Fast Lane Kampf der Gigantomanie

Beim Amtsantritt von Barack Obama vor zwei Jahren hatte ich die große Hoffnung, dass nach seiner Vereidigung viele bedeutende amerikanische Ministerien radikal reformiert werden würden. Vor meinen Augen wurden bereits aufgeblähte Strafverfolgungsbehörden zusammengelegt, im Außenminister neue Marken und Programme kreiert (das "Ministerium, um hier mal rauszukommen und mehr von der Welt zu sehen", die "Ein Pass für jedes Kind"-Initiative oder das "Ministerium für eine schönere Optik der amerikanischen Botschaften") sowie eine Reihe von Aktionen eingeleitet, um die Lebensqualität zu erhöhen.

Ich erfreute mich auch an der Vision eines "Ministeriums für perfekte Proportionen" (MfpP), das wiederum die Politik einer Reihe anderer Komitees beeinflussen würde. Das MfpP bekäme die Aufgabe, einfach alles in Frage zu stellen: von der Straßenbreite über den richtigen Maßstab einer Stadt bis hin zur servierten Essensportion beim abendlichen Dinner. Eine der allerwichtigsten MfpP-Initiativen wäre jedoch ein Business-Programm, um große und kleine Unternehmer davon zu überzeugen, dass Größe nicht alles ist - also die tief verwurzelte Ansicht zu überdenken, dass eine höhere Quadratmeterzahl ein Büro automatisch zu einem besserer Arbeitsplatz oder einen Laden zu einem beliebteren Einkaufort machen würde.

Mit Hilfe guter Kommunikation nach außen und der Einführung weltweit gültiger Standards könnte der Minister dieser Abteilung sogar der Star dieser Regierung werden. Schließlich hilft er Unternehmen dabei, ihre Schadstoffemissionen zu reduzieren, Mieten zu senken, ein persönlicheres Arbeitsumfeldund individuellere Einkaufserlebnisse zu schaffen. Ein Minister für perfekte Proportionen könnte unter den Verbrauchern einen Kulturwandel herbeiführen und so zukünftig Probleme vermeiden, von denen viele amerikanische Unternehmen momentan betroffen sind.

Während des vergangenen Jahres stapelten sich auf den Wirtschaftsseiten beispielsweise Geschichten über den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch/Strukturwandel/Bankrott der größten amerikanischen Buchhändler. Meistens wurde die Schuld reflexartig auf die Wirtschaft geschoben. Amazon und sein Kindle sowie der Aufstieg anderer E-Book-Reader seien der Grund für das Desaster im eigenen Laden. Seltsamerweise wurde wenig über den Verkaufsfläche selbst geschrieben - und die simple Tatsache, dass es zuviel "Fläche" gibt.

Wenn Sie Menschen darum bitten, Ihnen den idealen Buchladen zu beschreiben, kommt darin meist ein Erker vor, in dem eine von den langjährigen Angestellten liebevoll zusammengestellte Auswahl an Büchern präsentiert wird. Hinter der Eingangtür (komplett inklusive Messingglöckchen) stehen solide Holztische mit den Neuerscheinungen, den Dauerbrennern, den Umsatzbringern und den seltsamen aber herrlich lesenswerten Selektionen loyaler Kunden. Die Böden aus dunkler Eiche sind abgenutzt, die Bohlen knarzen wahrscheinlich und geben ein wenig nach. In der Luft liegt der wunderbare Geruch nach unterschiedlichem Papier, Tinte, Leim, Leinen, Karton und giftigen Lacken.

Der perfekte Buchladen

In einigen Ecken des Geschäfts tönen jazzige Klänge aus uralten Lautsprechern. Im Raum verteilt befinden sich Sessel, in denen Kinder lesen und ältere Menschen eine Pause einlegen können (statt als Außenposten des Büros zu dienen, in dem Recherche-Aufgaben und Geschäftliches erledigt wird). Es gibt außerdem viele ordentlich bezahlte (kein Mindestlohn!) Mitarbeiter, die hilflose Kunden bei der Wahl des richtigen Kochbuchs beraten, Bilderbücher für hyperaktive Kleinkinder empfehlen können und Reiseführer zu den unbekannteren Gefilden der Türkei.

Die männlichen Angestellten tragen gemütliche Strickjacken, die Frauen bevorzugen Slipper, Schottenröcke und Rollkragenpullover - was den Eindruck erweckt, dass diese Leute sich wirklich gut auskennen und ich deshalb alles kaufen werde, was sie mir vorschlagen. Das vielleicht wichtigste Detail: Man kann zwar durch den ganze n Laden von hinten nach vorne durchgucken, innen befinden sich jedoch lauter gemütliche kleine Nischen und Ecken, in denen man sich in aller Ruhe in das erste Kapitel eines Buches vertiefen kann. Kurz gesagt: Der Buchladen, von dem die Leute träumen, ist übersichtlich, warm, einladend und persönlich. Strauchelnde amerikanische und britische Buchhandelsketten sind hingegen genau das Gegenteil.

Gucken Sie sich auf den Parkplätzen vieler amerikanischer Einkaufszentren um und mit großer Wahrscheinlichkeit entdecken Sie eine Art Schuhkarton aus rotem oder gelbem Backstein, der einem Buchhändler gehört. An diesen schließt sich ein weiterer größerer gelber Klotz an, der wiederum mit weiteren ähnlich aussehenden Boxen verbunden ist. Alle mit von hinten beleuchteten Logos, ohne Fenster und mit absolut null Individualität. Die Erfahrung innerhalb so einer Box verwirrt und befremdet. Die Beleuchtung ist grell und kalt, ein leichter Geruch nach Popcorn liegt in der Luft und nicht ein Verkäufer oder Regalauffüller ist in Sicht.

Der Laden ist so riesig und so bar jeden Charmes, dass man keinerlei Bedürfnis verspürt, jemals wieder hierhin zurückzukehren - auch da man nie einem Verkäufer in die Augen geschaut und nirgends eine einladende Ecke zum Reinkuscheln und Schmökern gefunden hat, man über keine einzige literarische Überraschungen gestolpert ist und letztlich deshalb als Kunde keine Verbindung mit dem Geschäft aufgebaut hat.

Das ist der Grund, warum viele dieser boxenförmigen Buchhandlungen ums Überleben kämpfen. Nicht der Aufstieg von E-Books und anderen beleuchteten Bildschirmen. Genauso wie der Kiosk die Herausgeber von Zeitungen und Zeitschriften nicht gerecht wird, weil er Nachrichten wie Lebensmittel in einem Mini-Markt verkauft, haben sich Buchhändler-Ketten auf beiden Seiten des Atlantiks zu sehr vergrößert. Und deren riesigen Verkaufsflächen können sich einzig einer heftigen monatlichen Miete rühmen.

Autor:
Tyler Brûlé