ben Mi-nu-ten!"

Bei Hannover kreuzt die A2 den Mittellandkanal, kurz zuvor war MS "Jenny" an uns vorbeigezogen. "Ich ersetze 92 Lkw", ist in großen Lettern an der Bordwand zu lesen. Der sonst so freundliche Bruno Brahms kann sich in Rage darüber reden, dass "die Politik den Wert unseres umweltfreundlichen Verkehrsträgers nicht erkennt". Über weite Strecken schmiegen sich in Niedersachsen die A2 und der Mittellandkanal aneinander.

Während sich der Verkehr auf der Autobahn ballt und staut, ist der Kanal noch lange nicht voll. "Mensch, wir bewegen schließlich mit gerade mal zwei Mann mehr als 1000 Tonnen", schimpft Brahms. Und von den "zwei Mann" ist auch noch einer eine Frau!

Seit mehr als 300 Jahren haben die Brahms' mit Booten und Schiffen zu tun, aber mit Bruno Brahms wird diese Linie enden. MS "Rodde" hatte er seinem Vater abgekauft. Wenn er an seine Lehrzeit auf dem Kahn denkt, wird er einsilbig. "Vieles von dem, was vor 50 Jahren Knochenarbeit war, läuft heute wie geschmiert. Die Luken, die den Laderaum decken, waren früher aus schwerem Holz. Heute mache ich mit meiner Frau in 'ner Viertelstunde alles dicht", sagt Brahms. Hinter Hannover lassen wir einen Tschechen vorbei. "Der ist schneller, weil er leer fährt", erklärt der Kapitän. "Soll ruhig vor uns in die Schleuse Anderten."

Die "Flecken" auf dem Schirm sind jedoch manchmal nicht eindeutig: Ist das da vorn ein leichtsinniger Ruderer, den man warnen muss? Oder nur ein Schwarm Enten? Wie von einem Zauberradiergummi entfernt verschwindet der Fleck; Enten also. Bruno Brahms bleibt ruhig, vertraut der Technik auch dann, wenn sich in dem engen Kanal zwei Schiffe begegnen. Brahms lenkt MS "Rodde" jetzt allerdings mit voller Konzentration, mit Klönen ist erstmal Schluss.

Vor Wolfsburg finden wir aus dem Nebelloch heraus. Bruno Brahms deutet auf kleine Buchten, die in die Ufer eingelassen wurden. "Beim Ausbau des Mittellandkanals wurde sehr auf den Naturschutz geachtet." In künstlich geschaffenen Nischen hat man Feuchtbiotope und Inseln angelegt, auf denen Vögel brüten. Auch an Fischlaichgebiete wurde gedacht. Deswegen stehen an den Ufern viele Männer in Trainingsanzügen, die Angeln in den Kanal halten. Selbst Wildausstiege haben die Kanalbauer konstruiert, sodass Rehe und Wildschweine nicht mehr ertrinken müssen.

Durch den Ausbau ist der Mittellandkanal allerdings auch "schneller geworden", wie sich Binnenschiffer Brahms ausdrückt. "Für die Strecke Ruhrgebiet-Berlin haben wir früher zwei Wochen gebraucht", erklärt er, "heute schaffen wir die in der Hälfte." Nachdem die "Rodde" die im Sonnenlicht glänzende Autostadt von VW passiert hat, sucht sie sich hinter Wolfsburg einen

Schlafplatz. Monika Brahms macht das Schiff am Bug fest. Per Funk hält sie Kontakt zu ihrem Mann. Einfach ist es nicht, den 80-Meter-Kahn in der Dunkelheit an den Kai zu legen, weil zwei Polen gerade mal hundert Meter Platz zwischen sich gelassen haben - Einparken für Fortgeschrittene. "Schluss für heute!", sagt Bruno Brahms, als der Diesel zu dröhnen aufgehört hat. Er gähnt. Radar hin, Schiebeluken her: Ein Zuckerschlecken ist die Binnenschifffahrt auch heute nicht.

Autor:
Arne Boecker