Fast Lane Durchmachen oder Tiefschlaf?

Große Feiern und frühe Flüge am darauf folgenden Morgen sind keine glückliche Kombination - außer die Festivität ist nicht wirklich aufregend und der Abflug bei Tagesanbruch kann also als perfekte Ausrede dienen, um die Serviette zusammenzufalten und frühzeitig abzuhauen.

Schon häufig war ich klug genug, rechtzeitig abzuschätzen, wie sich die Dinge den Abend über wohl weiter entwickeln würden. Zwischen einzelnen Menü-Gängen oder den Drehungen auf der Tanzfläche halte ich dann ein paar Sekunden inne und gehe eine Checkliste durch:

1. Amüsiert sich jeder? Wenn ja, wie lange wird das voraussichtlich anhalten?

2. Amüsiere ich mich? Wenn gut, dann: Wie lange kann ich noch durchhalten?

3. Nehme ich die Chance wahr, die Party zusammen mit einem Schwung vernünftiger Leute zu verlassen?

4. Verpflichte ich mich stattdessen dazu, einer der Letzten zu sein?

5. Um wie viel Uhr muss ich mich verabschieden, um noch eine ordentliche Dosis Schlaf abzubekommen?

6. Wenn ich durchmache, wann muss ich spätestens aufbrechen, um dann wie ein Wahnsinniger nach Hause oder zurück ins Hotel zu rasen?

7. Habe ich schon gepackt? (Dumme Frage, natürlich nicht)

8. Weiß ich, was ich packen muss?

9. Ist es möglich, einen späteren Flug zu nehmen?

10. Kann ich mich wenigstens noch ordentlich herrichten, bis ich an meinem Ziel ankomme?

All diese Fragen gingen mir am Dienstagabend beim 40. Geburtstag eines Freundes durch den Kopf. Während der Abend in einem gemütlichen libanesischen Restaurant in Maida Vale, West London, begann, hatte ich keinen Schimmer, was nach dem Aufgebot an Mezze und Hauptgerichten so geplant war. Würde getanzt werden? Würde man an einem anderen Ort weiterfeiern?

Im Hinterkopf blitzte dabei grell und blendend der Gedanke an meinen 6.40-Uhr-Flug nach Wien auf. Hielt ich ein DZF (Direkt zum Flugzeug) unter der Woche aus? Oder wäre vor dem gefürchteten Weckruf genug Zeit für ein paar Stunden Schlaf?

Als das Gespräch zunehmend das Thema "Drei ist die neue Zwei" umkreiste - also wie viele Kinder gerade angesagt waren -, begriff ich, dass die Party nicht mehr lang dauern würde. Offensichtlich warteten etliche Babysitter und Kindermädchen darauf, erlöst zu werden. Kurz darauf wurden Stühle weggeschoben, die Beleuchtung hochgedreht und die Schlafenszeit eingeläutet.

Ich hätte leicht dazu überredet werden können, noch irgendwo hinzugehen, aber eine halbe Stunde später befand ich mich doch wieder in meiner Wohnung. Dort versuchte ich abzuwägen, ob es klüger wäre, für die zweiwöchige Reise, die mich nach Wien, München, Tokio und New York führen würde, zu packen, bevor ich mich hinlegte, oder bis 4.30 Uhr herumzuhantieren und dabei genau zu überlegen, was in meine Tasche gestopft werden sollte. So verlockend das Bett auch aussah, ich holte meine zuverlässige Boston-Tasche raus und ging die nötigen Garderoben-Berechnungen durch.

Der Fahrer klingelt ...

15 Minuten später war mein kleines Handgepäck fertig und die Reisekleidung rausgelegt. Aber als ich gerade für die mir verbleibenden dreieinhalb Stunden Schlaf ins Bett hüpfen wollte, war ich plötzlich nicht mehr müde.

Ich muss dann doch eingenickt sein und wurde einige Stunden später durch den klingelnden Fahrer geweckt. Ich rannte unter die Dusche und befand mich 20 Minuten später auf der Straße. Der Verkehr war viel dichter als sonst um 5 Uhr morgens. Eine bunt gemischte Autoansammlung rollte in einer wilden Kolonne die Straßen entlang. Ein paar Typen sprangen raus und passten auf, als einige langbeinige, ebenfalls wilde Mädchen zwischen den Wagen herumtrippelten, während man breitnasige Männer durch ihre runtergelassenen Heckscheiben grunzen hörte.

30 Minuten später verfolgte ich, wie das muntere Flughafen-Sicherheitspersonal mit einer ebenfalls vergnügten Frau darüber diskutierte, aus was der Absatz ihrer Schuhe gemacht sei. Die Sicherheitsleute sagten, das sich da drinnen Metall befände und dass die Schuhe entfernt werden müssten.

Die Besitzerin des etwas zu spitzen Schuwerks bestand ihrerseits darauf, dieses sei aus Kohlenstofffaser und würde keinen Alarm auslösen. Während sie sich noch durch das Periodensystem durcharbeiteten, schlängelte ich mich elegant um sie herum, hob meine Tasche aufs Band und sammelte sie schnell wieder ein.

Etwa 30 Minuten später beschleunigte die marode BA 757 auf der Startbahn (sollten diese Flugzeuge nicht längst aussortiert worden sein?) und kurz danach machten wir eine scharfe Linkskurve über Farnborough. Während wir Richtung Ärmelkanal flogen und uns der Kapitän vor Schauern und Sturmböen über Wien warnte, dachte ich, es müsse einen besseren Weg geben. Statt DZF lieber DZZ: Direkt zum Zug?

In meiner superschnellen Eisenbahn-Traumwelt hätte ich die Party verlassen, wäre nach Hause gegangen, hätte gepackt und den Mitternachtshochgeschwindigkeitszug nach Wien genommen. In dem zurückhaltend beleuchteten Waggon hätte ich es mir in einem weit zurücklehnbaren Komfortsessel mit viel Beinfreiheit gemütlich gemacht und den ganzen Weg bis München gedöst.

Irgendwo auf Höhe der deutsch-österreichischen Grenze hätte ich in einem perfekt ausgestatteten Speisewagen Platz genommen, um mich dem mitteleuropäischen Frühstücksbüfett zu widmen und zwei von einem Barista aus Triest zubereitete Melange zu kippen.

Da die meisten großen europäischen Gesellschaften es längst aufgegeben haben, ein auch nur ansatzweise differenziertes Business-Class-Produkt anzubieten, kann ein Hochgeschwindigkeitseuropa mit schnellen Verbindungen rund um die Uhr doch gar nicht früh genug kommen.

Übersetzung: Andrea Fonk für MERIAN.de

Autor:
Tyler Brûlé