Mit Stil Ich bin dann mal WAG

Ich weiß jetzt genau, wie sich Posh, Sylvie und die anderen WAGs während der großen Fußballturniere fühlen müssen. Okay, vielleicht nicht genau, aber zumindest beginne ich zu verstehen, warum sie vor vier Jahren bei der WM in Baden-Baden die halbe Innenstadt leer gekauft haben.

Mein Mann ist zwar kein Nationalspieler, er ist Sportjournalist und berichtet von der WM. Seit Samstag bin auch ich in Südafrika, gewissermaßen als Reporterfrau, was der Jobbeschreibung einer klassischen Spielerfrau nicht unähnlich ist: Während die Männer permanent arbeiten, haben ihre Begleitungen - abgesehen von ein paar leichten organisatorischen und psychologischen Aufgaben - eigentlich nichts zu tun; mein Vorteil ist, ich muss nicht mit irgendwelchen Sarahs und Simones im erweiterten DFB-Tross rumhängen.

Dafür hat aber leider auch kein Verband Tickets für mich organisiert. Wie schon bei der EM in Portugal musste ich mich also auch in Kapstadt wieder mit einem Schild vors Stadion stellen: "Suche Karte" fürs Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien. Mehr Schadenfreude kassiert man wahrscheinlich nur als Immobilienmakler in Hoyerswerda.

Fürs nächste Mal werde ich mir die Beschaffungsstrategie eines Fans aus Los Angeles (die Amerikaner sind die stärkste Besuchergruppe hier, kein Witz) zu eigen machen: Der ließ die Stewardess auf dem Inlandsflug von Johannesburg nach Kapstadt eine Durchsage machen, "seat number 32c is looking for tickets for the quarter final", und bekam daraufhin Karten von südafrikanischen Mitreisenden quasi an den Platz serviert.

Alleine ins Stadion zu gehen, hat übrigens durchaus seine Vorteile, jedenfalls als Frau: Das finden die meisten so "Unlikely!", dass sie einem ständig Bier und Snacks mitbringen. Und sobald sie hören, dass dein Mann ein paar Reihen weiter oben auf der Pressetribüne sitzt, sind sie so begeistert, da fühlt man sich tatsächlich ein bisschen wie eine Spielerfrau. Fußballer, Fußballreporter - das kommt bei den meisten Fans fast aufs selbe heraus, Hauptsache man kann sich hauptberuflich mit den Übersteigern von Lionel Messi beschäftigen.

Die spielfreien Tage verbringt die Begleitung derweil vor allem mit Organisatorischem und Freizeitgestaltung. Irgendeine Pressekonferenz oder Trainingseinheit, über die berichtet werden muss, ist immer, da bleibt genug Zeit für Helikopterflüge über den Tafelberg, Strandspaziergänge, Recherche der schnellsten Routen zum Stadion, Restaurantbuchungen und natürlich: einkaufen.

In dieser Hinsicht bin ich mit Kapstadt und Durban natürlich besser dran als die WAGs 2006 in Baden-Baden. Allerdings habe ich mich, weil es zwischen Fußballern und Fußballreportern dann ja doch noch einen kleinen Unterschied gibt, aufs Ticketshoppen beschränkt. Bilanz bislang: ein Viertelfinale, beide Halbfinals. Sollte noch jemand ein Ticket fürs Finale abzugeben haben - bitte einfach melden.

Zum Abschluss möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bei jenen englischen Fans bedanken, die nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft das fantastische Zimmer im B&B in Camps Bay freigemacht haben: Ihr habt die perfekte Aussicht aufs Meer und das beste Full English Breakfast verpasst. Aber die Pelmeni mit Hering übernächstes Jahr in der Ukraine sind bestimmt auch sehr gut. Vorausgesetzt eure Mannschaft qualifiziert sich, natürlich.

Autor:
Silke Wichert