Fast Lane Faule Bande

In etwas weniger als einem Monat ist offizieller Start der "Zieh doch mal Bilanz"-Zeit. Dann beginnt die nördliche Halbkugel über den Sommer die Rollladen zu schließen und Familien von Helsinki bis Stavanger begeben sich auf den Weg zu ihren Zweitwohnsitzen. Kurz darauf wird Großbritannien runter gefahren, dann Teile der USA und im August folgt schließlich der Massenexodus vom Arbeitsplatz quer durch Frankreich, Italien und Spanien.

Viele verlassen zwar ihren Schreibtisch, bleiben der Arbeitswelt aber unverändert verbunden, indem sie ihre Smartphones griffbereit halten. Andere wiederum entscheiden sich für automatisierte "Out Of Office"-E-Mails, die verkünden, dass man sich im Jahresurlaub befindet und seine Mails erst nach Rückkehr checken wird. Letzteres fasziniert (besorgt) mich, weil ich mich frage, inwieweit sich solche Leute wirklich für ihren Job interessieren - und wie ihre Eingangsordner aussehen müssen, wenn sie sich nicht auf dem Laufenden darüber halten, was in der Welt der Erwerbstätigen so passiert.

Wenn eine E-Mail wie "Ich befinde mich auf einer Geschäftsreise nach New York (oder Rom, Taipeh, São Paulo…) und habe nur begrenzten Zugang zu meinen E-Mails" zurückkommt, ergeben sich daraus normalerweise folgende Fragen: Ist dieser Mensch vielleicht bei einer Firma angestellt, die sich keine BlackBerrys oder iPhones leisten kann? Kann diese Person ihre Zeit außerhalb des Büros nicht richtig einteilen? Oder ist da jemand einfach weggefahren und macht sich einen Spaß auf Kosten meiner Firma? Sollten solche Leute nicht bei den Stadtwerken arbeiten und 60 Meter unter den Straßen von New York Abwässerkanäle reinigen müssen, dort, wo es keinen Handy- oder Wifi-Empfang gibt, begreife ich nicht, worauf solche Botschaften abzielen.

Fürs Protokoll: Ich bin durchaus ein Freund von Freizeit, entspannter Arbeitseinstellung und dem Bedürfnis, einfach mal alles auszuschalten, wo und wann immer es angemessen ist. Aber mir ist auch klar, wie wichtig es ist, dass Leute, die einen verantwortungsvollen Posten innehaben, ansprechbar sind, da die Lebensgrundlage vieler anderer davon abhängt, dass sie auf dem neusten Stand und erreichbar sind.

Genau aus diesem Grund finde ich, dass OOORs ("Out Of Office Repliers") aus dem Takt des Fortgangs in der modernen Arbeitswelt geraten sind. Gelegentlich treffe ich mal bewusste Verweigerer, die keine Handys haben und selten E-Mails nutzen. Ich respektiere ihre Entscheidung, sich in einer weniger vernetzten Welt zu bewegen. Sie haben beschlossen, dass sie off-line leben möchten, und wenn man sie erreichen muss, gelingt dies nur am anderen Ende eines Festnetzanschlusses oder um eine festgelegte Uhrzeit in einem Café. OOORs hingegen werden (meist durch ihren Arbeitsgeber) technisch perfekt ausgerüstet und nutzen ihre Autoreply-Antworten als passiv-aggressive Abfertigung, ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren - nicht so sehr von der Technologie, sondern von jeglicher Verantwortung.

In nicht allzu ferner Zukunft erwarte ich, dass eine international angesehene medizinische Fachzeitschrift - vielleicht "The Lancet" oder die "Harvard Medical Review" - eine Studie zum Thema "Gesundheitswesen und Arbeitsplatz" veröffentlicht, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem übermäßigen Gebrauch von "Out Of Office"-Antworten und einer Vorliebe für das Tragen von Jogginghosen herstellt.

Der Artikel wird beweisen, dass Leute, die gerne ausführliche "Out Of Office"-Antworten versenden, nicht nur ihren Job hassen, sondern auch dazu tendieren, weniger unternehmerisch zu denken, schlechte Team-Player zu sein und - in vielen Fällen - einfach faul sind. Gleichzeitig wird der Beitrag auch aufdecken, dass OOORs eine Einheitsgarderobe aus elastischen Stretch-Hosen bevorzugen (das international gültige Fast Lane-Symbol für Menschen, die am Leben verzweifeln), und dass diese Garderobe in der Regel eng verbunden ist mit einem ungesunden Appetit auf Fernsehen tagsüber, Kekspackungen essen und - schlussendlich - Arbeitslosigkeit.

Zum Glück endet die Studie auf ihrem Höhepunkt mit dem Vorschlag, dass OOORs in ihrem Urlaub darüber nachdenken sollten, was sie wirklich mit ihrem Leben anstellen wollen. Ein Zusammenschluss von Kliniken, der während der Hauptreisezeiten in Hotels und Resorts tagt, könnte den OOORs dabei helfen, ihr Glück auf einem anderen Arbeitsplatz zu finden. Hier die Highlights eines möglichen Sommer-2010-Programms:

Die 5-Punkte-OOOR-Therapie

1. Eigendiagnose und der Weg zu deinem neuen Ich
In diesem Einführungsprogramm lernen die Teilnehmer, an welchen ersten Anzeichen sie erkennen können, dass sie mit ihrem Job unzufrieden sind. Gehen Sie beim kleinsten Husten nach Hause? Lautet die übliche Ansage auf ihrem Anrufbeantworter, dass sie nicht im Büro sind?

2. Warum klinke ich mich aus?
Dies ist ein Einzelgespräch zur Diagnosehilfe, um herauszufinden, warum Leute die OOOR-Funktion einstellen. Erleben Sie einen Gruppenzwang, "out of office" zu sein, weil es alle anderen auch sind? Oder mögen Sie Ihren Job, nutzen OOOR aber als Möglichkeit, Ihrem Chef zu vermitteln, dass Sie unglücklich sind?

3. OOOR oder Kündigung?
Teil drei des Programms stellt die große Frage: Weil ich immer OOOR benutze, will ich wirklich kündigen? Für immer?

4. Die Welt ist ein Gummiband
Diese Session zeigt den Teilnehmern, was passiert, wenn sie nicht als Teil einer Gruppe arbeiten möchten, ihre unternehmerische Seite nicht finden oder morgens nicht aus dem Bett kommen. Achtung: Workshop beinhaltet Ankleide- und Rollenspiel.

5. Ich liebe mich, also liebe ich meinen Job
Eine konstruktive Beratungseinheit, um Urlaubern dabei zu helfen, auf jenem Job zu landen - und ihn zu lieben -, für den sie wirklich geschaffen sind.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé