Garderobe für Hochzeiten Kiss me, Kate!

Mag ja sein, dass die Deutschen, rein statistisch, immer weniger heiraten. Ich habe meine eigenen Quellen: acht Hochzeiten diese Saison. Zu denen wir natürlich alle hingefahren sind, beziehungsweise noch hinreisen werden - in Berlin selbst heiratet nämlich kein Mensch mehr. Wenn schon, muss auswärts geheiratet werden, bei einem kollektiven Wochenend-Trip für die ganze Entourage. Haben wir selbst auch so gemacht.

Meist geht es irgendwo ins Berliner oder Hamburger Umland (Hochzeit 2, 6 und 8). Oder nach Mecklenburg-Vorpommern (Hochzeit 1, 3 und 4). Oder sogar richtig weit weg, nach Sizilien (Hochzeit 7). Dagegen war Hochzeit Nummer 5 schon fast exotisch: Sie fand in Duisburg statt. Aber da muss man ja auch erst mal hinkommen. Irgendwer fragte kürzlich, wohin wir eigentlich diesen Sommer in den Urlaub fahren. Komisch, diese Frage hat sich irgendwie nicht gestellt.

Das Tolle an diesen Wedding-Wochenenden ist: Man erlebt mehr als in irgendeinem Cluburlaub an der Algarve in zwei Wochen. Man lernt auch garantiert mehr Menschen kennen. Endlich sogar einmal welche, die man tatsächlich kennenlernen möchte, weil die Vorselektion durch das gemeinsam bekannte Brautpaar schon eine gewisse Grundsympathie verspricht. Oder vielleicht besser: versprechen kann. Bei einem der Feste saß ich neben einer Frau aus Franken, die in einem Feinkosthandel arbeitet und während des Essens die ganze Zeit die fehlenden Accents auf der Speisenkarte des offensichtlich total provinziellen Caterers bemängelte.

Dafür lernte ich eine Woche später den durchgeknallten Landschaftsarchitekten aus München kennen, der einen ähnlich tollen taubenblauen Anzug wie Jamie Hince trug, als er Kate Moss vor den Altar führte - übrigens eine Hochzeit, für die ich sofort ins englische Kaff Southrop gejettet wäre - und auch später an der Bar einen mindestens so gefestigten Eindruck wie dieser Rockstar machte, was die Cousine der Braut offensichtlich genau so sah.

Beliebtes Spiel: Single-Memory

Womit wir bei dem sehr beliebten Spiel "Single-Memory" wären, vor allem aber bei der noch sehr viel interessanteren Rubrik "What to wear to a wedding?" Bei meinen ersten Hochzeitseinladungen mit Mitte/Ende 20 habe ich das, was viele Frauen zu solchen Anlässen veranstalten, immer das "Paella-Prinzip" genannt: ein paar gute Stücke (ein passables Kleid, eine Perlenkette von Mutti, noch schlimmer: ein Hut von Mutti) bilden die Basis, der Rest wird irgendwo billig zusammengeklaubt und wenn es sein muss noch mit der Konfirmationsgarderobe gestreckt. Jetzt mit Anfang/Mitte 30 gibt es offensichtlich genug Hochzeiten, die die Investition in mindestens ein tolles Kleid und dazu passende Schuhe rechtfertigen.

Hochzeitsgesellschaft Nummer 6, die vergangenes Wochenende auf einem Schloss in Mecklenburg-Vorpommern feierte, war mit Abstand die bestangezogene bisher. Sogar die ein bis zwei sonst unvermeidbar changierenden Taftkleider fehlten hier, auch wenn ich mir sicher bin, dass die spätestens bei Hochzeit 8, in München, wieder zurückkehren. Ebenfalls ein Klassiker: die Dame im geblümten Wickelkleid, einer vermeintlichen Allzweckwaffe, die meiner Meinung nach in den meisten Fällen eher einem stilistischen Kollateralschaden gleicht. Aber hier gehen die Meinungen vielleicht ebenso auseinander wie bei der Frage, wieviel 1980er-Jahre-geprägten Synthie-Pop eine Tanzfläche wirklich verträgt und ob dann unweigerlich etwas wie "Body Count" von Ice-T als Exorzismus herhalten muss (der DJ letztes Jahr bei der Feier auf der Schwäbischen Alb war der Meinung: ja, unbedingt).

Was vergleichsweise neu im Programm, aber schon jetzt ein Klassiker ist: die Wertung des Kusses. Selbst der Pastor ließ sich bei Hochzeit Nummer 5 dazu hinreißen, "kein Vergleich zu Kate und William!" zu rufen, wobei ich mich frage, ob es überhaupt jemals eine Hochzeit irgendwo auf der Welt geben wird, wo jemand findet, das sei jetzt aber wirklich eine noch schlechtere Performance als bei den Windsors. Nummer 7 und 8 stehen zwar noch aus, aber wer auf Sizilien solch verkrampftes "Pressing" betreibt, bekommt es sicherlich sofort mit der Mafia zu tun.

Dafür hat sowohl diese als auch die andere Kate-Hochzeit gezeigt - man kann nie genug Alt-Stars (Elton John und Mario Testino vs. Iggy Pop und Bryan Ferry) und insbesondere Blumenmädchen haben. Die jungen Damen lockern jedes noch so langweilige Protokoll auf, wenn sich beherzt die Ohren zugehalten oder, ungeachtet irgendwelcher Zahnspangen, eindrucksvoll für die Fotografen posiert wird. Wer mehr von diesen hübschen "Accessoires" dabei hatte, habe ich nicht gezählt. Die Benchmark für Hochzeit 7 und 8 liegt jedenfalls ziemlich hoch.

Autor:
Silke Wichert