Mit Stil Friedhof der Reiseadapter

In meiner Wohnung steht ein alter Bauernschrank mit zwei Schubladen, die sicherlich einmal für etwas ganz anderes gedacht waren, aber bei mir folgende Schätze enthalten: acht Steckdosen-Adapter für die USA, sechs für Großbritannien, zwei für Südafrika, mehrere von diesen bescheuerten Reisekissen, die meinen Hals irgendwie doch nie stützen, ein Dutzend Gletscherbrillen (günstigste Kategorie, was der Ski-Service an der Gondelstation halt so im Angebot hat), diverse SIM-Karten für Mobiltelefone. Der Schrank ist mein ganz privater Reiseutensilien-Friedhof.

Meine Mutter hat früher, wenn wir in den Urlaub fuhren, immer einen Einpack-Zettel geschrieben. Bei einem Vier-Personenhaushalt, der ohne so überlebenswichtige Dinge wie Puppen-Badewannen nicht verreisen konnte, finde ich das absolut einleuchtend, für mich alleine erscheint das aber irgendwie übertrieben. Es würde mich zwar auch davor bewahren, ständig einen neuen Stadtplan von Mailand kaufen zu müssen (zum Schnäppchenpreis von 8 Euro an der Station "Cadorna", wo der Malpensa Express endet) oder die hauseigene Wechselstube mit noch mehr Slotty anzureichern, aber manche Dinge sind wohl so praktisch, dass man sie aus Prinzip nicht machen will.

Bücher, Wechselohrringe oder mein Seidencarré habe ich noch nie zu Hause vergessen, dafür fehlen am Ende immer die Dinge, die mir offensichtlich zu banal erscheinen, um mich überhaupt damit zu beschäftigen: Badelatschen, Sonnencreme, Schlaf-T-Shirt, Zahnbürste, Zahnpasta. Letztere lassen allerdings so ziemlich alle Menschen, mit denen ich jemals verreist bin, freiwillig zurück. Altes WG-Denken: die Grundausstattung wird aus Rücksicht auf die Mitbewohner nicht angetastet. Heute sind das dann eben die daheimgebliebenen Ehe-Partner, die zwar sehr viel einfacher an eine neue Tube kämen, als man selbst, der an einem Sonntag auf einer Allgäuer Berghütte sitzt, aber sei's drum.

Immerhin lernt man so ausgesprochen schnell die Infrastruktur eines Ortes kennen. Halb Kapstadt hat während der Fußball-WM am Wettbewerb: "Wer führt ein Universalaufladekabel für diese Digitalkamera?" teilgenommen. Und in Hotels lässt sich an den Reaktionen nach Zahnpasta- oder Adapter-Emergency-Calls ausgesprochen gut ablesen, wie freundlich der Service ist. In einer kleinen Pension auf Capri ist der Sohn des Hauses noch nachts zu den Verwandten gelaufen, um wenig später mit einer Tasse voll Zahnpasta zurückzukommen, in einem 5-Sterne-Hotel in Istanbul durfte ich hingegen die teuerste Zahnbürste meines Lebens für umgerechnet 10 Euro erwerben - das klassische Steck-Plastikmodell, versteht sich.

Natürlich könnte ich es auch mal mit diesen praktischen Mini-Reisesets versuchen, die es in der Drogerie immer vorn an der Kasse gibt. Allerdings weiß ich nicht, auf wen das Sortiment in diesen kleinen Beutelchen abgestimmt ist, auf mich jedenfalls nicht. Auf die andere gängige Lösung - in guten Hotels die Auslage abräumen und für die nächsten Reisen horten - bin ich übrigens auch schon gekommen. Wer will, kann gern mal einen Blick auf unser Badezimmer-Regal werfen und die Armada kleiner Shampoo- und Bodylotion-Fläschchen bewundern, die halbvoll auf ihren Einsatz warten. Bis jetzt leider vergeblich.

Autor:
Silke Wichert