Fast Lane Ein Loblied auf die Deutsche Bahn

Der April war mein "Triff die Fast-Lane-Leser"-Monat: Von den Seitenstraßen in Hongkongs Stadtteil Causeway Bay bis hinein in die Lobby der Villa d'Este am Comer See befand ich mich plötzlich Auge in Auge mit meinen Lesern.

Seltsamerweise denkt man beim Schreiben einer Kolumne ja immer, man sei anonym - bis man dann plötzlich und im schlechtmöglichsten Moment erkannt wird. Ich fluchte also gerade wie ein wild gewordener Lastwagenfahrer in der - wie ich dachte - menschenleeren Toilette eines Restaurants, als mich jemand aus dem Off mit den Worten begrüßte, wie sehr ihm doch meine Kolumne gefalle.

Und während wir nach der Landung eines Air-France-Flugs von Paris nach Tokio darauf warteten, dass die Türen geöffnet wurden, näherte sich ein reizender Herr mit der Bemerkung, wie sehr er die letzte Seite der Zeitung (Anmerkung der Redaktion: Diese Kolumne erscheint auch in der gedruckten Ausgabe der englischen "Financial Times") und die Positionierung "Fast Lane" vs. "Slow Lane" schätze. Dann fragte er mich, wie ich es bloß hingekriegt hätte, den ganzen Flug über durch zu schlafen.

"Es war recht bemerkenswert zu sehen, wie Sie an Bord gingen, ein Glas Champagner kippten und dann elf Stunden lang in einem komatösen Schlaf versanken", sagte mein Leser.

Ich erklärte, dass ich einen speziellen Stoffwechsel hätte, der sich sehr gut mit der Luftqualität und dem weißen Rauschen einer Boeing 777 vertrage.

Und dann stand ich da, während wir im Gang warteten: etwas benommen ins Licht blinzelnd, mit total asymmetrisch fallenden Haaren, Kissenabdrücken im Gesicht, verklebten Augen und wahrscheinlich auch noch getrockneten Zahnpastaresten in den Mundwinkeln.

Leser: "Sagen Sie Ihren Vorgesetzten, dass ich die Wochenend-Ausgabe der Financial Times mit Ihrer Kolumne wirklich toll finde!"

Kissengesicht: "Danke, werde ich."

Leser: "Darf ich Sie noch was fragen? Woher wissen Sie eigentlich, was Sie jede Woche schreiben sollen? Geben die Herausgeber Ihnen kleine Tipps, zu welchem Thema sie gern mal etwas lesen möchten?"

Kissengesicht: "Hmmm, die Herausgeber müssen sich um wichtigere Dinge kümmern. Die machen sich eher Gedanken um den Titel als um die letzte Seite. Ich habe das Glück, über alles schreiben zu können, was mich interessiert, wenn ich die Kolumne zwischen Dienstagabend und Mittwochmorgen fülle."

Leser: "Und was steht in der nächsten Kolumne?" (Zu dem Zeitpunkt war es Freitag.)

Kissengesicht: "Das kann ich unmöglich sagen. Sie werden online gehen müssen, sobald sie das Gepäckband erreicht haben, oder bis morgen Früh warten. Mein Chef würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich einen möglichen Verkauf der Wochenendausgabe sabotiere, indem ich den Inhalt der Kolumne vorab verrate."

In den meisten Wochen gibt es irgendein Ereignis, das mich bewegt, und normalerweise verarbeite ich das dann auch zur Kolumne. Aber manchmal bin ich bei Wort Nummer 447 (wie jetzt gerade) und merke, dass dieses Ereignis bisher noch nicht wirklich stattgefunden hat. Also geht es schließlich um alle möglichen Dinge.

Ein Loblied auf die Deutsche Bahn

Jetzt gerade sitze ich zum Beispiel in Berlins luftigem Hauptbahnhof in einem funkelnden ICE der Deutschen Bahn, der mich gleich mit Hochgeschwindigkeit nach Hamburg bringen wird, und frage mich, ob ich über die Übernahme des britischen Verkehrskonzerns Arriva durch die Deutsche Bahn im letzten Monat schreiben soll oder darüber, warum das deutsche Unternehmen sich nicht darauf hätte beschränken sollen. Es sollte im Gegenteil jedes kleine Stückchen Eisenbahn in Großbritannien aufkaufen und der neuen Regierung helfen, die Herzen der Bevölkerung durch pünktliche, superschnelle Züge zu gewinnen, die auch noch gutes Catering bieten.

Zehntausende Jobs könnten kreiert werden, wenn man die meisten der großen Bahnhöfe abreißen und statt dessen elegante Mehrzweck-Bauten errichten würde, um die wunderschönen aber antiquierten Gebäude zu ersetzen, die zwar ziemlich hübsch sind, aber inzwischen auch recht schäbig aussehen.

Ich habe mich dann der Wochenend-Ausgabe meiner Zeitung zugewendet, wo mich die ganze Continental-United-Fusion und das begleitende PR-Geschwafel eher abstießen. Warum sollte der Zusammenschluss zweiter mittelmäßiger großer Fluggesellschaften für irgendwen von Vorteil sein? Bedeutet das nicht einfach die doppelte Menge an Mittelmäßigkeit?

Ich kenne ein oder zwei Leute in den USA, die geradezu missionarisch werden, wenn es um Continental geht (jemanden, der von United schwärmt, muss ich hingegen erst noch treffen), aber ich habe noch nie begriffen, welchen Nutzen es haben sollte, mit einer der beiden Gesellschaften zu fliegen.

Die Entscheidung des neuen Managements, den Namen von United zu behalten und ihn dann in die Corporate Identity von Continental zu integrieren (indem Logo, Beschriftung und Farbton des Letzteren benutzt werden), hinterlässt nicht nur einen uninspirierten Eindruck, gleichzeitig wurde damit auch die Chance vertan, ganz von vorne anzufangen.

Warum nicht eine völlig neue Identität? Sogar ein neuer Name? Ja, okay, ich weiß, dass ich diesem Thema zuviel Platz widme, wo es doch höchst unwahrscheinlich ist, dass ich mit dieser Linie in naher Zukunft fliegen werde.

Bei meinem schnellen Rundgang durch den Kiosk am Berliner Hauptbahnhof begeisterte ich mich schließlich für die deutschen Medien - vor allem im Print-Bereich. Es gibt einfach jede Menge davon - und vieles ist sehr gut. Ich musste einen Schritt zurücktreten und die Auswahlmöglichkeiten bewundern, die ein Pendler morgens an einem deutschen Bahnhof im Vergleich zu einem britischen hat.

Zu einer Zeit, wo viele infrage stellen, dass seriöse neue Titel in den Industrieländern überhaupt noch auf den Markt gebracht werden, ist es aufregend zu lesen, dass Deutschland vielleicht sogar noch ein zusätzliches wöchentliches Nachrichtenmagazin als Konkurrenz zum Spiegel bekommt.

Und das Fazit? Benimm dich gut, egal wo du dich in der Welt aufhältst. Züge sind toll und England braucht mehr von ihnen, zusammen mit der entsprechenden Infrastruktur. Das neue United hat eine Chance vertan. Und Print ist alles andere als tot - vor allem in Europas größter Volkswirtschaft.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé