Fast Lane Oma wird verschickt

Unsere alljährliche Jagd nach einem passenden Hotel oder Häuschen für den Sommer hätte eigentlich schon losgehen sollen, während ich mit meiner Familie Urlaub in Honolulu machte. Aus unerfindlichen Gründen wurde dem Thema allerdings keine allzu große Aufmerksamkeit geschenkt. Vor zwei Wochen wurde mir bei einem Blick in meinen Terminkalender dann plötzlich bewusst, dass der Juni (für mich die ruhigste Zeit im Jahr) immer noch aus lauter hingekritzelten Fragezeichen bestand. Ein Wochenende Anfang Mai, an dem die Sommersaison in unserem schwedischen Häuschen eingeläutet werden soll, ist das einzige wirklich fest verplante Datum.

Im vergangenen Jahr haben wir auf große Familienferien, an denen alle an einem Ort versammelt gewesen wären, verzichtet. Stattdessen wurden eine Menge kleiner Trips durch ganz Europa und die Mittelmeerregion unternommen - verlängerte Wochenenden in Beirut, zehn Tage entlang der Küste von Positano, leider viel zu wenig Zeit in Schweden und gar keine in St. Moritz. Obwohl Abende in der SkyBar hoch über Beiruts Hafen durchaus schön waren - und die im Haus meines Freundes Kamal in Batroun sogar noch besser -, halte ich es für eine gute Idee, in diesem Jahr mal etwas Schlichteres für meine Mutter, Großmutter, Freunde und Kollegen zu finden.

Theoretisch sollte diese Aufgabe auch um einiges leichter zu erfüllen sein als die Suche nach einem sonnigen und warmen Ort im Winter, die ich vor Weihnachten startete (danke noch mal allen, die mir Tipps für meine Mutter und Großmutter weitergeleitet haben), aber der Sommer in Europa birgt besondere Herausforderungen, mit denen ich mich erstmal auseinander setzen muss, bevor ich mit allen Beteiligten am kommenden Wochenende in Ottawa diverse Alternativen durchgehe.

Die nötigen Bedingungen sind schnell zusammengefasst. Da meine Großmutter schon Mitte 90 ist, muss die Logistik so flüssig und problemlos wie möglich vonstatten gehen. Zum Umsteigen kommen also deshalb nur zwei europäische Flughäfen in Betracht: München und Zürich. Da München eine etwas größere Auswahl an Verbindungen in die Sonne aufweist und man im Wechsel von Lang- zu Kurzstreckenflügen nicht umständlich den Terminal wechseln muss, sieht es wie der bessere Kandidat aus.

Was den Zielort angeht, so ist uns eine Kleinstadt oder ein Dorf lieber als eine abgelegene Ferienanlage. Vor einigen Jahren hatten wir mal eine herrliche Villa in Pantelleria - einer Insel vor Sizilien - gemietet, aber ich glaube, meine Großmutter fand das zu abgeschieden. Sie würde einen kleinen Ort vorziehen, in dem es viel zu sehen gibt. Essenziell wichtig ist außerdem eine Auswahl an guten Cafés, wo man sich im Schatten niederlassen kann, eine Apotheke mit einer Reihe exotischer Sonnenschutz-Produkte, Läden zum Bummeln (wir scheinen uns auf einer endlosen Mission nach einem Twin-Set in einem ganz speziellen Rot-Ton sowie Schuhen mit nicht zu hohem und nicht zu niedrigem Keilabsatz zu befinden) und charmanten Lebensmittelgeschäften.

Auf den richtigen Beachclub kommt es an

Die Stadt sollte außerdem in einer Ebene oder einem Tal liegen (keine Hügel und keine Treppen-Labyrinthe oberhalb von Klippen) und je weniger ein Auto benötigt wird, umso besser. Wichtiger ist noch, dass der Ort am Meer liegt und dass es einen richtigen Strand gibt - eine felsige Badeplattform, ein Holzsteg oder ein Schwimmbad reichen einfach nicht aus. Meine Großmutter liebt es, ganz langsam in ihrem eigenen Tempo ins Wasser zu gehen. Leitern runterzuklettern oder mit einem Kopfsprung ins Meer einzutauchen ist weniger ihr Ding - schließlich muss die Frisur tadellos bleiben, egal wie windig oder feucht es ist.

Auch die Wahl des Beach Clubs ist ein entscheidendes Kriterium. Am besten ist eine Ansammlung der unterschiedlichsten Charakter, die sie tagsüber beobachten kann, um ihre jeweiligen Kommentare dann meiner Mutter auf Estnisch mitzuteilen. Ich muss sie öfter daran erinnern, dass im Neuen Europa durchaus die Möglichkeit besteht, dass sich andere Esten in ihrer Mitte befinden, und dass sie ihre Bemerkungen über unangebrachte Bademode, herabhängende Brüste, Teenager-Bräute und misslungenes Facelifting mit Vorsicht anbringen sollten. Zum Glück gibt es nur etwa eine Million Esten, und bisher sind die beiden mit ihrem Strandgeläster noch nicht erwischt worden.

Fügen Sie den Anforderungen noch hinzu, dass ein guter, mit internationalen Zeitschriften und Tageszeitungen bestückter Kiosk vor Ort sein muss, das Wetter verlässlich ist und es hervorragendes Eis gibt - schon reduziert sich die Auswahl beträchtlich. Anfang der Woche erzählte meine Mutter mir nun, dass meine Großmutter die Diskussion über die Örtlichkeit beendet und klargemacht hat, dass sie den Sommer überall verbringen würde - so lange wir uns für das toskanische Ferienressort Forte dei Marmi inklusive Umgebung entschieden.

"Sie möchte nichts Neues ausprobieren?", fragte ich meine Mutter. "Ich denke, Amalfi würde ihr richtig gut gefallen. Man kann dort wunderbar Leute beobachten. Wir könnten von dort nach Capri fahren. Das Essen ist fantastisch."

"Nein, sie ist nicht wirklich offen für Diskussionen. Entweder Forti oder gar nichts", sagte meine Mutter in aller Deutlichkeit.

"Okay, dann ist das schon mal entschieden", antwortete ich. "Ich kümmere mich drum und gucke mal, was ich finde."

Nun geht es also nur noch darum, etwas zu finden, mit dem alle Beteiligten glücklich sind. Ein Hotel mitten im Zentrum Forte dei Marmis oder doch lieber ein Haus in einer kleinen Straße in Strandnähe? Die ideale Lösung wäre ein großzügiges Apartment im Herzen des Ortes, in dem meine Großmutter gleichzeitig in unmittelbarer Nähe des Strandes wäre. Da man aber nur schwer an so etwas herankommt, vermute ich, dass wir uns am Ende für ein Haus entscheiden werden, in dem jeder kommen und gehen kann, wie er mag. Jetzt ist es Mittwoch und ich habe nur noch 48 Stunden, um eine kleine Präsentation für das gemeinsame Abendessen am Sonntag vorzubereiten. Ich hoffe, ich finde eine Lösung, die meiner Großmutter Mitte Juni den perfekten Platz in der Sonne garantiert.

Autor:
Tyler Brûlé