Nachgeschenkt Mauerblümchen gegen die Monotonie

Er galt seit den 50er Jahren als ausgestorben, nur durch Zufall wurde er wiederentdeckt: Der Tauberschwarz, eine rote Rebsorte, die seit dem 16. Jahrhundert angebaut worden und in Vergessenheit geraten war. Nach einem verheerenden Frost im Winter 1978 blieben in einem Weinberg im Taubertal nur 400 Rebstöcke unversehrt stehen, es waren die letzten Vertreter des frostresistenten Tauberschwarz - der Winzer war immer davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine Burgundersorte handelt.

Udo Engelhardt war der erste Winzer, der sich 1996 konsequent um den Wiederanbau der seltenen Rebe kümmerte, die mit ihrer aparten Zartbitternote Wildgerichte hervorragend begleitet. Inzwischen wird der Tauberschwarz im Taubertal, in dem fränkische, württembergische und badische Rebflächen aneinander stoßen, wieder auf rund fünfzehn Hektar kultiviert. Das kleine Städtchen Röttingen in Franken ist das Zentrum des Tauberschwarz, neben Engelhardt ist es Jürgen Hofmann, der ihn mit erdiger Würze und seidener Eleganz zu einer markanten Bereicherung macht für das Segment deutscher Rotweine. Auch das Weingut Benz aus dem badischen Teil des Tals hat dazu beigetragen, dass der Tauberschwarz zur regionalen Attraktion aufgestiegen ist.

Der Tauberschwarz zählt zu den autochthonen Rebsorten, die nur in einem bestimmten Gebiet und auf einer kleinen Fläche angebaut werden. Sie finden sich nur in einem bestimmten Mikroklima und in speziellen Böden zurecht. Oder sie sind zu speziell, zu wenig massenkompatibel, um im größeren Umfang vermarktet werden zu können. Die Autochthonen sind wie Independent-Künstler, eigenwillig und oft für eine Überraschung gut. Oft tragen sie heitere Namen, die man nicht mit Wein in Verbindung bringen muss: Elbling, Heunisch, Samtrot oder Gelber Orleans. Der war früher in den besten Lagen zuhause, bis er im 19. Jahrhundert fast vollständig vom Riesling verdrängt wurde. 1921 wurde in Rüdesheim der letzte Orleans abgefüllt, bis sich das Pfälzer Weingut Knipser und das Weingut Breuer im Rheingau vor wenigen Jahren wieder der vergessenen Rebe angenommen haben.

Das Weingut Breuer hat den Orleans wieder auf Terrassen des Rüdesheimer Berges gepflanzt, in bester Riesling-Lage. Nur knapp 300 Flaschen werden pro Jahr erzeugt, homöopathische Mengen, die Liebhaberpreise erzielen. In guten Jahren wie 2009 entstehen Weine mit würzigem Geschmack, nicht so elegant wie der Riesling, aber mit selbstbewusster Säure. "Es geht uns darum zu zeigen, was hier einmal war", sagt Winzer Heinrich Breuer. "Und wir wollten verstehen, warum der Riesling sich durchgesetzt hat." Breuer ist der einzige deutsche Winzer, der den Weißen Heunisch wieder im Ertrag hat, der im Mittelalter in Mitteleuropa verbreitet war. Der Heunisch-Ertrag in 2010 ist minimal ausgefallen, die Trauben faulten früh. "Trotzdem finde ich es interessanter unsere alten Reben wiederzuentdecken als Chardonnay anzubauen", sagt Breuer.

Im württembergischen Gündelbach ringen Nanna und Ulrich Eißler vom Steinbachhof vernachlässigten Mauerblümchen wie dem Schwarzriesling bemerkenswerte Weine ab. Ohnehin haben die Württemberger ein Faible für ausgefallene Sorten wie den vom Weingut Kistenmacher-Hengerer angebotenen Muskattrollinger, der als Rosé und Sekt ausgezeichnete Aperitife abgibt. Das Weingut Bernhard Ellwanger im Remstal hat den zufällig wiederentdeckten Roten Riesling im Sortiment, eine weiße Rebsorte mit rötlicher Haut. Er hat weniger Säure und mehr Schmelz als sein weißer Bruder, eher die Statur eines Grauburgunders. Auch das Weingut Allendorf baut den Roten Riesling im Rheingau an. Aber wie die meisten weißen Autochthonen ist er begehrt und schnell ausverkauft, auf Rotweine wie den Tauberschwarz ist der Zugriff leichter.

Noch Ende des 19. Jahrhunderts konnten deutsche Winzer aus über 400 Rebsorten auswählen. Davon sind heute keine 30 mehr für den Anbau zugelassen. Zunächst fielen sie der Reblaus zum Opfer, die ab 1872 einen Großteil der Rebkulturen in Mitteleuropa vernichtete. Später der Flurbereinigung und Rationalisierung der Weinberge, in deren Vollzug nur noch wenige, zur Massenproduktion taugliche Sorten übrig blieben. Hauptgrund für das Verschwinden der alten Sorten war aber ihre Nichtzulassung nach dem Zweiten Weltkrieg: Über 90 Prozent der alten Rebsorten wurden nach 1945 durch wenige Neuzüchtungen ersetzt.

War das Revival vergessener Sorten wie dem Tauberschwarz lange Zeit dem Zufall geschuldet, suchen inzwischen Rebsortenforscher systematisch nach verborgenen und verlorenen Schätzen. Der renommierteste unter den Rebarchäologen ist Andreas Jung, der drei Jahre lang in bundesministerialem Auftrag systematisch die rebengenetischen Ressourcen in alten Weinbergen erfasste. Andreas Jung hat in alten Weinbergen 242 von insgesamt 351 historischen Rebsorten wieder entdeckt, darunter 86, die als ausgestorben galten.

Eine Sensation, die das Weinland Deutschland verändern könnte. Das Sortenspektrum in Deutschland ist eingeengt, manche Anbaugebiete sind zur Riesling-Einöde geworden. Jung weiß, dass "viele Winzer froh wären, wenn es mehr autochthone Rebsorten mit einer langen weinbaugeschichtlichen Vergangenheit gäbe". Aber der Anbau von alten Sorten wird durch Auflagen im Weinrecht behindert. "Wir müssen die Restriktionen für den Wiederanbau lockern, um diesen kulturellen Schatz zu erhalten", fordert Jung. Autochthone Rebsorten wie der Kleine Burgunder, Adelfränkisch und der Kleinberger müssten gefördert werden - gerade in Zeiten des Klimawandels. "Im Gegensatz zu mediterranen Sortenimporten sind unsere historischen Sorten seit Jahrhunderten standorterprobt. Sie haben die Klimaschwankungen der Vergangenheit erfolgreich überstanden", sagt Jung.

Das Verlangen unter Weintrinkern und Winzern nach autochthonen Rebsorten ist gewachsen, was auch als Zeichen einer Bewegung gegen den Trend der globalen Angleichung gesehen werden kann: Für Sortenvielfalt und gegen den Geschmacksmainstream, der in den weltweit massenhaft produzierten Chardonnays, Cabernets und Merlots Ausdruck findet. Eines können die Autochthonen bestens: Sie vertreiben die Monotonie im Leben von uns Weintrinkern und ermöglichen Genuss, der viele Spielarten und Nuancen kennt.

Kontakte und Adressen

Weingut Engelhardt, Kirchplatz 18, 97285 Röttingen, Telefon 09338-99 35 00, ,

Weingut Hofmann, Strüther Straße 7, 97285 Röttingen, Telefon 09338-15 77, ,

Weingut Benz, Im Walterstal 1, 97922 Lauda-Königshofen, Ortsteil Beckstein, Telefon 09343-45 23, ,

Weingut Knipser, Hauptstraße 47, 67229 Laumersheim, Telefon 06238-742, ,

Weingut Breuer, Grabenstraße 8, 65385 Rüdesheim, Telefon 06722 - 1027, ,

Weingut Steinbachhof, Steinbachhof 1, 71665 Vaihingen/Enz-Gündelbach, Telefon 07042-214 52, ,

Weingut Kistenmacher-Hengerer, Eugen-Nägele-Straße 23-25, 74074 Heilbronn Telefon 07131-17 23 54,

Weingut Bernhard Ellwanger, Rebenstraße 9, 71384 Weinstadt-Großheppach, Telefon 07151-621 31, ,

Weingut Fritz Allendorf, Kirchstrasse 69, 65375 Oestrich-Winkel Telefon 06723-918 50, ,

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Autor:
Rainer Schäfer