Reiseliteratur Prosa, Pech und Pannen: Unglück in der Literatur

Travellers waiting on the platform at Waterloo station in London.

"Der Zufall ist der Gott der Reisenden" (Friedrich Hebbel)

Was nach dem Unfall bleibt, ist der Stau. Der "Ausfall der meisten Leben verursacht keine Störung," schreibt Gottfried Benn, "höchstens eine Verkehrsstörung, gegebenen(un)falls", die rasch behoben werden muss. Hier setzt der Unfallbericht in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" an. Lakonisch, technisch exakt und ohne die Perspektive der Betroffenen beschreibt er einen Beispielfall gewissermaßen als Modell der Alltagskatastrophe Unfall.

Bis ins 18. Jahrhundert wird die literarische Unfallstatistik vom Schiffbruch dominiert, der keineswegs durchgängig tragisch endet. Es findet sich Glück im Unglück: Oft verschlägt es die Betroffenen an neue Gestade, die Orte utopischer Lebensentwürfe werden. Auch die Binnenschifffahrt hatte ihre Tücken. Adalbert Stifter erlebte 1849 eine Havarie mit dem Donaudampfer Huniad; wie er seinem Verleger berichtet, verlor er dabei den Koffer mit seinem Manuskript. Wo heute ein PC-Absturz genügt, um eine verspätete Textabgabe zu erklären, musste damals ein Schiffsunglück herhalten.

Stifter hatte bei seinem "Titanic-Erlebnis" auf der Donau keine Reiseversicherung - doch es gab sie bereits im vorletzten Jahrhundert. Der Rumäne Dinicu Golescu reiste 1836 durch Österreich und beschreibt in seiner Skizze "Im österreichischen Eilwagen" eine Reisegepäckversicherung: "Jeder Reisende kann an Gepäck (Kleidung oder Waren) 50 Pfund ohne zusätzliche Taxe mit sich führen. So das Gewicht größer ist, muß er zusätzlich zahlen. Und dies Zusatzgepäck sämtlicher Reisenden wird einen Tag früher in einem Sonderwagen abgeschickt und jedem Passagier ein Zettel für seine Kiste eingehändigt, auf welche ein gleichlautender Zettel geklebt wird. Nach Wunsch kann jeder seine Kleider oder Ware schätzen und den Geldwert auf dem Zettel eintragen lasse, damit die Post im Falle eines Verlusts dieser Dinge, ihm den Preis zurückerstatte."

Die (fehlende) Beherrschung der Technik ist ebenfalls ein wiederkehrendes Thema in der Reiseliteratur. "Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten", heißt es am Ende von Goethes Autobiographie. Das verknüpft die Vorstellung des schicksalhaften Lebensweges mit dem Urbild des Unfalls aus der griechischen Mythologie: Phaeton erpresst von seinem Vater Helios die Erlaubnis, einmal den Sonnenwagen kutschieren zu dürfen und erliegt den Folgen des Unfalls. Der Griff nach der technischen Beherrschung des Verkehrswesens (für die Lüfte ist da Ikarus zu nennen, zu Wasser Odysseus) wird in der antiken Mythologie gerne prompt bestraft. Noch in Goethes "Hermann und Dorothea" (1796) gipfelt der Bericht von den Wirren der Französischen Revolution im Bild einer umgestürzten Kutsche voller Flüchtlinge als Symbol für das gesellschaftspolitische Chaos.

Wenn hingegen Eichendorffs "Taugenichts" (1826) merkt, dass er sich plötzlich allein in einer Art Sondertransport in rasender Kutschenfahrt gen Süden befindet, überwiegt die unbeschwerte Neugier jede aufkeimende Bangigkeit: Es ist das Paradigma eines Unfalls, auf dessen Ausbleiben man vertrauen kann. In Jean Pauls Erzählung "Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz" (1807) fürchtet sich Schmelzle vor allem davor, was während der Reise passieren könnte: Blitzschlag, Diebe, Riesen, Überfälle oder ein luftzersetzendes Ferment - ein Unfall aber kommt nicht vor.

Anders Franz Grillparzer. Generell pessimistisch, rechnete er jederzeit mit einem Kutschenunglück. Deshalb schlug er 1837 vor, das "Passagiergeld" erst bei der Ankunft zu bezahlen, so "bleiben die Toten ganz frei. Die Verwundeten zahlen nur nach Verhältnis der übrig gebliebenen Gliedmaßen."

Ein Kaleidoskop des Schreckens

Je schneller die Reisemittel wurden, um so mehr verlagerte sich das Reiseerlebnis vom Kommunikations- zum Katastrophenpol. Der Reiseunfall stiftet nicht mehr Bekanntschaften und Liebesbeziehungen, sondern wird Metapher für die Ausgeliefertheit des Menschen an das Schicksal und das Funktionieren der Technik. Wenn zu Beginn von Alexander Lernet-Holenias Roman "Der Mann im Hut" (1937) zwei Autofahrer nach einem veritablen Crash höflich plaudern und dann den Schaden besprechen, ist sofort klar, dass dieser Roman bewusst an die Tradition der Romantik anschließt, wo Unfälle mehr unter dem geselligen als unter dem dramatischen Aspekt beschrieben wurden.

Besonders geeignet für existenzielle Aufladung ist die Zugreise, bei der einander Unbekannte "in einer engen Schachtel" sitzen wie "Gefangene der Bewegung", gemeinsam betroffen von "Stoß und Erschütterung" (Alfred Polgar) - und auch ins gemeinsame Unglück rasen können wie in Friedrich Dürrenmatts Erzählung "Der Tunnel" (1952).

Lesen kann unterschwellige Ängste überdecken helfen. Walter Benjamin empfiehlt als Reiselektüre Kriminalromane aus dem Bahnhofskiosk, "im dunklen Gefühle, etwas zu tun, was den Göttern der Eisenbahn wohl gefällt." Auch Thomas Mann empfand auf Reisen stets ein Unbehagen; am 1. Mai 1906 entgleist sein Zug dann tatsächlich, was er drei Jahre später in seiner Novelle "Das Eisenbahnunglück" verarbeitet.

Auch wenn das Unglück letztlich gut ausgeht, kann es Veränderungen nach sich ziehen. Ingeborg Bachmanns Erzählung "Das dreißigste Jahr" (1966) endet mit einem Autounfall, den der Held überlebt und als Ausgangspunkt für einen neuen Lebensentwurf nimmt. Auch in Walter Kappachers "Rosina" (1978) wird das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein, Anlass zur Lebensumkehr. Das sind Geschichten von Unfallopfern, die dort einsetzen, wo die mediale Berichterstattung gewöhnlich aufhört. Mitunter wird dabei der Unfall auch symbolisch überfrachtet wie in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" (1929), wo der Arm, den Franz Biberkopf dabei verliert, zum "Arm des Schicksals" wird.

In Alois Hotschnigs Roman "Leonardos Hände" (1992) beschließt der Unfalllenker nach dem Unglück, Rettungsfahrer zu werden. Die Figuren, deren Lebenswege sich durch den Unfall kreuzen, sind in ihren tragischen Rollen festgeschrieben als Täter und Opfer. Die Techniken, mit dieser psychischen Dauerbelastung fertig zu werden, sind vielfältig. Eine etwas ausgefallene schildert Manfred Maurer in seinem Roman "Das schwarze Schaf" (1989): Stolz zeigt ein Mitreisender seine Sammlung sorgfältig ausgeschnittener Berichte von spektakulären Autounfällen. Ein alltägliches "Kaleidoskop des Schreckens", in Klarsichthüllen wohl verpackt und geordnet, als eine Art Zauberbann gegen die Bedrohung durch die Alltagskatastrophe Unfall.

Autor:
Evelyne Polt-Heinzl