Fast Lane Im Zug von London nach Peking

Als Chinas Eisenbahnbehörde kürzlich ihre Pläne für den Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Peking und London verkündete (die Reise soll zwei Tage dauern, d. Red.), musste ich einen Moment schlucken. Und dann fragte ich mich, wer wohl Tickets für diesen eurasischen Super-Express buchen würde?

Wäre er am Ende eine Art Shuttle, das chinesische Näherinnen zu ihrem Arbeitsplatz in italienischen Ausbeuterbetrieben transportiert? Vielleicht könnte er sich ja auch als eine aufgemotzte Version des Orient-Express positionieren, der dabei hilft Frischfleisch auf Japans zunehmend ergrauten Touristenmarkt zu bringen? Oder er könnte Gewinne abwerfen, indem man die Plätze ausschließlich an Trainspotter verkauft.

Nachdem ich jedoch den größten Teil des letzten Wochenendes in Hongkong damit verbracht hatte herauszufinden, wie ich zwölf Kollegen wieder zurück nach London kriege, schätze ich, dass die Eisenbahnbahngenies der Volksrepublik einen echten Treffer landen könnten, wenn es ihnen gelänge, die anderen Länder entlang der vorgeschlagenen Strecke zum Mitspielen zu überreden. Und wenn sie es schaffen, die Reise möglichst angenehm zu gestalten.

Statt sich aufwendige Flugersatz-Routen auszudenken (über Hongkong-Auckland-Santiago-São Paulo nach London) oder herauszufinden, wie viel es kosten würde, einen Privatjet für zwölf Personen zu chartern, beziehungsweise zu versuchen, die Windrichtung vorauszusagen, wäre es nämlich sehr viel einfacher gewesen, alle zu einem Pekinger Bahnsteig zu schaffen, ihnen eine Brotzeit in die Hand zu drücken und auf die Reise zu schicken. Wer weiß, wahrscheinlich säßen sie jetzt alle längst wieder an ihren Schreibtischen.

Mal ganz abgesehen vom Offensichtlichen - dass die Welt nämlich nicht allein durch Glasfaserkabel, riesige Server und Social-Network-Seiten funktioniert und ziemlich verloren ist, wenn nicht gerade ein vollgetankter Airbus oder eine Boeing zur Hand sind - wird auch die dringende Notwendigkeit deutlich, weltweit in alternative Transport-Verbindungen zu investieren. Gerade um für jene Tage, Wochen oder Monate vorbereitet zu sein, wenn vulkanische Asche, Cyber-Terrorismus und andere Katastrophen den Handel und ganze Kontinente zum Stillstand verdammen.

Auf praktischer Ebene sollten all die Unternehmen, die sich vor einigen Jahren für die Schließung ihrer internen Reise-Abteilungen entschieden hatten und die nun befürchten, dass sich ihre Fußsoldaten unter dem blauen Himmel Balis sonnen, in Erwägung ziehen, entweder ihre Reise-Abteilung wieder einzurichten oder eine hochklassige Reiseagentur damit zu beauftragen, den riesengroßen, aktuellen Logistik-Alptraum zu verwalten.

Ich habe zwar gelegentlich meine Probleme mit einigen Pekinger Verhaltensweisen, aber wenn China eine Hochgeschwindigkeitsstrecke bauen möchte, die Tausende von Menschen jeden Tag im Handumdrehen quer über die Grenzen Europas und Asiens hinwegkatapultiert, werde ich der Erste sein, der ein Ticket kauft.

Tatsächlich hat so ein geschäftlicher Kurztrip des 21. Jahrhunderts mit Zwischenstopps in Wien, Kiew, Almaty, Urumqi und Peking ja auch etwas ziemlich Romantisches - im Gegensatz zu den endlosen, anstrengenden übers Jahr verteilten Punkt-zu-Punkt-Flugverbindungen.

Andere Länder, die ein eigennütziges Interesse am Schienenbereich haben (Kanada, Deutschland, Frankreich und Japan), sollten vielleicht darüber nachdenken, weitere Lücken rund um den Erdball zu schließen. Die Strecken von Kapstadt nach Kopenhagen und von Buenos Aires nach Montreal wären noch zu vergeben.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé