Sabbatical Ein Hamburger Schulleiter auf Weltreise

MERIAN.de: Herr Lengwenus, Sie werden gerade von Lehrerkollegen vertreten. Haben Sie denn keine Angst, dass während Ihrer Abwesenheit alles aus dem Ruder läuft?
Lengwenus: Ich bin entspannt. Es gab viele Kollegen, die vor meiner Auszeit zu mir kamen und meinten: Wie soll das nur werden? Es wird ein Katastrophenjahr! In Wahrheit ist es doch so: Es geht immer weiter. Man darf nicht glauben, dass alles an einem selbst hängt. Wenn ich heute tot umfallen würde, bricht die Schule doch nicht zusammen. Und auch kein Verein oder eine Firma.
MERIAN.de: Sind Sie auf der Flucht vor dem Alltag, vor dem grauen und kalten Hamburg?
Lengwenus: Nein, ich bin wahnsinnig gerne Hamburger, ein totaler Heimatmensch, und weiß, wo ich hingehöre. Trotzdem habe ich Lust, die Welt zu sehen. Diese Kombination macht Reisen total entspannt.

MERIAN.de: Gab es einen Auslöser für dieses Sabbatical?
Lengwenus: Ja vielleicht. Ich hab mir einen Vortrag zweier Menschen angehört, die mit dem Motorrad um die Welt gefahren sind. Am Anfang wollten sie nur nach Indien fahren, am Ende waren sie 16 Jahre lang unterwegs. Ich fand die beiden sehr freakig, aber am Schluss haben Sie etwas ganz Schlaues gesagt: Man wird so eine Reise nie machen, wenn man sich keinen Termin setzt. Man muss losfahren, komme was wolle!

MERIAN.de: Ist Ihnen etwas in die Quere gekommen?
Lengwenus: Das kann man so sagen: Ein dreiviertel Jahr, bevor ich losgefahren bin, bin ich mit meiner Freundin zusammengekommen. Wir haben ganz lange über die Reise diskutiert. Am Ende war sie es, die gesagt hat: Das ist doch dein Traum. Sieben Jahre sparst du jetzt schon darauf. Du musst fahren!

MERIAN.de: Welches Land oder Erlebnis war für Sie das bisherige Highlight der Reise?
Lengwenus: Das Highlight ist eigentlich die gemischte Auswahl meiner Länder. Sechs Jahre lang lagen neben meinem Bett ein Atlas und ein Fischers Weltalmanach und ich habe darüber nachgedacht, wo ich hinfahren möchte. Bis vor zwei Jahren war Afrika nicht dabei. Doch dann war ich bei dem WM-Endspiel in Südafrika und habe noch über ein Schulprojekt ein Kinderdorf in Sambia kennengelernt, das mich total verzaubert hat. Ab dem Zeitpunkt war klar, dass Afrika ein wichtiger Teil meiner Reise ist.

MERIAN.de: Gab es während der Reise eine heikle Situation, mit der Sie nicht gerechnet haben?
Lengwenus: Ja, das ging schon am Hamburger Flughafen los! Alle anderen wurden eingecheckt, nur ich nicht, weil ich kein Rückflugticket hatte. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Es gibt Länder, die jemanden ohne Rückflugticket nicht aufnehmen, weil man sich theoretisch dort niederlassen könnte. Alle meine Freunde standen da und verabschiedeten mich und ich war der Trottel, der nicht los fliegen konnte.

MERIAN.de: Was geschah dann?
Lengwenus: Der Chef der Fluglinie kam und informierte mich darüber, dass es ein Flugticket von A nach B gäbe, das zwar sehr teuer ist, das man aber sofort wieder stornieren kann. Als ich durch die Sperre durch war, habe ich sofort angerufen und das Ticket storniert.

So schläft Björn Lenwenus am liebsten, allein in einem Zelt in der Wildnis.
Björn Lenwenus
So schläft Björn Lenwenus am liebsten, allein in einem Zelt in der Wildnis.
MERIAN.de: Weihnachten haben Sie kurz in Deutschland eine Pause eingelegt. War das gut – so mittendrin im einjährigen Sabbatical?
Lengwenus: Ja, ich habe mich auf Weihnachten gefreut, auf Heimat, auf die Menschen, die ich kenne. So ein bisschen Reise-Burnout hatte ich schon, nach fünf Monaten. Aber was ich spannend finde: Ich bin fünf Monate durch die schönsten Orte der Welt gereist, aber als ich in Hamburg einflog und es regnete, hat mich so ein starkes Gefühl von Zuhause durchströmt, dass ich weinen musste.

MERIAN.de: Reise-Burnout? Wie kommt das? Ich dachte, man spricht nur in Zusammenhang mit Arbeit von Burnout.
Lengwenus: Reisen kann auch ganz schön anstrengend sein, alleine reisen sowieso. Ich muss ständig Entscheidungen treffen, muss alles, was ich sehe verarbeiten, alles organisieren. Ich bin nie zu Hause und schlafe immer in anderen Betten. Das ist schön, aber es kostet auch viel Kraft.

MERIAN.de: Können Sie eigentlich die wichtigsten Sprachen fließend?
Lengwenus: Nein, ich spreche kaum Englisch, kein Portugiesisch, kein Spanisch.

MERIAN.de: Wie kommen Sie dann überhaupt durch die Welt?
Lengwenus: Ich habe festgestellt, dass die Universalsprache das Lächeln ist. In Quito in Ecuador war ich zum Beispiel in einem Restaurant, in dem es nur eine spanische Speisekarte gab. Niemand sprach Englisch. Die Kellnerin und ich haben abwechselnd die Tiere nachgemacht, die ich essen wollte. Ich hab wie ein Schwein gegrunzt, sie hat versucht, ein Meerschweinchen nachzuahmen.

Im Morgengrauen die traumhafte Landschaft für sich haben.
Björn Lenwenus
Im Morgengrauen die traumhafte Landschaft für sich haben.
MERIAN.de: Noch einen Kniff fürs erfolgreiche mimische Kommunizieren?

Lengwenus: Beim Taxifahren in Südamerika habe ich festgestellt, dass es völlig willkürliche Preise für eine Fahrt gibt. Aber umso mehr man kommuniziert, um so weniger zahlt man auch. Wenn ich mich in ein peruanisches Taxi setzte, fragte ich zum Beispiel, ob sie „Hamburgo“ kennen, dann bekamen sie schon leuchtende Augen. Paolo Guerrero ist ja Peruaner, spielt beim HSV, und ist einer ihrer Volkshelden. Wir sprachen dann abwechselnd über Fußball, ohne uns gegenseitig zu verstehen. Am Anfang habe ich zehn Dollar für eine Fahrt bezahlt, am Ende zwei.

MERIAN.de: Hatten Sie während Ihrer Reise auch mal richtig Heimweh, Sehnsucht nach vertrauten Gesichtern?                                                                                                              Lengwenus: Gerade wenn man die Sprache nicht spricht, hat man natürlich Sehnsucht nach tiefen Gesprächen auf Deutsch. Ich hab mein Netbook dabei gehabt und abends mit meiner Freundin und meiner Familie über Skype gesprochen, das war schön. Ich wollte mich aber auch nicht total abkapseln und habe die Hamburger Zeitung und die Behördenseite gelesen, aber mir dabei vorgenommen, mich nicht einzumischen. Es gibt auch melancholische Momente, wenn man an ganz schönen Orten alleine sitzt.

MERIAN.de: Wo zum Beispiel?
Lengwenus: Auf dem Weg zur Ruinenstadt Machu Picchu in Peru zum Beispiel, einer sehr anstrengenden viertägigen Wanderung mit Tausenden von Stufen. Am Wegesrand lagen Leute, die mit Goldfolien abgedeckt waren und mit Sauerstoff beatmet wurden. Plötzlich kommt man durch die Wolken und sieht hinunter auf Machu Picchu und hat diesen ganz besonderen erhabenen Blick. Das sind so Momente, die man gerne mit Menschen teilen möchte, die man liebt.

Eine Elefantenherde hautnah erleben.
Björn Lenwenus
Eine Elefantenherde hautnah erleben.
MERIAN.de: Wie war Ihr Lebensstil beim Reisen, teuer oder eher low-budget? 

Lengwenus: Ich habe nicht die ganz harte Tour gemacht - mit dem Bus durch Südamerika, in Jugendherbergs-Schlafsälen schlafen. Doch ich schlafe nicht gern mit so vielen anderen Leuten in einem Zimmer. Ich habe dann Angst um meine Sachen oder dass ich mit meinem Schnarchen andere störe oder dass andere schnarchen. Deswegen war mein Grundsatz: Ich möchte entweder im Campingplatz im Zelt schlafen oder in einem preiswerten Einzelzimmer, und dann auch gerne mit Dusche und WC.

MERIAN.de: Ganz billig hört sich das nicht an!
Lengwenus: Ich wollte natürlich sparsam leben und nicht mein ganzes Geld verprassen, aber wenn ich etwas ganz Tolles erleben kann, wird das sicher nicht am Geld scheitern. In Botsuana zum Beispiel wurde ein Flug über das Okavangodelta angeboten, dafür zahlte man 100 Euro für 20 Minuten. Das hätte ich als Student nicht gemacht. Heute kann ich mir so etwas in begrenztem Umfang leisten. Diesen finanziellen Fallschirm finde ich für mich in Ordnung. Aber das Abenteuer ist begrenzt: Wenn ich keine Lust mehr habe, geh ich einfach zum Flughafen und flieg nach Hause.

MERIAN.de: Manche würden Sie jetzt für diese Einstellung beschimpfen...
Lengwenus: Ich schäme mich dafür nicht. Ein paar Leute haben gesagt, so eine Weltreise ist ja nur cool, wenn man low-budget unterwegs ist. Das finde ich nicht.

MERIAN.de: Und wie viel haben Sie im Schnitt nun tatsächlich gebraucht?
Lengwenus: Ich habe mir vorgenommen, mit 50 bis 100 Euro am Tag auszukommen, inklusive der Flüge. Das hat in etwa geklappt. Das klingt erst mal nach viel Geld. Aber man darf ja nicht vergessen, dass ich davon auch meine laufenden Kosten in Deutschland abdecke - wie Vereinsmitgliedschaft oder Hausratsversicherung. Das Geld hätte ich auch in Deutschland ausgegeben. Meine Wohnung habe ich allerdings untervermietet, mein Auto abgemeldet.

Sandboarding im Sonnenuntergang.
Björn Lenwenus
Sandboarding im Sonnenuntergang.
MERIAN.de: Gab es einmal einen Moment oder eine Situation, in der sie wirklich Angst hatten?
Lengwenus: Auf dem Weg nach Machu Picchu haben wir einmal auf einer Höhe von 3800 Metern gecampt. Auf dieser extremen Höhe hatte ich Atemnot. Nachts bin ich aufgewacht und habe keine Luft mehr bekommen. Ich habe am ganzen Körper gezittert und war mir sicher: Jetzt muss ich sterben! Das war ein furchtbarer Moment, denn auf dieser Höhe kommt auch kein Hubschrauber zur Rettung. Was ich dann dachte war: Das wäre wirklich dumm, genau jetzt zu sterben. Ich habe diesen Berg überwunden und soviel zu erzählen - das geht jetzt nicht.

MERIAN.de: Im Nachhinein klingt das eher absurd-lustig...
Lengwenus: Ich bin wirklich ein Angsthase. Deswegen passt das auch gar nicht zu mir, dass ich so eine Reise mache. Vor wilden Tieren habe ich übrigens auch Angst, viel mehr als vor Diebstahl!

MERIAN.de: Sind Sie gefährlichen Tieren begegnet?
Lengwenus: In Botsuana zum Beispiel haben wir in einem Nationalpark gezeltet. Ein Ranger meinte zu uns, ihr könnt hier zelten, gar kein Problem, aber eine Löwenfamilie läuft gerade in eure Richtung. Geht bitte nicht so weit weg vom Feuer. Nachts im Zelt habe ich dann die Löwen brüllen gehört, doch sie gehen zum Glück nichts ins Zelt. Sie nehmen es als eine Fläche war und können nicht kombinieren, dass da ihr Essen liegt.

MERIAN.de: Sind sie manchmal auch stolz auf sich? So eine einjährige Reise erfordert ja auch viel Mut!
Lengwenus: Permanent! Viele enge Freunde haben zu mir gesagt, sie seien auch stolz auf mich, weil sie nicht geglaubt haben, dass ich wirklich losfahre. Ich liebe meine Schule und bin in den letzten Jahren völlig darin aufgegangen. Was mir allerdings wirklich Sorgen bereitet hat, ist, dass ich die letzten 20 Jahre immer mit vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht gut ausgekommen bin. Seit meiner Reise schlafe ich zehn bis zwölf Stunden pro Nacht. Jetzt lasse ich das auch zu, denn ich habe festgestellt, dass ich diese Erholung und diesen Schlaf brauche. Das hätte ich mir aber vorher niemals eingestanden. Ich frage mich aber auch, wie das wieder im Alltag wird - ob ich das Pensum, das ich mir immer gesetzt habe, schaffe, und ob mir das überhaupt noch wichtig ist.

Vor einem Mammutbaum in Seqouia, Kalifornien.
Björn Lenwenus
Vor einem Mammutbaum in Seqouia, Kalifornien.
MERIAN.de:
Was sind für Sie bisher die Vorteile einer so langen Auszeit?
Lengwenus: Viele! Man schaut noch mal über den Tellerrand und stellt fest, dass alles nur ein Puzzlestück ist. Man räumt ein bisschen mit sich selbst auf und kann Dinge verarbeiten. Ich hatte das Gefühl, dass ich hochkreativ bin. Alle neuen Ideen habe ich in einem Tagebuch notiert. Wann hat man schon mal die Zeit, so klar über Dinge nachzudenken? Das kann man doch besser an einem Strand in Kapstadt oder an einem See in Kanada. Für mich ist das auch die Mitte des Beruflebens, in der man einfach mal Bilanz ziehen kann, ob man’s eigentlich ganz gut gemacht hat. Ein bisschen so wie beim Fußball in der Halbzeit.

MERIAN.de: Gibt es ein Finale, vielleicht noch ein Sabbatical?
Lengwenus: Meine Freundin und ich überlegen gerade, ob wir zusammen noch mal ein Sabbatjahr nehmen, vielleicht dann mit Kindern und diesmal mit dem Auto. Vielleicht einfach ein Jahr in Europa. Eigentlich ist Fliegen total uncool. Denn man erlebt dabei die Zwischenräume überhaupt nicht.

Eine Peruanerin neben ihren Alpacas.
Björn Lenwenus
Eine Peruanerin neben ihren Alpacas.
MERIAN.de:
Welche neuen Impulse haben Sie bekommen, bisher?
Lengwenus: Weil ich als Schulleiter so viele administrative Aufgaben hatte, habe ich irgendwann aufgehört zu unterrichten. Während der Reise habe ich festgestellt, dass mir ein positiver Schülerkontakt gefehlt hat. Sie sind nur noch zu mir geschickt worden, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Dadurch hat sich mein Schülerbild geändert, aber auch das der Schüler von mir. Wenn ich im Sommer von meiner Reise zurückkomme, will ich wieder Unterricht geben.

MERIAN.de: Haben Sie sich beim Reisen physisch überanstrengt oder eher erholt?
Lengwenus: Mein Arzt hat gesagt, dass alle meine Werte Traumwerte sind. Vor eineinhalb Jahren musste ich auf viele Dinge achten: Blutdruck, Vitaminhaushalt, einfach das, was auf viele Leute zutrifft, die arbeiten und im Stress leben. Zudem war ich ein Zuckerjunkie, besonders nachts, wenn ich noch arbeiten musste, hab ich mir oft Cola und Mars gegönnt. Auf der Reise war das plötzlich unbedeutend, ich habe 15 Kilo abgenommen, ohne, dass ich mir das vorgenommen hatte.

MERIAN.de: Auf welchem Weg wollen Sie eigentlich heimreisen?
Lengwenus: Eigentlich habe ich den Traum am Ende der Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Peking nach Hamburg zurück zu fahren.Das ist ein bisschen romantisch verklärt. Aber ich stelle mir das cool vor, nach so einer langen Reise mit dem Zug am Hauptbahnhof einzurollen, Meter für Meter, Rad für Rad abgerollt zu haben, von Asien nach Deutschland.

Björn Lenwenus Blog: www.bisbaldbarmbek.blogspot.com

Autor:
Bettina Hensel