Nachhaltigkeit Öko-Urlaub für alle!

14 Apr 2007, Parc Nacional des Volcans, Rwanda --- Mountain Gorilla (Gorilla beringei beringei) in the Virunga Mountains of Rwanda. --- Image by © Andy Rouse/Corbis

MERIAN.de: Die Hauptreisezeit für dieses Jahr ist vorbei: Tausende Urlauber sind nach Mallorca geflogen, und die Autobahnen in Richtung Mittelmeerraum waren wie immer voll. Im wohlverdienten Urlaub mochten sich wahrscheinlich die wenigsten mit Problemen belasten. Denken Sie, dass ökologische Gesichtspunkte für deutsche Reisende überhaupt eine Rolle spielen?
Martina Kohl: Es stimmt, dass Reisende ungern hinterfragen, woher das viele Wasser für die tropische Gartenanlage des Resorts mitten in der Wüste wohl stammt oder welche Shrimps täglich auf der Speisekarte stehen. Tatsächlich haben Verbraucher aber längst erkannt, dass die massenhafte Sehnsucht nach Erholung zum möglichst niedrigen Preis irreparable Schäden hinterlässt. Eine Befragung im Auftrag des WWF hat 2009 ergeben, dass mehr als 25 Prozent der Deutschen künftig auf bestimmte Umweltstandards bei Reisen achten wollen. Was aber fehlt sind verbraucherfreundliche Informationen.

Jetzt im Herbst werden vor allem Städtetrips günstig angeboten. Welche Möglichkeiten eröffnen sich hier? Und wird der Kurzurlaub dadurch wesentlich teurer und aufwändiger?
Auch bei Städtereisen gilt: Fliege ich für ein Shopping-Wochenende nach New York oder mit dem ICE in 3,5 Stunden nach Paris? Für die Anreise ist zu beachten: Oft lassen sich Städte sehr komfortabel und günstig mit Bus und Bahn erreichen. Muss es denn unbedingt eine Stadt sein, die mit Bus oder Bahn nicht realisierbar ist, dann sollte die Anreise mit dem Flugzeug in einem vernünftigen Verhältnis zum Aufenthalt stehen. Als Faustregel gilt: Bei Flügen über 700 bis 2000 Kilometer sollten Sie mindestens eine Woche bleiben. Da die bei der An- und Abreise entstandenen Emissionen stets den Löwenanteil an der Gesamtbilanz ausmachen, bleibt gerade der Kurztrip in eine europäische Metropole ökologisch kritisch. Vor Ort stehen allerdings für Individualreisende die Chancen ganz gut, umweltfreundlich geführte Hotels zu finden - und "öko" in Restaurants, Geschäften und Märkten liegt ohnehin im Trend. Wenn man also gewisse Dinge beachtet, spricht nichts gegen einen Kurztrip in eine Stadt.

Der kommende Winter soll neue Rekorde bei Fernreisen aufstellen. Branchenweit werden über 4,8 Millionen deutsche Urlauber in fernen Reisezielen erwartet. Wer solche eine Flugreise antritt, verlässt den Boden der Umweltverträglichkeit. Bleibt die Natur auf der Strecke?
Flugreisen tragen in erheblichem Maße zu den Umweltbelastungen einer Reise bei. Nimmt man die Klimaerwärmung ernst und sieht sich auch als "Verursacher", dann ist Vermeidung das oberste Ziel. Das gilt nicht nur für Glühbirnen, Waschmaschinen oder Autos, sondern auch für das Konsumgut Urlaub. Wer sich den Herzenswunsch einer exotischen Fernreise unbedingt erfüllen möchte, kann einiges beachten. Erstens gilt: Urlaubslänge und Entfernung sollten in einem vertretbaren Verhältnis stehen. Dann kann man seine klimaschädlichen Emissionen der Flugreise kompensieren. Der freiwillige Beitrag wird in Projekte investiert, die wiederum Treibhausgase einsparen.

Ist man am Fernziel angekommen, so kann man etwa ein umweltfreundlich organisiertes Hotel wählen, beim Essen auf regionale Gerichte setzen und mit der Wahl der Aktivitäten vor Ort eine Menge tun, um den persönlichen touristischen Fußabdruck möglichst klein zu halten. Durch den respektvollen Umgang mit den dort lebenden Menschen und deren Kultur trägt die Reise sogar nicht selten dazu bei, das Einkommen der Menschen zu steigern, Arbeitsplätze zu schaffen und ganze Familien zu ernähren. In bestimmten Regionen der Welt ist Tourismus ein Hoffnungsschimmer auf Brot und Lohn, also nahezu existenziell. Schon deshalb verbietet sich eine pauschale Verurteilung von Fernreisen. Ein oberflächlicher Blick in die Reiseprospekte und online Reiseportale macht aber schnell deutlich, dass die genannten Kriterien heute noch eine sehr geringe Rolle spielen. Der verantwortungsvolle Verbraucher hat es schwer, in der Fülle an Fernreise-Angeboten zu Dumpingpreisen eine akzeptable Alternative zu finden. Jede Form der transparenten Information über nachhaltiges Reisen wäre ein großer Gewinn sowohl für Touristen als auch für die Natur.

Können Sie uns ein Beispiel nennen, wie nachhaltiger Tourismus zur sozialen und ökologischen Entwicklung einer Region beigetragen hat?
In der Zentralafrikanischen Republik beispielsweise sorgen geführte Touren zu den Flachlandgorillas mit dem Volk der Ba'Aka Pygmäen nicht nur für ein unvergleichliches Urlaubserlebnis. Diese Form von Tourismus trägt zu alternativen Einkommensmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung bei, die sonst vermutlich nur durch Wilderei überleben könnte. Auch sind die Gorillas geschützt vor Wilderern. Die Zahlen der illegal getöteten Tiere sind stark zurückgegangen. Gleiches gilt für Waldelefanten, die Teil der touristischen Exkursionen sind.

Ein weiteres heikles Thema ist der Skisport. 20 Millionen Skifahrer sind Jahr für Jahr in den Alpen unterwegs, davon rund sechs Millionen Deutsche. Der Klimawandel erfordert längst den Einsatz von Kunstschnee - mit weiteren katastrophalen ökologischen Folgen im Hinblick auf Energie- und Wasserverbrauch. Wie können sich Skifahrer umweltbewusst verhalten?
Was den Skisport angeht, bin ich wirklich skeptisch. Aber es gibt auch hier Potenzial für den Reisenden, mit der Wahl der Unterkunft, einer Anreise mit der Bahn und der Aktivitäten klimafreundlicher zu sporteln. Es gibt gerade in den Alpenregionen ausgesprochen viele umweltfreundliche Unterkünfte, die neben Wandern oder Schlittenfahrten auch phantastische lokale Küche anbieten.

Wenn nachhaltiges Reisen doch gar nicht so schwierig ist - wird es bald wie auf dem Bio-Lebensmittelmarkt einen Boom für umweltverträglichen Tourismus geben? Und kann Massentourismus überhaupt noch nachhaltig sein?
Wir versuchen mit unserer Tourismusarbeit beim WWF ganz klar das Ziel zu erreichen, Nachhaltigkeit auf den Massenmarkt zu bringen. Der Vergleich mit dem Lebensmittelmarkt ist verführerisch und wir arbeiten daran, dass nachhaltiger Tourismus tatsächlich irgendwann einen vergleichbaren Marktanteil erreichen wird von 20 Prozent. Das bedeutet nicht, dass die kleine, vorbildlich geführte Eco Lodge unwichtig wird. Aber auch ein großes Hotel mit 2000 Betten kann nachhaltig gestaltet werden. Ja, definitiv. Der Massentourismus kann und muss nachhaltiger werden.

Autor:
Heike Müller