Fast Lane Mein Haus, meine Terrasse, mein Klo

Nach einer dreiwöchigen Pause (zwei Wochen Ferien und eine Woche Arbeit) ist das Büro wieder ein Hort der Zufriedenheit - allerdings in dem Wissen, dass es nicht von Dauer sein wird: Die Räumlichkeiten werden verlassen - und zwar für immer.

Nein, keine Sorge, ich habe mir auf dem Rückflug von Seoul keine Neujahrserleuchtung zugezogen, die mein Leben und meine Karriere fundamental verändern würde, und trotz meiner Vorbehalte gegenüber London ziehe ich nicht weg. Obwohl meine Miete der reine Wucher ist, bin ich bisher von Zwangsräumungen sogar gänzlich verschont geblieben.

Der einfache Grund für den Umzug besteht darin, dass wir nach fünf Jahren aus unserem Bürohaus - und vielleicht auch aus der unmittelbaren Nachbarschaft - herausgewachsen sind. Der Plan sah ursprünglich vor, dass meine Kollegen und ich das neue Gebäude schon am 4. Januar beziehen. Da wir uns jedoch in Großbritannien befinden, war uns bereits Anfang November klar, dass dieser Termin nie im Leben einzuhalten sein würde. Man könnte die Verzögerung jetzt einfach den Handwerkern in die Schuhe schieben, aber eigentlich lag die Schuld bei der Verwaltung, die unsere Anträge mit einer unglaublichen Schneckengeschwindigkeit bearbeitete. Ich habe Erfahrungen mit Immobilienmärkten auf der ganzen Welt gesammelt und es ist schon erstaunlich, wie lange im Vereinigten Königreich dauert, Eigentum zu mieten oder zu kaufen. Der mühselige Prozess in einem Tempo bearbeitet, als hätte man jede Zeit der Welt.

Ende November konnte ich dann trotz allem endlich meine Unterschrift unter den Vertrag für unser neues Gebäude im Herzen Marylebones setzen. Um keine weitere Zeit zu verlieren, beauftragte ich sofort meine Kollegen Nicoletta und Jun mit den Renovierungsarbeiten.

Innerhalb von 24 Stunden hatte Nicoletta sich mit unseren zuverlässigen Handwerkern in Appenzell in Verbindung gesetzt und einen Flug von Zürich nach London für sie gebucht. Jun unterhielt sich währenddessen mit den Installateuren über die Möglichkeiten, das ganze Gebäude mit japanischen Washlet-Toiletten auszustatten. Architekten in Schweden und der Schweiz sollten Pläne für die unterschiedlichen Stockwerke ausarbeiten (es gibt fünf davon), und so konnten wir uns bereits vor einigen Wochen der angenehmen Aufgabe widmen, die passende Einrichtung und das nötige Mobiliar auszuwählen.

Alle Erwartungen übertroffen

Unsere Vorgabe war nicht leicht für den armen Herrn, der den Auftrag erhielt, ein Objekt für uns ausfindig zu machen. Da wir uns daran gewöhnt hatten, unseren eigenen Eingang in dem Gebäude neben der Marylebone-Station zu haben, wollten wir darauf bei unserem nächsten Zuhause auch nicht verzichten. Ein gutes Belüftungssystem und viel natürliches Licht waren nicht verhandelbar, außerdem standen ein Ort fürs Amusement im Freien, Räume von beträchtlicher Größe für Events, genug Platz für die Schreibtische von als 100 Angestellten sowie ein gemeinsamer Speisesaal auf der Wunschliste.

Was wir einige Monate später bekamen, überstieg unsere kühnsten Erwartungen sogar noch. Am Rand eines Bilderbuchparks gelegen, in dem die Anwohner gerne mit ihren Hunden spazieren gehen, wäre das Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Gebäude fast zu eine Außenstelle des Campus einer französischen Privatschule geworden. Doch die Anwohner entschieden, dass sie keinen Spielplatz mit petits enfants vor der Tür haben wollen. Sie legten eine Petition vor und das Gebäude landete erneut auf dem Markt.

Das solide gebaute Backsteinhaus könnte ursprünglich auch als Zentrum für die Erwachsenenbildung oder als Gemeindeverwaltung geplant worden sein (ich recherchiere das gerade noch, während ich das hier schreibe). Vor dem Haus gibt es Stellplätze für etwas 15 Autos (die Parkplätze werden allerdings bald in Blumenbeete und schattige Lese-Ecken umgewandelt) sowie jede Menge Platz für eine ordentliche Fahrrad-Garage.

Innen wartet es mit einen Empfangsbereich für kurze Termine (reserviert für Leute, die Drucker, Wasserspender und IT-Systeme verkaufen) sowie einer Reihe von Aufnahmestudios und Regieräumen auf (Bleiben Sie dran!). Es gibt auch einen großen Raum, der als Speisesaal, Besprechungsraum, Tanzfläche und Ausstellungsraum vorgesehen ist. Im ersten Stock wird die Redaktion von "Monocle" untergebracht; im zweiten die Büros meiner Design-Agentur Winkreative und auf dem dritten findet man Konferenzräume, Buchhaltung, Verleger, PR und mein Büro. Und das Beste: Alle Stockwerke haben Terrassen mit Blick über den Park - die im ersten Stockwerk sind wunderbar geeignet, um Cocktails für 150 Leute zu mischen, die oberen Stockwerke ideal für eine heimliche Zigarette, angeregte Telefongespräche und für einen kleinen Schuss Morgensonne.

Im Vorfeld der Weihnachtsferien hatte ich das Gebäude noch in seinem halbzerstörten Zustand inspiziert und war nun erleichtert, dass es offenbar gesündere Fundamente hat, als wir erst dachten. Von draußen ist es auch heute noch schön, damals - in den frühen Tagen, bevor diverse Mieter tiefer gelegte Decken und hässliche Teppichfliesen hinzugefügt haben, muss es ein echter Hingucker gewesen sein.

Auch wenn es uns nicht möglich ist, das originale Fischgrätenparkett wieder einzubauen, legen wir doch ein neues und versuchen überhaupt, uns daran zu orientieren, wie es aussah, als es damals an der westlichen Ecke von Marylebone Village eröffnet wurde: Die Wände bleiben weiß, Air Condition und Heizung werden - wo nötig - hinzugefügt und Kleinigkeiten zur Steigerung der Lebensqualität wie ein ordentlicher Duschraum, gute Kaffeemaschinen und eine Restaurantküche werden der Mischung hinzugefügt.

Als ich Mitte der Woche nach London zurückkehrte, sah ich mir das Ganze mit Kollegen an. Die Wände waren schon errichtet worden und die Lampen bereits eingebaut. und während wir Pläne für die Stockwerke machten und Schreibtische mit Namen versahen, machte sich auf einmal eine ungeheure Vorfreude breit. Die außergewöhnlichste Nachricht lautete jedoch: Das ganze Projekt lag genau im Zeitplan (und fast im Budget). Es wird mehr Geschreibsel vom Midori House folgen, wenn wir in vier Wochen die Tore geöffnet haben.

Autor:
Tyler Brûlé