Huahine Hawaiki Nui Va'a: Das härteste Rennen der Welt

Wer ein einigermaßen seetaugliches Boot in Französisch-Polynesien sein Eigen nennt, der befindet sich an diesem frühen Morgen vor dem verschlafenen Eiland Huahine. Normalerweise dümpeln hier nur ein paar Fischerboote, heute ist allerdings fast kein freier Liegeplatz zu finden. Im Minutentakt treffen neue Luxusyachten, riesige Katamarane und kleine Kähne ein. Die Schiffe sind voller Menschen und doch herrscht gebannte Stille. Sie alle warten auf den Start des Hawaiki Nui Va'a: das wichtigste Sportevent Polynesiens und wahrscheinlich härteste Bootsrennen der Welt.

Drei Tage lang dreht sich im Inselreich alles um die Va'as, große Auslegerkanus mit jeweils sechs Mann Besatzung. Insgesamt 129 Kilometer in drei Etappen gilt es beim Hawaiki Nui Va'a zu bewältigen. Der Kurs führt über die offene See von Huahine über die Inseln Raiatea und Taha'a nach Bora Bora. Es ist ein schier unmenschlicher Paddelmarathon unter der gleißenden Sonne der Südsee.

In diesem Jahr nehmen 86 Teams am Hauptrennen teil. Dicht an dicht reihen sich die Kanus vor der Küste Huahines auf. Auch hier ist bis auf das Plätschern der Wellen und die Motoren der Begleitboote nichts zu hören. Doch sobald das Startsignal gegeben wird, bricht die Hölle los. 516 Paddel reißen das Meer auf, die Va'as setzen sich explosionsartig in Bewegung. Topteams bringen es auf Durchschnittsgeschwindigkeiten von 17 Stundenkilometern. Für den Start legen sie immer noch eine Schippe drauf.

Das Hawaiki Nui Va'a ist ein gigantisches Volksfest. Schon Wochen vor dem Rennen sind die Flüge von Tahiti und den anderen Inseln nach Huahine restlos ausgebucht. Gleiches gilt für die wenigen Hotels auf dem Eiland. Jeder möchte mit dabei sein, wenn die Va'as in See stechen. Und der Menschentross zieht von Insel zu Insel bis zum großen Finale auf Bora Bora.

Wie der FC Barcelona und Real Madrid

Am Tag vor dem ersten Rennen wird in Fare auf Huaheni eine große Eröffnungszeremonie gefeiert. Die Va'as werden gesegnet und der Präsident von Französisch-Polynesien hält eine launige Rede während alle schon dem eigentlichen Höhepunkt des Nachmittags entgegen fiebern: dem großen Festessen. An langen Tischen warten sehr nette, mit Blumenkränzen geschmückte polynesische Damen jeden Alters. Diese verteilen gratis Kokosnüsse und hausgemachte Spezialitäten an Athleten, Würdenträger und jeden, der irgendwie hungrig aussieht. Eine wirklich sympathische und unaufgeregte Veranstaltung. Insbesondere wenn man bedenkt, dass das Hawaiki Nui Va'a von der nationalen Bedeutung nur mit einer Fußball-Weltmeisterschaft in Europa oder dem US-amerikanischen Superbowl zu vergleichen ist. Dabei gibt es das Bootsrennen in dieser Form erst seit 1992.

Verbissener geht es auf dem Pazifik zu. Hier kämpfen die Teams nicht mehr nur um die Ehre, sondern auch um viel Geld. Längst sind die besten Paddler Polynesiens Vollprofis in ihrem Sport. Potente Sponsoren machen es möglich. So dominieren seit Jahren die Teams des Ölmultis Shell, des hiesigen Postunternehmens OPT und den tahitianischen Elektrizitätswerken EDT die Va'a-Rennen. Die Gehälter ihrer Athleten gehören zu den größten Geheimnissen des Inselreichs.

Die Teams von Shell und OPT verhalten sich zueinander wie der FC Barcelona und Real Madrid. Es herrscht ein gnadenloser Wettbewerb und der Konkurrenzkampf der beiden Mannschaften spaltet seit Jahren die Fans. Vier Jahre in Folge gewann Shell das Hawaiki Nui Va'a, fünfmal hintereinander feierten die Paddler mit dem gelben Boot den Sieg beim prestigeträchtigen Moloka'i Hoe vor Hawaii. OPT hatte immer das Nachsehen.

In diesem Jahr soll alles anders werden. OPT hat aufgerüstet und einen neuen Trainer von einem kleineren Team abgeworben. Auch hier soll viel Geld im Spiel gewesen sein. Schon im ersten Rennen von Huahine nach Raiatea scheint die Rechnung aufzugehen. Das Auslegerkanu von OPT überholt nach wenigen Kilometern Shell Va'a und setzt sich an die Spitze. Als das Team des Konkurrenten außer Sichtweite ist, wähnen viele der Zuschauer das OPT-Boot als Sieger. Weit gefehlt: Über die Ziellinie fährt für alle Beteiligten überraschend als erstes das Shell-Kanu und stellt mit drei Stunden und elf Minuten eine neue Rekordzeit für die 45 Kilometer lange Strecke auf. Ein taktische Meisterleistung, denn statt wie das OPT-Team den direkten Weg durch die aufgewühlte See nach Raiatea zu wählen, entschied sich Shell für einen kleinen Umweg und steuerte so durch ruhigere Gewässer.

Das verrückte Boot aus Deutschland

Reine Muskelkraft statt Taktik ist allerdings am zweiten Tag des Rennens gefragt. Die "nur" 26 Kilometer lange Sprintstrecke von Raiatea nach Taha'a steht auf dem Programm. Auf dieser Etappe nimmt das Zuschauerinteresse traditionell noch einmal zu. Während die Kanuten nur wenige Meter von der Küste entfernt paddeln, folgen ihn auf der einen Seite Autos und auf der anderen unzählige Boote. Auch hier liefern sich OPT und Shell über Minuten ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Zuschauer zu Lande und zu Wasser feuern ihre Favoriten lautstark an. Nach einer Stunde und 53 Minuten steht der Sieger fest: OPT. Die erste Überraschung des Hawaiki Nui Va'a ist perfekt.

Und so muss die dritte Etappe am folgenden Tag für die Entscheidung sorgen. Es ist die härteste Strecke. 59 Kilometer sind es nach Bora Bora und die See ist alles andere als ruhig. Ständig müssen die Teams das Wasser aus ihren Kanus schöpfen, vielen Paddlern sind die Anstrengungen der beiden vorherigen Etappen anzusehen. Doch tatsächlich gibt nur ein Boot vorzeitig auf. 2009 nahm auch ein deutsches Team am Hawaiki Nui Va'a teil. Noch heute spricht man anerkennend von dem verrückten Team "Fischermichel", das tatsächlich das gesamte Rennen überstand und auf dem vorletzten Platz landete.

In der Lagune von Bora Bora treffen inzwischen die ersten Zuschauerschiffe ein. Jeder will dabei sein, wenn der diesjährige Sieger gekürt wird. Im hüfthohen türkisgrünen Wasser wird schon gefeiert, bevor die Kanus in Sicht sind. Als vorbeugende Maßnahme hat der Bürgermeister der Insel heute den Alkoholausschank in den Bars verboten. Den meisten Leuten ist das egal. Sie haben genug geistige Getränke in den Kühlboxen ihrer Boote.

Als die Va''as am Horizont erscheinen, erreicht die ausgelassene Stimmung ihren Höhepunkt. OPT gewinnt. Auf Platz Drei landet Shell. Innerhalb von eineinhalb Stunden erreicht der Rest des Teilnehmerfeldes das rettende Ufer. Manch einem bluten die Hände, andere kämpfen mit der totalen Erschöpfung. Und doch lassen sie sich geduldig von einheimischen Frauen mit Blumenkränzen schmücken, nehmen Glückwünsche entgegen und trinken erst einmal eine Cola. Sie haben jetzt ein ganzes Jahr Zeit, sich zu erholen. Beim nächsten Hawaiki Nui Va'a wird weiter gepaddelt.

Autor:
Denis Krah