Mit Stil "Los Schatz, stell dich mal da vor!"

Zu zweit zu verreisen, ist keine optimale Ausgangslage für gemeinsame Urlaubsfotos. Vielleicht sind Japaner deshalb immer in großen Gruppen unterwegs. Das erhöht die Chance, auch einmal mit dem Partner (und anderen) auf demselben Bild zu sein.

Bei einem Pärchen fällt das Ergebnis dagegen eher einseitig aus: "Ich vor der Sagrada Familia." "Ich beim Kauf einer Ananas auf dem Markt La Boqueria." "Ich, leicht verbrannt, an unserem Lieblings-Strand." "Olaf im Hotel." "Und da haben wir mal diesen netten Amerikaner gefragt, ob er ein Foto von uns auf den Ramblas machen kann! Leider hat er den Zoom nicht gefunden, wir sind das Paar ganz links im Bild."

Der engagierte Tourist will eben belegen, dass er tatsächlich vor Ort war. Und so ganz ohne Mensch davor sieht eine Kirche wie Westminster Abbey auch wirklich etwas leblos aus. Da könnte man ja gleich eine Postkarte kaufen - das verstehe ich natürlich.

Leider bin ich selbst wahnsinnig schlecht in dieser Art der Fotografie, weil ich auf Kommando nie weiß, wie ich mich hinstellen soll. Das bekommt für mich dann immer etwas Martin-Parr-haftes, oder ich muss an diesen Typen denken, der nach dem 11. September die Fotomontage auf dem World Trade Center von sich gemacht hat, wo von hinten schon das Flugzeug zu sehen ist. Meistens schneide ich aus Verlegenheit komische Grimassen, während sich um mich herum lauter andere Paarhälften perfekt positionieren.

Nach meinen Beobachtungen sind die beliebtesten Posen:

- Lockeres sich Aufstützen oder Anlehnen. Das gibt der eigenen Person gleich etwas mehr Halt im Bild und sieht beim Betrachten zu Hause "schön entspannt" aus. Geländer jeglicher Art sowie Säulen und Torbögen zählen wahrscheinlich zu den von Touristen am meisten strapazierten Bauwerken.

- Ein Fuß vor, Hüfte leicht eingedreht, gern noch einen Arm in die Taille gestützt. Da gibt sich jemand immer noch Mühe beim Shooting, selbst wenn schon eine 16-MB-Speicherkarte voll ist. Meistens bei Frauen zu beobachten.

- Die Gartenzwerg-Stellung, wie bei den Postkarten in "Die fabelhafte Welt der Amélie". Also regungsloses Vor-der-Kamera-Stehen mit eingefrorenem Lächeln bis der depperte Mann / die unfähige Frau endlich auf den Auslöser gedrückt hat.

Letzteres konnte ich vor kurzem wieder bei einem Mann in Venedig beobachten. Bullige Statur, Lederkleidung, lange Haare, niemand, den man in einer der überfüllten Gassen aus Versehen anrempeln will, am Ende aber doch durch und durch Tourist: Mit finsterer Miene geht er drei Schritte auf den Dogenpalast zu, dreht sich um und - knipst sein breitestes Lächeln an. Jede Wette, dass später noch jemand ein hübsches Pärchenfoto von den beiden im Herzchensitz einer Gondel schießen durfte.

Ich mache die Pärchenfotos von meinem Mann und mir meistens so: weit ausgestreckter Arm, Kamera seitlich nach oben richten, abdrücken. Manchmal ist der Arm noch halb im Bild, manchmal guckt man ein bisschen bescheuert nach oben, oft kommen aber auch ganz ordentliche Bilder dabei heraus und ich kenne viele, die das so machen. Nur hat an die leider keiner gedacht als das iPhone entwickelt wurde: Auf dem verkehrt herum gehaltenen Touchscreen den Auslöser zu finden, während man sich konzentriert, irgendwie normal zu schauen und das Objektiv in die richtige Richtung zu halten - kein leichtes Unterfangen. Vielleicht könnte Steve Jobs bei der nächsten iPhone-Generation da einmal dran denken.

Autor:
Silke Wichert