Fast Lane Galavorstellung am Gepäckband

Schade, dass alle wichtigen Film-Trophäen in diesem Jahr bereits verliehen wurden, denn als ich kürzlich meinen heiß geliebten Flughafen Heathrow durchquerte, erlebte ich eine herausragende Darbietung. Ich hatte dabei nicht nur das Glück, eine Vorstellung am frühen Abend zu erwischen (also bevor das Ensemble erste Ermüdungserscheinungen zeigt), sondern konnte mir auch noch einen Platz in der ersten Reihe sichern.

Das Stück spielte in der - witzigerweise als "Fast Track" bezeichneten - Schlange vor der Sicherheitskontrolle an einem der größten Flughäfen in ganz Europa: Ein Großteil des Chores (die Passagiere) steht schnaufend und keuchend herum, während diverse Lampen aufleuchten, und man sieht, wie das Sicherheitspersonal graue Plastikkisten von einem Kontrollband zum nächsten trägt. Sie marschieren hin und her - einen Moment lang fühlt man sich an die Erbauer der Pyramiden von Gizeh erinnert, aber dann merkt man, dass nur vier Personen beteiligt sind. Sie heißen Kelly, Shelly, Terry und Saboor (das sind ihre Künstlernamen).

Shelly schreit: "Könn' Sie alle mal zu 'nem anderen Band rübergehen, das hier is' kaputt!" Terry schreit: "Wir müssen all Ihr Zeug zu dem anderen Band bringen, also haben Sie Geduld, bis wir die Prozedur hinter uns gebracht haben!" Saboor schreit: "Das is schon das fünfte Mal, dass die Maschine zusammenbricht!" Kelly schreit: "Shelly, willst du in die Pause gehen? Du bist hier schon zu lang dabei, Schatz, ich glaube, du musst dich mal ausruhen." Shelly schreit: "Nee, ich bin okay. Lass den Kram hier einfach noch erledigen, dann sind wir für heute durch."

Plötzlich ertönt ein lauter Schrei, alle zucken zusammen. Der Scheinwerfer schwenkt auf den sich krümmenden und halblaut vor sich hinfluchenden Terry. Die Zuschauer recken die Hälse und stellen sich auf Zehenspitzen, um herauszufinden, was passiert ist. Es ist jedoch kein Blut zu sehen, auch keine Knochen, die in irgendwie ungewöhnlichen Winkeln hervorstünden. Shelly, Kelly und Saboor kommen zu Hilfe geeilt und der Chor der anderen Mitarbeiter der Sicherheitskontrolle übt sich in möglichst verstörten Gesichtsausdrücken. Shelly ist als Erste an Ort und Stelle. Sie erklärt den anderen: "Das sieht schlimm aus." Mir bleibt allerdings schleierhaft, auf welcher Grundlage sie diese Erkenntnis gewinnt, obwohl ich das Ganze ja aus nächster Nähe verfolgen kann.

Obwohl die Aufregung vermuten ließe, dass Terry mindestens mehrere Finger und sein linkes Auge verloren hat sowie eine große Dosis radioaktiver Strahlung von einer der Durchleuchtungsmaschinen abgekriegt hat, ist er in Wirklichkeit einfach nur mit seinem Ellenbogen an das Plexiglas gestoßen und dabei wurde im schlimmsten Fall sein Musikantenknochen gereizt.

Während die anderen Passagiere das Drama langsam begreifen, schlägt Kelly vor, dass Terry doch einen Moment pausieren solle, um die Verletzung auszukurieren - und da fängt Terry plötzlich an zu strahlen. Er ist derart begeistert von diesem Angebot, dass er sofort mit einem Kollegen, der auf die Röntgen-Monitore starrt, abklatscht. Doch dann erinnert sich Terry plötzlich daran, dass er ja noch auf der Bühne steht und fällt zurück in seine Rolle, in dem er seinen Ellenbogen intensiv massiert und, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen, zur Sicherheit auch noch ein bisschen zu humpeln anfängt.

Das Sicherheitspersonal weigert sich, gelegentlich zu lächeln


Ich habe mich schon oft gefragt, warum Heathrow so katastrophal geführt ist (vergleichbar nur noch mit Frankfurt sowie jedem Flughafen in den USA). Aber diese kleine Vorstellung erklärt eigentlich alles. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass die meisten dort angestellten Leute ihre Kunden offenbar verachten, haben sie auch für ihr Management nichts als Geringschätzung übrig und suchen nach jeder Gelegenheit, um den ihnen zugewiesenen Posten verlassen zu dürfen. Ich weiß ja, dass einige von Ihnen jetzt Mitleid mit den armen Menschen haben, die dafür sorgen sollen, unseren Luftraum sicher zu machen. Aber ich wage zu behaupten, dass Sie dann nicht verstanden haben, um was es geht. Der Punkt ist, dass diese Leute für die Sicherheitskontrolle angestellt wurden und es nun Aufgabe ihrer Vorgesetzten ist, für ein Umfeld zu sorgen, in dem sie stolz auf ihre Arbeit sein können.

Wäre es nicht klüger, ein System einzuführen, in dem Menschen eingestellt werden, die Karriere im Sicherheitsdienst machen wollen, und das von einer an eine Strafverfolgungsbehörde angeschlossenen Abteilung betrieben wird?

Natürlich wäre diese Art von Konzept nicht auf Flughafenkontrollpersonal, Unternehmensleiter und Gewerkschaften begrenzt. An vielen Ecken im Servicebereich der USA (gleiches trifft auf Europa, Australien und Kanada zu) wird unter der Last von Arbeitsbedingungen gestöhnt, die so absurd sind, dass man sich fragt, warum das Ganze nicht längst von selbst zusammengekracht ist.

Als sich vor kurzem einige Chefs von Fluggesellschaften in den USA trafen, kam heraus, dass die katastrophale Lage im Reisebereich es auch Marken-Unternehmen unmöglich macht, ein Mindestniveau im Service-Bereich zu garantieren, da die Arbeitgeber nicht mal mehr einfachste Business-Grundsätze durchsetzen können. Nicht nur, dass das Sicherheitspersonal sich weigert, Taschen hochzuheben oder sich ein gelegentliches Lächeln abzuringen, inzwischen ist es so weit, dass sie ihre Arbeitskleidung nach Lust und Laune zusammenstellen können, da alles andere ihre Selbstachtung und ihre Meinungsfreiheit beeinträchtigen würde; sie können sogar nach Schönheitsoperationen mit Verbänden auftauchen, da dies ein Symbol für den Wunsch nach individueller Verbesserung ist; und sie dürfen sich während ihrer Arbeit über die Passagiere/Gäste/Kunden beklagen, weil sie ein Recht darauf haben, sich offen zu äußern.

Man muss sich fragen, was diese Entwicklung für die kundenbezogenen Reisemarken in Amerika und Europa bedeutet, während asiatische Unternehmen weiterhin Flugzeuge oder Immobilien erwerben und weit über ihren lokalen Markt hinaus expandieren. Mehr davon in der nächsten Woche.

Autor:
Tyler Brûlé