Fast Lane Offene Fragen für 2010

Es ist einer dieser Nachmittage Ende Dezember, von denen, da bin ich mir sicher, sogar die Menschen in der milden südlichen Hemisphäre zu dieser Jahreszeit träumen. Ich sitze im Bett, trage ein neues dunkelblaues Ziptop von , eine Kombination aus gestreiftem T-Shirt und karierten Boxershorts, außerdem warme Socken und habe mir ein paar dieser mächtigen Schweizer Kissen (die Sorte, die fast Matratzengröße hat) in den Rücken gestopft. Draußen sind es angenehme drei Grad minus, Schnee rieselt vom Himmel herab, die Dämmerung setzt ein.

Auf dem benachbarten Bücherregal verbreitet eine Lampe, die von meinem Freund, dem Architekten Andreas Martin-Löf, designt worden ist und deren Alltagstauglichkeit ich gerade teste, einen warmen Schimmer. In den Räumen dahinter kann ich Nancy Wilson einen Weihnachtsklassiker singen hören, meine Mutter schaut BBC World News, Mats bereitet sich einen Ingwer-Honig-Tee zu und es gibt eine Debatte über Kochbücher.

Das Jahr 2009 liegt in den letzten Zügen und ich bin bereit, die neue Dekade willkommen zu heißen. Bevor ich allerdings die Korken knallen lasse, Raketen zünde und die ganze Welt schlussendlich wieder in ihrem Trott verfällt, finde ich, liegt da eine Menge unfinished business herum, der erledigt werden sollte. Die vergangene Woche habe ich damit zugebracht, möglichst alle offenen Posten abzuarbeiten: Ich habe Briefe beantwortet, Bücher und Magazine redigiert, unpassende Kleidung an Wohltätigkeitsorganisationen verschickt sowie lauter gute Vorsätze für das kommende Jahr und Jahrzehnt getroffen.

Während die Flocken auf diese kleine Stadt in den Alpen herabschweben, bleiben jedoch einige nagende Fragen, die auf Antworten warten:

Was genau geschah mit der "Arctic Sea"?

Ich war fasziniert von der Gerüchteküche und dem Fehlen einer glaubwürdigen Geschichte rund um das Verschwinden dieses Frachtschiffs Ende Juli, und natürlich dem offiziellen Statement Russlands vom 18. August, dass das Schiff gekapert und acht Männer wegen Entführung festgenommen worden seien. Ich hoffe, dass ein finanziell gut ausgestattetes und furchtloses Medienunternehmen erhebliche Ressourcen in diese Geschichte investiert und ihr auf den Grund geht. Mich wundert, dass diese Story in den ganzen Jahresrückblicken nicht mehr Beachtung erhielt.

Warum investieren die Menschen unverändert in Online-Angebote ohne nennenswertes Erlösmodell?

Im vergangenen Jahr habe ich zahlreiche Investoren getroffen - alle übrigens recht clever - und meist war ich erstaunt, wie viele dieser Menschen ihr Geld in Unternehmungen ohne Erlösmodell stecken. Die Standard-Antwort ist, dass sie ja in Talent und Datenbanken investierten. Aber es ist sicher billiger, Mailing-Listen zu kaufen, als das Geld in ein Unternehmen zu stopfen, das einen Weg zu finden hofft, seine Zielgruppe zu monetarisieren.

Warum gründen Leute überhaupt noch Internet-Unternehmen, die kein nennenswertes Erlösmodell haben?

Ist es nicht ein bisschen peinlich, vor einer Gruppe von Investoren zu stehen und zu sagen, man habe keine Ahnung, wie sie mit deinem Unternehmen Geld verdienen können und dass hoffentlich jemand auftauche, der noch leichtgläubiger sei und sie rauskaufe, bevor jemand etwas spitzkriegt?

Nachrichtensprecher? Botox? Blackbox?

Wo sind all die guten alten Nachrichtensprecher geblieben?

In den Ferien habe ich ein bisschen rumgezappt und bei den großen europäischen Sendern gibt es kaum einen Mann oder eine Frau über 60, die man in die Kamera gucken und vom Teleprompter ablesen lässt. Dabei altern die Gesellschaften der meisten Industrieländer. Wäre es also nicht sinnvoll, ein paar der charakteristischen, vertrauenswürdigen Stimmen zurückzuholen? Es gibt jede Menge unsinniger Ideen - wie etwa den Plan, möglichst viele Nationalitäten und unterschiedliche Dialekte auf den Bildschirm zu bringen -, aber keiner scheint sich Gedanken darüber zu machen, wie man ältere Nachrichtensprecher gewinnbringend einsetzen kann.

Warum wollen die Leute weiterhin plastische Chirurgie, wo doch die meisten am Ende aussehen wie Affen aus einem russischen Raumfahrtprogramm?

Wegschnippeln, Zusammennähen und eine Ladung Spritzen mögen zusammengenommen ein Statussymbol darstellen. Wo ich nun allerdings schon eine ganze Weile in St. Moritz bin, kann ich mit einiger Gewissheit sagen, dass Schönheitsoperationen noch einen ganzen Weg vor sich haben, bevor die Leute wirklich wie neugeboren aussehen. Statt einfach nur wie Freaks.

Was passierte mit Air France 447?

Ein Zwischenbericht der französischen Flugunfall-Untersuchungsbehörde kurz vor Weihnachten hat im Bezug auf die Absturzursache der Air France zwischen Rio und Paris im Juni keine neuen Erkenntnisse gebracht. Das schreit nach einem großen investigativen Artikel! Die Suche nach dem Flugschreiber wird im Februar wieder aufgenommen.

Was ist, wenn ein Terrorist beschließt, seine Bombe zwei Stunden vor der Landung eines Flugzeugs detonieren zu lassen?

Angesichts der jüngsten Ereignisse auf einem Flug nach Detroit werden die Sicherheitsbestimmungen dazu führen, dass Passagiere nun eine volle Stunde vor der Landung in den USA nicht mehr aufstehen dürfen. Da fragt man sich, was die neuen Maßnahmen wirklich für die Sicherheit bedeuten - und ob Passagiere sich mitten über dem Atlantik oder Pazifik besser fühlen? Ist an der Zeit, in einen Windelwechselservice für Erwachsene zu investieren?

Werden die angelsächsischen Länder jemals die Anstrengung unternehmen, sich wieder besser anzuziehen?

Es ist nur eine Frage, aber ich bin davon überzeugt, dass eine deutliche Verbindung besteht zwischen Gesellschaften, die dem Gammel-Look frönen, und denen, die Ausdrücke wie "sich öffnen" und "auf einander zugehen" benutzen.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé