Mit Stil Geheimnisvolles Grand Hotel

Ich lese gerade "Lutetias Geheimnisse" von Pierre Assouline. Ein gutes Buch, aber ich hätte besser nie damit anfangen sollen. In einer Unterkunft wie Motel One oder Novotel werde ich nicht mehr absteigen können, ausgeschlossen. Lutetia im Text von Assouline ist nämlich keine Person, sondern ein sehr reales Pariser Grand Hotel, mehr großer Gesellschaftssalon als Luxusherberge, so wie es damals, in den 1930er Jahren, noch üblich war.

Das Hotel findet sich am Boulevard Raspail, gegenüber dem Kaufhaus Bon Marché, und feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen; zum Jubiläum gibt es (ab einem Aufenthalt von drei Nächten) einen Verzehr-Gutschein im Wert von 100 Euro, etwa für die Brasserie Lutetia, die ich nach Lektüre von Seite 123 des Romans unbedingt empfehlen würde.

Obwohl ich selbst leider noch nie dort war, fühle ich mich inzwischen wie ein Stammgast. Denn seit Tagen folge ich Hoteldetektiv Édouard Kiefer fast jede Nacht über den Schachbrettfußboden in der Eingangslobby, sitze im Restaurant mit den gemalten Weinranken an der Decke oder fahre mit dem Liftboy, der noch jedes Stockwerk per Hand abpassen muss.

Assoulines Roman spielt zu Zeiten der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, als das Lutetia Hauptsitz der deutschen Abwehr wird. Kiefer spioniert fortan also vor allem diese neuen Gäste aus und legt kleine Karteikärtchen über sie an . Außerdem treten von Willy Brandt über Thomas Mann bis James Joyce jede Menge alte Bekannte auf, was historisch natürlich extrem wertvoll ist. Trotzdem hätten mich die echten Hotel-Geheimnisse noch ein bisschen mehr interessiert.

Am Anfang des Buches erwischt Kiefer beispielsweise "den jungen d'Estaces" - den seine Eltern aus erzieherischen Gründen aus ihrer Suite in die Holzklasse abgeschoben haben - wie er aus Langeweile die Stiefelpaare vertauscht, die nachts zum Polieren vor die Zimmertüren gestellt werden. Rührender 20.-Jahrhundert-Streich. Ich wüsste gern, was die verzogenen Oligarchen-Gören, die kürzlich im Berliner Adlon vier Adlon-Club-Sandwiches zu je 24 Euro bestellten, um einmal davon abzubeißen, heutzutage so für Unsinn anstellen; wahrscheinlich sollte man den Hotel-Pool besser meiden.

Außerdem frage ich mich, welche Menschen im Brown's, diesem großartigen Hotel in London, 500 Euro und mehr für eine Nacht bezahlen, um sich dann morgens die "Daily Mail" vor die Tür legen zu lassen. Oder wer mehr Duschhauben, Handtücher und hübsche Fönbeutel mitgehen lässt: die, die auf Firmenkosten übernachten, oder die wirklich Reichen? Und ich bin natürlich sehr neugierig was heute in der elektronischen Kundenkartei (vulgo: Vorratsdatenspeicherung), die die Kärtchen von Édouard Kiefer abgelöst haben dürfte, über die Gäste so alles vermerkt ist.

Bei mir stünde wahrscheinlich: reist mit Wärmflasche. (Magenprobleme?) Kapiert die Klimaanlage nicht. (Frau.) Bestellt drei Wake-up-Calls. (Schlaftabletten?) Verbraucht eine Packung Conditioner und Lotion pro Tag (Verschwendungssucht!) Liest die "Times". (Konservativ.) Isst aus der Minibar nur die Cashewkerne (Anweisung der Direktion: Beim nächsten Besuch doppelte Portion bereit stellen. Oder geschickt einen Hinweis platzieren: Fettanteil Nüsse 50 Prozent - wir empfehlen unsere frisch zubereiteten Salate via Zimmerservice!)

Autor:
Silke Wichert