Fast Lane Eine schwedische Insel wird analog

Vor ein paar Wochen erzählte mir eine gute Freundin aus Toronto, dass sie ihre Kinder gerade im Sommercamp abgesetzt hätte. Fast die ganze Woche sei sie damit beschäftigt gewesen, die Vorräte für deren sechswöchigen Aufenthalt in der Wildnis Nord-Ontarios zusammenzustellen. Nun freue sie sich unglaublich darauf, ihren eigenen Urlaub zu Hause zu genießen. Als sie aufzählte, was sie alles besorgt hatte, was die Kinder dort unternehmen würden, und wie gut das alles organisiert sei, fiel mir wieder auf, wie wichtig Sommer-Camps für Amerikaner sind und welch geringe Rolle sie für Europäer spielen.

Also, fragte ich sie, wie sieht so ein Sommer-Camp im Jahr 2011 eigentlich aus? Sitzt da ein Haufen dicklicher Kinder rum, schickt anderen Sommer-Campern Nachrichten auf ihre iPhones und stopft dabei Schokoladenkuchen in sich rein? "Eigentlich ist es genau so wie damals bei uns", sagte meine Freundin, "genauso streng und absolut vergleichbar mit den späten Siebzigern."

Allerdings hatten wir damals völlig unterschiedliche Camps besucht. Ihres war eine gehobene jüdische Einrichtung mit stark zionistischer Ausrichtung, meines ein estnisches Camp mit leicht revolutionären Tendenzen. Bei ihr wurde Hebräisch unterrichtet, es wurden Lieder auf Jiddisch gesungen, traditionelle Tänze aufgeführt und Informationsveranstaltungen abgehalten, auf denen den Jugendlichen die Freuden des Olivenpflückens, des Traubenpressens und der Reinigung anspruchsvoller Waffensysteme im Kibbutz nahegebracht werden sollten.

In meinem Camp waren estnische Kinder aus ganz Nordamerika untergebracht, die begierig darauf waren, einen kleinen Einblick in das Leben der besetzen Heimat zu bekommen. Wir sangen Volkslieder, bastelten, übten uns in traditionellen Tänzen und verbrachten eine Menge Zeit am Schießstand. Den späten Nachmittag verbrachten wir mit Kajakfahren, Nacktbaden oder den Geschichten aus der ehemaligen Heimat, die von den älteren Mitgliedern der estnischen Gemeinde erzählt wurden.

Jeden Morgen hissten wir die estnische Flagge und sangen die Nationalhymne, abends versammelten wir uns wieder, um die Flagge niederzuholen und dabei eine andere ergreifende patriotische Hymne zu singen. Manchmal schrillte frühmorgens der Alarm und wir sprangen aus dem Bett und fanden uns auf dem Paradeplatz ein, um "Erobert die gegnerische Fahne" zu spielen oder uns an einem Orientierungslauf zu versuchen.

Nachhilfestunden für Alltags-Untaugliche

Als ich mich wieder auf die Geschichten meine Freundin konzentrierte, erklärte sie gerade, dass die Kommunikationsmedien einer strengen Kontrolle unterworfen würden. "Wenn ich meine Kinder erreichen möchte, kann ich das Camp anrufen und die übermitteln ihnen dann eine Nachricht. Es sind weder Laptops noch Handys oder Tablets erlaubt. Es ist einfach großartig", sagte sie, "so können sie sich in aller Ruhe in die Gruppe integrieren, Bücher lesen, die Natur genießen und einfach Kind sein." Wir waren uns einig, dass das Ganze einfach himmlisch klang.

Dieser "Zurück zum Ursprung"-Ansatz ließ mich nicht los und ich fing an, darüber nachzudenken, wie ich meine Insel in Schweden in einen "Back to basics"-Ort für Erwachsene umwandeln könnte - natürlich im Sinne eines Erlöse generierenden Unternehmens. Da es nur eines gezielten Axthiebes bedurfte, um sie vom Stromnetz zu trennen, könnte ich eine Windturbine installieren und ein völlig netzunabhängiges, autarkes Paradies für Leute kreieren, die ihren Alltag für ein oder zwei Wochen abschalten wollen. Bis auf die wirtschaftliche Komponente klang das nach einer guten Idee, da sich mein Sommer-Camp sehr leicht vermarkten ließe und ich davon überzeugt war, dass es Bedarf dafür gäbe. Der Haken bestand darin, neben dem Bed & Breakfast genügend andere Umsatzquellen zu finden, um das Ganze rentabel zu machen.

Ich wollte mich schon wieder von dem Gedanken verabschieden, aber dann landete ich am vergangenen Wochenende in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle im Flughafen von Pisa und wurde Zeuge eines außerordentlichen Schauspiels. Als der Mann vor mir sich der Kontrollzone näherte, begann er plötzlich, total hektisch und schweißtreibend in seine Hosentaschen, Beutel, Umhängetaschen und Tüten zu greifen und Sachen in die Plastiktabletts zu werfen. Nach meiner Vorstellung sollte so eine Übung in etwa 15 Sekunden erledigt sein, aber es war wirklich erstaunlich, was er da alles aus am ganzen Körper verteilten Taschen zog. Wer mit vier Handys und ganzen Päckchen voller Sim-Karten verreist, hat meist nichts Gutes im Sinn. Auf diese folgten dann noch Schlüssel, Magnet-Streifenkarten, zwei Mini-Taschenlampen, Stifte und etwas Kaugummi.

Ich wollte gerade meine Sachen auf das Band legen, da ich mir sicher war, dass der Mann endlich fertig war, da öffnete er ein weiteres Reißverschlussfach auf der Rückseite seiner Jacke und zog einen Tablet-Computer raus, ein Notebook sowie weitere Gegenstände. Schließlich bückte er sich, um etwas aus einem rund um seinen Oberschenkel befestigten Geldgürtel zu ziehen und ich beschloss, dass es an der Zeit sei, ihn einfach zu überholen.

Während meine Mitreisenden sich mit ihren Taschen abschleppten, hatte ich plötzlich meine fehlende Einnahmequelle gefunden: Ich könnte ein Sommer-Camp anbieten, das sich dem Meistern grundlegender Fähigkeiten für den Alltag widmet. Der Mann mit dem ganzen Kram in seinen Taschen war genau der Typ, den ich für "Eleganz und Effizienz: Vom Trottel zum Helden vor der Sicherheitskontrolle" rekrutieren würde. Die Person im Flugzeug mit ihrem quäkenden iPhone könnte sich im Kurs "Stille und Respekt: eine Einführung in die Kunst ein besserer Mitbürger zu werden" einschreiben. Das Pärchen, das die Windeln ihres Zöglings einfach im Gang wechselte, wäre ein idealer Kandidat für "Bring das Baby ins Bad: das Einmaleins der Hygiene in großer Höhe". Sie können sich oder andere für meine Sommer-Camps 2012 ab heute anmelden.

Autor:
Tyler Brûlé