Nachgeschenkt Durch Zufall zum Spitzenwinzer

Diese Geschichte müsste verfilmt werden. Sie erzählt, wie ein stressgeplagter Manager zufällig zum Spitzenwinzer wird: Dr. Rainer Scholz, Manager in der Automobilindustrie, versucht auf Spaziergängen durch die Weinberge ein wenig abzuschalten. Aus Berlin-Mitte hat es ihn direkt nach Strümpfelbach ins Remstal verschlagen, unfreiwillig, der Job lässt ihm keine Wahl. Anfangs fühlt er sich manchmal, als habe man ihn in der Wildnis ausgesetzt. Die hat ihre Reize, aber Scholz ist in Hamburg aufgewachsen, ein Großstadtmensch aus Überzeugung.

Bei einem seiner Spaziergänge sieht er einen älteren Herrn mit Kofferradio, der sich im Weinberg zu schaffen macht. Die Musik plätschert, entspannt geht der Winzer seiner Arbeit nach. Diese Szene strahlt eine Ruhe aus, die Scholz fasziniert und anzieht. In diesem Augenblick wechseln in seinen Gedanken die Akteure im Weinberg, er sieht sich da stehen, beim Rebschnitt, in sich versunken, ganz bei sich.

Scholz ist es gewohnt zu handeln. Bei nächster Gelegenheit erwirbt er ein Stück Rebfläche, eine kleine, abgelegene Parzelle. Das Weingut Knauß in Weinstadt gibt sie nur allzu gerne ab, der Fremde scheint nicht zu wissen, was er tut. Der Weinberg ist mit Regent bepflanzt, der weit unten in der Hierarchie der Reben steht. Scholz ist zwar erst dabei, sein Weinwissen aufzubauen, eines weiß er schon: Er wird nicht immer Zeit finden, um im Weinberg nach dem Rechten zu sehen. Da kommt ihm der Regent gerade recht, eine pilzresistente Sorte, die nicht zu viel an Zuwendung benötigt.

Was dann folgt, mag man Fügung nennen, Scholz schafft mit seiner ersten Ernte ungewollt ein Luxusprodukt: Ein Hagelsturm zerstört einen Großteil seiner Trauben, ein erfahrener Winzer hätte den Weinberg als Totalausfall abgeschrieben. Scholz aber arbeitet, ohne es zu ahnen, wie ein Spitzenwinzer. "Ich habe jede gesunde Beere einzeln herausgepult und den Regent selektiert. Das macht sonst keiner." In Württemberg profilieren sich die Winzer mit Spätburgunder, Riesling und Lemberger. An Regent verschwendet man die wenigsten Gedanken.

Die Trauben, die Scholz mühsam eingesammelt hat, werden im Weingut Knauß verarbeitet. Andi, der Junior, kümmert sich darum, auch wenn ihm das alles reichlich merkwürdig vorkommt. Scholz besteht darauf, dass sein Regent im Barrique-Fass ausgebaut wird. Da kann Knauß nur den Kopf schütteln. Aber Scholz versteht es zu argumentieren und zu überzeugen. Der Wein liegt lange im Fass, viel länger als beabsichtigt. "Es hat sich einfach nie ergeben, ihn abzufüllen", erzählt Scholz. Als er nach 18 Monaten endlich aus dem Fass kommt, ist das Resultat überwältigend: Dieser tiefrote Wein aus dem Jahrgang 2006 mit Noten von Kirsche, Pflaume und Leder ist der außergewöhnlichste Regent aus deutschen Weinbergen.

Komplizen aus Leidenschaft

Dieser Wein macht Rainer Scholz, 49, und Andi Knauß, 29, zu Komplizen. Zu einem Team, das jetzt noch weitere Coups plant: Zusätzliche Rebflächen werden gepachtet und gekauft, insgesamt 1,5 Hektar. Bald können sie fünf Weine anbieten: Ihr Riesling von alten Reben ist stoffig, würzig und mineralisch. Der Müller-Thurgau, der 420 Meter hoch steht, überrascht mit seiner Stilistik: Er ist trocken, frisch, wie der Biss in einen Grünen Apfel. Der Schillerwein verblüfft mit seinen Aromen von Kirsche, Erdbeere und Vanille. Er besteht aus 60 Prozent Spätburgunder und 40 Prozent Riesling, der Großteil des Spätburgunders wurde im Barrique ausgebaut.

Scholz und Knauß verhelfen Außenseitern zu ungeahnter Größe und handeln dabei gegen viele Grundsätze der Weinbranche: Die beiden machen das, was man nicht erwarten würde. Aber auch mit Spätburgunder, der anspruchsvollsten Rebe, wissen sie umzugehen. Der aus dem Jahrgang 2008 kann zu den besten in Deutschland gerechnet werden, filigran, vielschichtig, Lust bringend.

Wein zu erzeugen ist eine Übung, ihn zu verkaufen, die andere. Rainer Scholz ist lange genug in der Wirtschaftsindustrie tätig, um zu wissen, dass auch die Verpackung, die Ästhetik von Produkten stimmen muss. Auf die Etiketten ihrer Weine werden die Geodaten gedruckt, der Standort der Weinberge. Der Regent beispielsweise wird ausgewiesen mit: 48° 47' 18'' North, oo9° 21' 53''. Scholz war jahrelang Projektleiter bei der Einführung des LKW-Mautsystems, der Umgang mit Koordinaten ist ihm vertraut. Die Geodaten auf den Etiketten sollen auf den Kern ihrer Arbeit verweisen: Der Boden ist der Hauptakteur in dieser Erfolgsgeschichte. "Wir wollen ehrliche und unverfälschte Weine machen", sagt Scholz. "Die Rebe transportiert die Originalität des Bodens in das Glas." Alle Weine werden ohne Reinzuchthefen spontan vergoren, "sie sollen den Charakter des Bodens repräsentieren". Als sie einmal in einer Weinbergshütte zusammen sitzen, steht nach ein paar Gläsern Wein auch der Name ihres Projekts fest: Parfum der Erde.

Die Preise der Spitzenweine sind selbstbewusst kalkuliert, der enorme Aufwand und die große Leidenschaft des Duos finden ihren Ausdruck darin. Scholz weiß, wen sie damit ansprechen wollen: "Weinbegeisterte Leute in Großstädten, denen es keine Sorge macht, auch mal 20 Euro auszugeben." Mit Parfum der Erde haben Rainer Scholz und Andi Knauß ein Label geschaffen, das auffällt in der Weinszene. Design und Marke sind Mittel, um sich zu unterscheiden. Aber die Winzer wissen nur zu gut, dass der Inhalt überzeugen muss. "Inzwischen respektieren uns auch die Spitzenwinzer im Remstal, weil sie sehen, dass Parfum der Erde kein Marketingag sind", sagt Scholz, der sich dort längst nicht mehr als Fremder fühlt. Inzwischen arbeitet er zwar wieder in Hamburg, aber alle zwei Wochen fährt er nach Strümpfelbach, um nach seinen Weinbergen zu schauen. Rainer Scholz lächelt entspannt, wenn er in Hamburg die Geschichte erzählt, wie er aus Versehen zum Spitzenwinzer wurde. Demnächst fährt er wieder in Richtung Süden, dann ist auch wieder das Kofferradio im Weinberg zu hören.

Bezugsquellen - Parfüm der Erde

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Autor:
Rainer Schäfer