Fast Lane Einzelhaft erster Klasse

Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass man auf Flugreisen zunehmend vereinsamt - insbesondere im vorderen Teil der Maschine. Ich rede nicht über die gruseligen Stunden, in denen Sie alleine mit ihren Gedanken einen halben Tag bis zur Landung in Los Angeles in der Luft verbringen. Ich beziehe mich auch nicht darauf, dass so manche Fluggesellschaft eine bedenkliche niedrige Auslastung auf einigen Routen hat. Ich spreche von der Isolationshaft in einem perfekten Sitz - aber auch vom allgemeinen Mangel an menschlicher Interaktion, die mit dem beträchtlichen Preis für so einen Platz einhergeht.

Ich bin nicht unbedingt die geschwätzigste Person, die man treffen kann, aber ich bin auch kein Einsiedler. Ich werde eher keine Unterhaltung anfangen, nur weil mir keiner der mehr als 300 gezeigten Filme zusagt, aber ich mag die Möglichkeit mit jemandem ein Gespräch zu beginnen, der ein Magazin liest, das mir gefällt, der das gewisse Funkeln in den Augen hat oder der gut für ein paar Lacher ist, nachdem man sich eine halbe Flasche Wein geteilt hat.

Die Flut an Kabinen, Suiten, Kapseln und Liegen, die in den Boeings und Airbussen installiert wurde, um die einzelnen asiatischen Fluglinien voneinander abzugrenzen, hatte eher einen Gleichmacher-Effekt. Egal wie gut diese Neuerung beworben wird oder aus welchen Stoff das Kissen gefertigt wurde - letztendlich werden einem nur verbesserter Schlaf verbunden mit Einzelhaft angeboten.

Unabhängig davon mit welcher Airline Sie fliegen (vorausgesetzt man hat dort in eine moderne Kabinenausstattung investiert) besteht immer eine gute Chance, dass Sie allein sein werden - selbst wenn sie zusammen mit Freunden, Familie oder Kollegen reisen. Das sind großartige Neuigkeiten für all diejenigen, die nicht den ganzen Weg über dem Atlantik das Gequatsche vom Boss im Ohr haben wollen, vom Lebenspartner die Baupläne für die Küchenerweiterung gezeigt bekommen möchten oder vom Kleinkind nebenan beim Gucken des sehnsüchtig erwarteten Blockbusters gestört werden wollen. Es ist nicht so toll, wenn man seinen Boss mag und bis zur Landung auf dem JFK Airport noch eine Präsentation finalisieren muss.

Im vergangenen Jahrzehnt hat die Fluggastforschung Airlines und Design-Firmen dazu gedrängt, so viel Privatsphäre wie möglich anzubieten. Das größte Augenmerk wurde auf den Schlaf der Passagiere gelegt. Die Betten wurden vollkommen flach, verschiebbare Sichtschirme wurden zu soliden Wänden. Die Sitzverteilung wurde so überdacht, dass Passagiere keinen Augenkontakt mit ihren Mitreisenden aufnehmen müssen.

Ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment

Am Anfang war es so aufregend, als British Airways sogenannte Privacy Screens in der Kabine einführte. Oder als Qantas den Innenarchitekten Marc Newson engagierte. Oder als Cathay Pacific ihre wie Fischgräten angeordnete Business Class einbaute und Singapore Airlines ihr fliegendes "Kapselhotel" kreierte. Jetzt allerdings wirkt das Ganze eher wie ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment. Es fühlt sich steif und klaustrophobisch an.

In den kommenden Wochen werden die Hersteller dieser exklusiven Zonen sich in Hamburg zu ihrer jährliche Messe versammeln und ihre jüngsten Designs für die First sowie Business Class zusammen mit dem seltsamen Folterwerkzeug aus dem hinteren Teil des Fliegers vorführen. Während sich die Airlines überlegen wie sie ihre Boeing 787 oder ihre Airbus A380 ausstatten, könnten sie ja mal erwägen, mal ein paar Mauern einzureißen und die Premium-Kabinen ein wenig atmen zu lassen. Wenn das nicht endlich geschieht, dann könnte eine clevere Fluglinie seine Kabinen ein wenig mehr aufteilen als dies zurzeit angeboten wird.

Gehen Sie in die Business Class irgendeiner Boeing 777 und sie finden einen ziemlich abschreckenden Raum vor. Völlig egal wie gemütlich die Kaspseln oder versetzt die Sitze installiert sind, die Kabinen sehen immer wie ein Fußballplatz aus. Und zwar nicht gerade ein erstklassiger. Einige Airlines versuchen mit Lichinstallationen einen Hauch von Stimmung (manchmal auch Drama!) zu kreieren, aber all diese LED hinterlassen doch eher einen recht kränklichen Gesichtsteint bei den Passagieren und das große Ganze sieht entweder bitter kalt oder wie eine schlechte Disko aus.

Vonnöten wäre eigentlich die Möglichkeit, die Möbelstücke im Flieger hin- und herzuschieben. Genauso wie die Passagiere in japanischen Schnellzügen ihre Sitze herumdrehen können, um ihren Mitreisenden ins Gesicht zu blicken, sollte es eine ähnliche Funktion für die Bordbesatzung geben, um vor dem Flug den Bedürfnissen der Gäste gerecht zu werden - und für ein wenig Überraschung an Bord zu sorgen. Wenn es ums Fliegen geht, dann mag wohl viel Komfort im Vertrauten stecken - aber es kommt mit einem tödlichen Spritzer Eintönigkeit.

Eine Kabine, die sich ständig verändert, würde nicht nur die Routine der meisten Vielflieger aufbrechen, sondern auch einer Außenseiter-Airline den dringend benötigten Verkaufs- und Marketingvorteil bescheren. Modeeinkäufer auf großer Einkaufstour würden ein Vierer-Setup wählen und ihre Stunden an Bord damit verbringen, Stoffproben, Bestellungen und Schnittmuster zu tauschen. Sechs Gründern eines Bio-Tech-Startups aus Tel Aviv, unterwegs auf einer 15-Städte-Roadshow, könnten einen ganzen Trakt an den Fenstern beschlagnahmen und ihre Powerpoint-Präsentation bis zur Landung perfektionieren. Und eine Familie könnte sich einen semi-privaten Bereich zusammenbasteln, der es ihr erlaubt, rücksichtsvoll mit anderen Passagieren umzugehen während man gleichzeitig als Einheit zusammenbleibt.

Im kommenden Jahr schon gibt es genug Gelegenheiten für so eine Veränderung über den Wolken. Korean Air startet einen A380 mit den wenigsten Sitzen in der Branche und Boeings 787 wird hoffentlich bei ANA ihren Dienst antreten. Es gibt genug Raum für positive Überraschungen wenn es um Kabinengestaltung und die Möglichkeit geht, eine Umgebung zu schaffen, die menschliche Begegnungen erleichtert.

Autor:
Tyler Brûlé