Mit Stil Ich packe meinen Koffer - aber wie bloß?

Im Moment stehen drei halbausgepackte Koffer in unserem Schlafzimmer. Ein großer Rimowa von einer Reise nach Los Angeles (zweieinhalb Wochen her), eine Reisetasche, die ich bei einem Hochzeitswochenende in Mecklenburg-Vorpommern dabei hatte (zwei Wochen her), ein kleiner Trolley für einen Geschäftstrip nach München (vier Tage her). Netterweise hat unsere Putzfrau vorgestern einen kleinen Trampelpfad um die Kleiderhaufen und das Reisegepäck herum frei geräumt.

Ich hasse Kofferauspacken. Alles wieder ordentlich an seinen Platz zu bringen, stresst mich mehr, als aus allen Ecken irgendetwas zusammen zu suchen, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich dabei eher unbeschwert - Freunde sagen auch "absolut unstrategisch" - vorgehe. Ich ignoriere den Wetterbericht, greife in beliebiger Reihenfolge jene Sachen, die ich im Moment am liebsten trage, dazu immer die gleiche Überziehjacke (als Back-up), ein paar flache, ein paar hohe Schuhe, drei Bikinis, das Seidenkleid von Thierry Mugler, auch wenn ich es im Zweifelsfall wieder nicht anziehe, aber man weiß ja nie.

Dafür vergesse ich leider regelmäßig: Kamera-Aufladekabel, eigentlich noch vorhandene Reste ausländischer Währungen (das ist der Euro schuld), Zahnpasta, Haarbürste, Sonnencreme und, natürlich, einen Adapter; obwohl wir mittlerweile eine hübsche Sammlung in der Schublade haben, und selbst wenn ich mal daran denke, nehme ich für die USA garantiert den britischen mit.

Meine Mutter hat früher, wenn wir weggefahren sind, Listen geführt und dann Stück für Stück abgehakt. Pässe? Check! Ersatzfilme? Check! Pflaster? Mückencreme? After-Sun? Check! Check! Check! Vielleicht hätte ich von dieser Haltung mehr annehmen sollen. Allerdings haben meine Eltern so auch nie das Abenteuer erlebt, sich auf Phu Quoc, der größten, allerdings mittel erschlossenen Insel Vietnams, auf die Suche nach einer Rundbürste begeben zu müssen.

Eine Kollegin von mir legt sich für jede Reise Tagesoutfits zusammen, die sie vorher noch einmal einzeln durchprobiert. Im Kopf läuft also quasi schon einmal der theoretische Reiseplan ab (unter Berücksichtigung der Wettervorhersage), was bestimmt eine nette Einstimmung ist; wenn man sich dafür vorher einen Tag frei nehmen kann. Außerdem schwört sie auf die "Roll-Technik" beim Packen: Statt alles ordentlich zu falten, rollt sie jedes Kleidungsstück wie Sushi zusammen. Da zerknittere fast nichts, sagt sie.

Vielleicht sollte sie das einmal mit Anna dello Russo diskutieren, Fashion Director der japanischen Vogue und so etwas wie die "Queen of Packing". Dello Russo nimmt sich vor jeder Fashion Week wahrscheinlich drei Tage frei, um für jeden Tag mindestens drei verschiedene Kombinationen zusammenzustellen – sie glaube nämlich nicht an "repeating Outfits". Einmal getragen, ist der Look verbraucht. Man hat ja auch eine Verantwortung den Bloggern gegenüber, die vor jeder Show die Moderedakteure fotografieren. Ihr Übergepäck ist entsprechend berüchtigt, in London braucht sie wahrscheinlich einen Anhänger, in ein Black Cab passt das jedenfalls nie im Leben. Glauben Sie nicht? Dann sehen Sie sich mal dieses Video des New York Magazine mit Dello Russo an. Danach sind keine Fragen offen.

 

Autor:
Silke Wichert