Editors Blog Ich mache keinen Urlaub!

"Was sind Sie von Beruf? Reisejournalist? Wie schön!", höre ich meine Mitmenschen häufig sagen. "Dann sind Sie ja ständig im Urlaub!" Urlaub? Von wegen. Keine Ahnung, woher dieser Irrglaube stammt. "Geht's noch? Es ist Arbeit", möchte ich in solchen Momenten meinem Gesprächspartner in die Hörmuschel schreien. "Und zwar verdammt harte Arbeit, Sie Knalltüte!" Meist schreie ich allerdings nicht, sondern nuschele nur ein leises "Es ist nicht ganz so, wie Sie denken" in meinen Bart.

Tatsächlich ist es langsam an der Zeit, ein paar Dinge klarzustellen.

Richtig ist, dass meine Wenigkeit häufig an schöne Orte fährt. Die Annahme, ich würde mir dort ein paar nette Wochen machen, hat allerdings mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Während der gemeine deutsche Tourist entspannt am frühen Morgen sein Handtuch auf der Liege am Pool drapiert, hetze ich nämlich von 6 Uhr morgens bis in den späten Abend von Ort zu Ort und von Termin zu Termin. Ich lebe aus dem Koffer, der Jetlag ist mein ständiger Gefährte und für ein Frühstück bleibt selten Zeit. Das Mittagessen fällt grundsätzlich aus. Dafür bleibt mir in den meisten Fällen immer nur der schnelle Besuch einer Tankstelle. Gesund ist das wohl nicht. Und manchmal kann es einem dabei auch schnell recht mulmig werden.

Denn komischerweise lande ich bei meinen Reisen in den USA als Ortsfremder immer an den "falschen" Tankstellen zur Nahrungsaufnahme. Spätestens wenn man dort den Crack-Süchtigen die Tür aufhält und die hiesigen Gangmitglieder freundlich grüßt, fragt man sich, ob das wirklich so eine gute Idee ist, mit einem Bündel Geldscheine herumzuwedeln, während man das labbrige Sandwich bezahlt.

Ab und zu werde ich zum Glück zum Abendessen eingeladen. Meist in einem schicken Hotelrestaurant. Klingt eigentlich ganz gut. Hat nur leider häufig den Nachteil, dass man während der ersten warmen Mahlzeit des Tages von einem PR-Manager bearbeitet wird, der einem die ganze Zeit einen Bären aufbinden möchte. In den wenigsten Fällen ist dies besonders unterhaltsam. Es fühlt sich so an, als würde man zwei Stunden lang auf voller Lautstärke die Werbung im Fernsehen schauen - nur ohne Mainzelmännchen.

Zu einem echten Alptraum mutieren meine Trips übrigens immer dann, wenn die Fluggesellschaften mal wieder mein Gepäck verlieren. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich zu einem Interview in einem edlen Restaurant im verschwitzten T-Shirt und Turnschuhen erscheine. Die Aufmerksamkeit des Gesprächpartners ist einem so zumindest gewiss.

Die Unterstellung, ich würde auf meinen Reisen nur wunderschöne Dinge unternehmen, ist pure Fantasie. In Tahiti verbrachte ich knapp eine Woche in einem kleinen Fischerboot, das in einem Affenzahn ohne Rücksicht auf Verluste über das stürmische Meer brauste. Stundenlang hielt ich mich panisch an Deck fest, wurde von den Wellen geküsst und lebte in der Angst, jeden Moment über Bord zu gehen. Fast die gleiche Tortur wurde mir einmal in Dublin zugemutet. Da dauerte die Qual allerdings nur zwei Stunden. Dafür musste ich in der irischen Hauptstadt morgens um 8 Uhr ein Whiskeytasting über mich ergehen lassen, das kein gutes Ende nahm.

In Dubai stand ich um 4 Uhr in der Früh auf, um danach bei fast unmenschlichen Temperaturen fünf Stunden auf dem hiesigen Fischmarkt zu verbringen. Die Gerüche dieses Ausflugs begleiten mich noch heute. Und in Arizona brauste ich im T-Shirt auf dem Rücksitz einer Harley-Davidson durch ein fieses Gewitter. Stellen Sie sich so ihren Urlaub vor? Ich für meinen Teil habe andere Interessen.

Irgendein Wahnsinniger hielt es mal für wichtig, dass ich mit Haien und Stachelrochen schwimme. Kurz nachdem ich in die Fluten gesprungen war und mir der Fremdenführer versichert hatte, dass die schleimigen Rochen "total lieb" sind, wurde der Herr von einem dieser lieben Tierchen auf das schmerzhafteste in die Hand gebissen. Wunderbar.

Genauso traumhaft war der Moment, als ich eines Abends in meinem Hotel eine Dusche nehmen wollte und dort eine extrem giftige Korallenschlange auf mich wartete. Gegen den Biss des Kriechtiers gibt es übrigens seit 2010 kein Heilmittel mehr. Herzlichen Dank auch. Die Geschichten von den Taranteln, Kakerlaken, Moskitos sowie den Straßenräubern in Rio de Janeiro erspare ich Ihnen jetzt einfach mal.

Das Schlimmste an meinem Job sind übrigens Gruppenreisen mit anderen Reisejournalisten. Ständig ist mindestens einer von diesen verwöhnten Schreiberlingen am Jammern und verlangt nach irgendwelchen Extrawürsten. Dann wünscht man sich tatsächlich, dass derjenige über Bord geht, vom Motorrad fällt oder eine Korallenschlange in der Dusche trifft.

In diesem Sinne: Ich brauche dringend mal Urlaub. Und über den werden Sie garantiert nichts lesen.

Autor:
Denis Krah