Sport im Urlaub Gefesselt am Laternenpfahl

Mir ist vollkommen klar, dass jeder den Zustand "Urlaub" anders definiert. Dafür musste ich nur einmal mit 17 zum Pauschaltourismus nach Kusadasi in die Türkei fahren. Seitdem weiß ich, welche Anziehungskraft ein "Infinity"-Buffet auf manche Menschen ausüben kann und dass Indiana-Jones-Spielautomaten nie ganz aus der Mode kommen werden. Für andere bedeutet Urlaub hingegen eher viel gute Luft, viel Bewegung, reichlich Kohlenhydrate, dazwischen echt gute Gespräche. Also ungefähr das, was auch im Trainingslager des FC Bayern München so abgeht, nur dass die Teilnehmer da noch dafür bezahlt werden.

Ein Freund von mir kam gerade von zwei Wochen Teneriffa zurück und schwärmte von diesem fantastischen Fitnessbereich im Hotel, den sie täglich genutzt hätten. Manchmal sogar zweimal. Außerdem müssten wir unbedingt mal Kite-Surfen ausprobieren, da könne man sich so wahnsinnig gut "auspowern" im Urlaub. Ich dachte an den netten Spanier, der damals direkt vor unserer Nase von seinem Kite mehrfach durch den Sand gezogen wurde, und nickte zustimmend.

Nicht, dass ich das mit dem Sport auf Reisen nicht auch schon versucht hätte. Ich habe früher ständig Tennis- oder Joggingsachen im Koffer mitgeschleppt, um sie entweder unbenutzt wieder mit nach Hause zu nehmen oder dem restlichen Gepäck eine leicht verschwitzte Gesamtnote zu verleihen. Ich war morgens um 6 Uhr, als ich das einzige Mal wirklich schlimmen Jetlag hatte, im angesagten "Runyon Canyon" oberhalb des Sunset Boulevards in Los Angeles laufen. Und ich war nicht allein! Allerdings lief ich als einzige ohne Pulsmesser und Wasserflasche, was mich schnell als "Work-out-Tourist" outete und das erhoffte Gemeinschaftsgefühl empfindlich störte. Ähnlich war es bei der Yogastunde in Venice Beach, zu der ich mich nach drei Tagen intensiven Abwägens durchgerungen hatte, um "drin" zu bleiben. Dummerweise verstand ich auf Englisch nur die Hälfte der Anweisungen und holte mir beim angestrengten nach rechts und links Gucken statt Tiefenentspannung einen steifen Hals.

In Amerika immerhin ist es gesellschaftlich vollkommen akzeptiert, nach dem Workout in Sportklamotten zurück zum Hotel zu gehen oder verschwitzt in der Lobby zu plaudern. Das macht Schauspielerin Julianne Moore auch so, die selbst bei einem Tagesaufenthalt im Sunset Tower Hotel mindestens einmal joggen geht. In England hingegen, als ich einmal in Boxershorts, Chucks und durchgeschwitztem T-Shirt aus dem Hyde Park ins Hotel zurückkehrte, weil ich aus Platzgründen ausnahmsweise keine Joggingklamotten mitgenommen hatte, und im Lift in den schweren Teppich tropfte, schienen die anderen Gäste von meiner so unmittelbaren Leibesertüchtigung derart peinlich berührt, dass ich mir schwor, so etwas nie wieder zu versuchen. In England schwitzen offensichtlich nur Wayne Rooneys in aller Öffentlichkeit; aber die lassen sich ja auch mit Ansage Haarimplantate einpflanzen.

Irgendwie hat dieser Bewegungsdrang auf Reisen ja auch etwas latent Unentspanntes. Mein Cousin redet, wenn er zu Besuch in Berlin ist, ständig etwas von drohendem "Leistungsabfall", geht im Endeffekt aber doch kein einziges Mal in das Rennrondell am Jahnsportpark, weil das nicht seinen "gewohnten Trainingsbedingungen" entspricht. Genau für solche Reisenden hat sich die Sportartikelfirma Puma wahrscheinlich damals dieses Konzept mit dem schönen Namen "Train Away" ausgedacht. Eine Art geführte Audio-Jogging-Tour für den iPod, damit man auch in fremden Städten weiß, wo man lang laufen kann. Bei der Berlin-Tour hechelten damals Schauspielerin Jessica Schwarz und der ehemalige Leichtathlet Norbert Dobeleit aus dem Off mit und erklärten nebenbei sogar noch Sehenswürdigkeiten auf der Strecke.

Klingt absurd, kann aber unter Umständen ganz hilfreich sein: Eine Kollegin wollte bei einer Pressereise in Paris auch nur mal kurz walken gehen, verlief sich jedoch derart, dass sie im Endeffekt mit der Metro zurück zum Hotel fahren musste und ihren Interview-Termin mit diesem damals unglaublich angesagten Schauspieler für die Titelgeschichte verpasste. Ihre Redaktion glaubt angeblich bis heute, dass sie im Quartier Latin von einem maskierten Mann überfallen, ausgeraubt und an einen Laternenpfahl gefesselt wurde. Danach brauchte sie natürlich erst einmal dringend Urlaub.

Autor:
Silke Wichert