Fast Lane Lieber Terminkalender, bin auf dem Weg zur Konferenz

An der Zunahme von Konferenzen, Gipfeln, Messen und Ausstellungen, die aus dem Terminkalender hervorlugen und irgendwie beachtet werden wollen, lässt sich ablesen, dass wir das letzte Quartal des Jahres erreicht haben. Mein Assistent Alex hat darüber hinaus folgende Theorie: Nachdem er seinen kompakten Tischterminkalender zugeklappt hat, hüpfen die diversen, mit Bleistift eingetragenen weltweiten Konferenzen von den Seiten herunter und beginnen mit ihrer Reproduktion - lange, nachdem die Lichter ausgeknipst worden und wir alle nach Hause gegangen sind. In den frühen Morgenstunden wachsen dann merkwürdige Zwitterbiester auf den Seiten, die sich dort monatelang verborgen halten, ehe sie plötzlich hervorspringen und ein geplantes Chaos anrichten.

"Ich schwöre, dass, als ich gestern reingeguckt habe, im Terminkalender kein Marken-Gipfel in Buenos Aires eingetragen war", wird Alex sagen. Auf der Kante seines Stuhls hockend, den Terminkalender auf dem Schoß, den Bleistift und den Radierer parat - so wird Alex die Wochenübersichtsseiten inspizieren, ein Gesicht (oder auch zwei) ziehen. Und dann wird er die anstehenden Konferenzen durchgehen, bei denen er meinen Vortrag längst bestätigt hat oder bei denen er denkt, dass ich dort unbedingt teilnehmen will. Dabei hat Alex ein kleines Bündel von Anfragen für Konferenzen in Griffweite liegen, von denen er glaubt, dass sie eine Teilnahme zwar nicht wert seien, er sie aber trotzdem durchgehen möchte, der reinen Freude halber.

"Willst du zu einer Design-Konferenz in Südafrika? Die fliegen dich sogar ein und verköstigen dich." Normalerweise gebe ich vor, mir seine Anpreisungen nicht anzuhören. "Es heißt hier sogar, dass du an einer Nacht-Safari teilnimmst", fährt er fort. "Du liebst Nacht-Safaris doch, also glaube ich, dass du zusagen solltest."

An diesem Punkt blicke ich auf, lache und es wird noch lauter gelacht, während wir die Listen mit interessanten und anderen, völlig absurden Veranstaltungen durchlesen. So läuft es stets, das Aufwärmen zu dem deutlich ernsteren Spiel, bei dem es darum geht, herauszufinden, was wir mit jenen Konferenzen anstellen, die im Terminkalender längst bestätigt sind. Denn es ist ziemlich einfach sich in der Vorfreude zu verfangen, auf einem Symposium über Urbanität in den Niederlanden vorzutragen - zumal, wenn dies mit einem hübschen Honorar und dem Versprechen verbunden ist, zum Abendessen wieder zurück in London zu sein.

Wenn die Anfrage sich auf einen Termin bezieht, der 18 Monate entfernt liegt, ist es natürlich allzu einfach, ein paar Tage im Kalender freizumachen und dann ein Bestätigungsschreiben rauszufeuern. Als ein Ergebnis haben wir ein System gegenseitiger Kontrolle eingerichtet, um sicherzustellen, dass wir nicht zu eilig mit dem Bestätigen sind. Die Mitschrift mag sich lesen wie das Gespräch zwischen Kapitän und Erstem Offizier, die vor dem Abflug die Checkliste durchgehen:

Alex: Konferenz in Belgrad im September 2010.

Ich: War noch nie in Belgrad.

Alex: Das Thema ist: "Aufbau einer globalen Medienmarke für den Balkan".

Ich: Dauer?

Alex: Ich glaube, sie möchten, dass du eine Woche lang da bist.

Ich: Was?!

Alex: Ja. Es scheint so, als ob sie wollten, dass du ein paar Seminare abhältst, wenn du da bist.

Ich: Absagen. Das nächste.

Alex: Der Kunde ist eine große US-Bank.

Ich: Mmm.

Alex: Das findet kurz vor der Produktion unserer November-Ausgabe (des Magazins "Monocle" - d. Red.) statt, könnte also ein bisschen knapp werden.

Ich: Thema?

Alex: Oh, das wird dir gefallen. Du darfst über den Zustand des japanischen Marktes sprechen - und es findet in Tokio statt.

Ich: Zusagen.

Alex: Bist du ganz sicher? Ich weiß, du magst Tokio, aber wird es dir gefallen, wenn ich dich einfach losschicken würde - weil: Du musst an einem Sonntag fliegen, und du weißt, wie sehr du es hasst, London an einem Sonntagmorgen zu verlassen. Soll ich absagen?

Ich: Zusagen.

Die Japan-Konferenz der Bank of America Merrill Lynch (hat es im Bankenwesen jemals einen größeren Zungenbrecher gegeben?) versprach nicht, die allerlebendigste Angelegenheit zu werden. Aber ich denke, die Organisatoren wussten, weshalb sie mich zur Überbrückung der Halbzeitpause verpflichtet hatten: Ich sollte den Delegierten ein gutes Gefühl hinsichtlich der neuen Regierung besorgen und eben all die guten Dinge über Japan sagen, die sie in den anderen Vorträgen nicht zu hören bekommen hatten. Bewaffnet mit Puscheln und meinem einschlägigen Taktstab-Programm betrat ich am Mittwoch also die Bühne und gab mein Bestes, einiges an Möglichkeiten aufzuzeigen und ein paar Lacher zu erzeugen.

Es schien gut gelaufen zu sein und eine Stunde später drehte sich unser Gespräch auf dem Podium darum, wie Japan sich selbst als beste Dienstleistungskultur der Welt positionieren und dabei ebenso einen Weg finden könnte, alles zu monetarisieren und zu skalieren - vom Hotel bis hin zur globalen Restaurantkette.

Als ich den ängstlichen Delegierten erläuterte, dass die weltweite Verbreitung japanischer Dienstleistungskonzepte höchstwahrscheinlich auch beinhalten werde, dass man in einem Schritt Legionen an japanischem Personal weltweit mitnehmen müsste, gab es eine Menge an wohl überlegtem Nicken und Notieren. "Also glauben Sie nicht, dass es damit getan ist, das Konzept ins Ausland zu tragen und es mit Personal vor Ort zu füllen?", fragte einer.

Ich antwortete, dass man das natürlich immer versuchen könne, dass aber ein Teil der Ursache für die Perfektion Servicekultur in Japan darin liege, dass sie kulturell bedingt ist. Und tatsächlich dürfte es schwierig werden, Verkäufer zum Rennen zu bewegen, um die Türen eines Kaufhauses in Brüssel zu öffnen. Oder sie dazu zu bringen, sich zu verbeugen, wenn Gäste in Taxis vom Hotelvorplatz davonpreschen.

Wie auch immer: Mit Tausenden Mitarbeitern der Japan Airlines, die derzeit vom Rauswurf bedroht sind, steht ein einsatzbereites Batallion von serviceorientierten Japanern kurz vor dem Eintritt in den weltweiten Arbeitsmarkt.

Übersetzung: MERIAN.de

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Autor:
Tyler Brûlé